BEHINDERUNG: Hier geht es ihr gut

Andrea Sennhauser ist psychisch beeinträchtigt. Eine Zeitlang war sie im Pflegedienst tätig. Heute arbeitet sie an einem geschützten Arbeitsplatz in einer Rorschacher Wäscherei. Anfangs zweifelte sie, ob eine solche Einrichtung das Richtige für sie ist.

Katharina Brenner
Drucken
Andrea Sennhauser erledigt in der Wäscherei der Heilpädagogischen Vereinigung in Rorschach (HPV), was gerade anfällt: waschen, bügeln oder mangeln. (Bild: Claudio Heller)

Andrea Sennhauser erledigt in der Wäscherei der Heilpädagogischen Vereinigung in Rorschach (HPV), was gerade anfällt: waschen, bügeln oder mangeln. (Bild: Claudio Heller)

Katharina Brenner

katharina.brenner@tagblatt.ch

Es riecht nach frischer Wäsche, die Luft ist trocken und warm. An einer Kleiderstange hängen Hemden, gewaschen und gebügelt. An jedem hängt ein Zettel mit dem Namen des Hemdträgers und dem Abholdatum. «Eine Woche haben wir für einen Auftrag», sagt Andrea Sennhauser. Die 29-Jährige arbeitet in der Wäscherei der Heilpädagogischen Vereinigung Rorschach (HPV). «Ich wasche, bügle, mangle – mache alles, was anfällt.»

Sennhauser führt in den nächsten Raum der Wäscherei. Dort liegt in einem grossen Behälter saubere, getrocknete Kleidung. Eine HPV-Mitarbeiterin bügelt ein Hemd, eine andere faltet eine Hose. Die Frauen begrüssen Sennhauser, lächeln, fragen, wie es ihr geht – gut, und euch? Die Stimmung ist herzlich. «Ich fühle mich hier wohl», sagt Sennhauser. «Hier darf ich auch mal einen schlechten Tag haben, hier darf ich Mensch sein.» Manche Tage im Leben von Andrea Sennhauser sind schlecht, weil sie an Depressionen und einer Aufmerksamkeitsdefizitstörung (ADS) leidet. Seit zwei Jahren komme sie ohne Medikamente aus. «Nur manchmal, wenn ich nicht einschlafen kann, nehme ich etwas.»

Sie steht Einrichtungen kritisch gegenüber

Aufgewachsen ist die 29-Jährige in Kirchberg. Mit elf Jahren kam sie in ein Heim. Dort haben die Probleme begonnen. Sennhauser bezeichnet sich als «Heimopfer». Einrichtungen dieser Art sieht sie seitdem kritisch. Von der HPV aber schwärmt sie: «Es ist der beste Arbeitgeber, den ich je hatte.» Seit Sennhauser volljährig ist, lebt sie selbstständig und hat den grössten Teil dieser Zeit gearbeitet – sowohl im normalen Arbeitsmarkt als auch im geschützten, dem sogenannten zweiten Arbeitsmarkt.

Ihre erste Station war ein IV-Haushaltslehrjahr im Kanton Luzern. Darauf folgte ein Praktikum in einem Alterszentrum. Die kommenden Jahre arbeitete Sennhauser erst in der Wäscherei einer Heimstätte in Wil, dann in einem Brockenhaus in Herisau. Während dieser Zeit wuchs ihr Wunsch, im ersten Arbeitsmarkt Fuss zu fassen. Sie schickte drei Bewerbungen ab. Auf die erste hin erhielt sie keine Reaktion, auf die zweite eine Absage und auf die dritte eine Zusage. Die Stelle war im Pflegedienst eines Seniorenzentrums. «Es war anstrengend, aber die Arbeit hat mir gut gefallen, und das Team war super», erinnert sich Sennhauser. Doch dann sei viel zusammengekommen: privat, psychisch, Stress bei der Arbeit. Nach einem halben Jahr wurde der Vertrag aufgelöst.

Zwei Jahre lang nur Absagen

Sennhausers nächste Station war eine geschützte Einrichtung in St. Gallen. «Die Stimmung im Team war schlecht, ich wurde gemobbt.» Auch an guten Tagen hätten Kollegen sie mit dem Satz begrüsst: «Heute hat Andrea wieder einen schlechten Tag.» Nach dieser Erfahrung wollte Sennhauser zurück in den ersten Arbeitsmarkt. Weil zuvor drei Bewerbungen gereicht hatten, war sie zuversichtlich. Doch dieses Mal kamen nur Absagen. Zwei Jahre lang. «Ich habe an allem gezweifelt», sagt Sennhauser. Über ein Mitglied der St. Galler Behindertenkonferenz kam schliesslich der Kontakt zur HPV zu Stande. «Ich war erst skeptisch. Aber ich sehnte mich nach Routine, ich wollte gefestigt werden.» Das sei ihr geglückt, sagt Sennhauser. «Es geht mir so gut wie lange nicht.»

Seit Februar arbeitet sie in der HPV in Rorschach. Immer montags, mittwochs und freitags, jeweils von 13 Uhr bis 16.30 Uhr. Einmal die Woche hilft sie zusätzlich im Caritas-Markt in ihrem Wohnort Wil aus. Dort räumt sie Produkte in Regale, die Kunden mit geringem Einkommen kaufen können. «Es ist schön, mit der Arbeit etwas Gutes zu tun», sagt Sennhauser.

Sie ist eine angenehme Gesprächspartnerin, hört aufmerksam zu und beantwortet Fragen mit Bedacht. Im Gespräch merkt man ihr die Krankheit nicht an. Und man sieht sie ihr auch nicht an. Die 29-Jährige ist gross und schlank, trägt schwarze enge Jeans und Perlenschmuck. Ein paar Strähnen der dunklen kurzen Haare hat sie blond gefärbt. «Oft muss ich mich dafür rechtfertigen, dass ich Unterstützung bekomme», sagt Sennhauser. Die Leute irritiere, dass sie nicht krank wirke. «Ich gehe genauso zwei Wochen in die Ferien wie alle anderen. Warum auch nicht?»

Eine eigene Nische für jede Person

Den Wunsch, wieder in den ersten Arbeitsmarkt zu wechseln, habe sie derzeit nicht. «Aber ich wünsche mir, dass das Zweiklassensystem aufgehoben wird.» Jeder Mensch sollte seinen Fähigkeiten entsprechend in einer Nische arbeiten können, findet Sennhauser. Deshalb sei sie auch Mitglied der Behindertenkonferenz des Kantons St. Gallen (siehe Text links). «Ich möchte, dass nicht nur von Inklusion gesprochen wird, sondern dass sie auch gelebt wird.»

Sennhauser sagt, sie störe die Entwicklung, dass für einfache Arbeiten eine immer kompliziertere Ausbildung nötig sei. Was ihre Arbeit betrifft, habe sie in den vergangenen Jahren vor allem eins gelernt: «Ich mache keine grossen Pläne mehr.» Sie müsse ihren Zustand annehmen, wie er sei. Und im Moment, hier in der HPV, gehe es ihr gut.

Aktuelle Nachrichten