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BEHINDERTENGERECHT: Kein Zugang für Rollstuhlfahrer

Statt ihre Bahnhöfe rollstuhlgerecht umzubauen, schliessen Bahnen in mehreren Kantonen kleine Haltestellen, um hohe Umbaukosten zu sparen. Auch in der Ostschweiz sind die Bahnen im Verzug.
Christoph Zweili
Der behindertengerechte Umbau von Bahnhöfen kommt in der Ostschweiz nur stockend voran. (Bild: (KEYSTONE/Gaetan Bally))

Der behindertengerechte Umbau von Bahnhöfen kommt in der Ostschweiz nur stockend voran. (Bild: (KEYSTONE/Gaetan Bally))

Der Bahnverkehr steckt noch immer voller Hindernisse für Menschen mit einer Behinderung. Abhilfe schaffen soll das Gesetz zur Gleichstellung behinderter Menschen: Es verpflichtet Unternehmen im öffentlichen Verkehr, bis 2023 einen barrierefreien Zugang zu allen Bahnhöfen der Schweiz zu gewährleisten. 20 Jahre hatten die Unternehmen Zeit für die Umbauten – ebenerdige Einstiege für Rollstuhlfahrer oder Markierungen für Sehbehinderte. Bund und Kantone geben rund sieben Milliarden Franken dafür aus. Eine Sendung der «Rundschau» zeigte nun aber, dass die Bahnen im Verzug sind: Schweizweit sind erst 800 Bahnhöfe behindertengerecht umgebaut. 40 Bahnhöfe werden oder wurden geschlossen, weil die Bahnen die Umbauten als unverhältnismässig einstufen.

Die SBB wollen das Gesetz bis 2023 erfüllen, räumen aber ein, «einzelne Haltepunkte, welche kaum Nutzer aufweisen, könnten ganz aufgehoben werden». Die Bundesbahnen rechnen damit, 200 ihrer 795 Bahnhöfe baulich nicht an das Gleichstellungsgesetz anpassen zu können. Das Bundesamt für Verkehr macht jetzt Druck auf die Bahnen und beantragt dem Parlament zwei Milliarden Franken für die Jahre 2021 bis 2024 zusätzlich, um auch kleinere Bahnhöfe behindertengerecht umbauen zu können.

In der Ostschweiz ist erst ein Drittel saniert

Auch in der Ostschweiz sind die Bahnen im Verzug. Gemäss den Unterlagen des Bundes werden bis Ende Jahr 65 Bahnhöfe oder Haltestellen behindertengerecht umgebaut sein (siehe Liste auf dieser Seite), weitere 60 werden das Gesetz bis 2023 erfüllen – und für einen weiteren Drittel (61 Bahnhöfe) enthalten die Daten des Bundesamtes keine klaren Angaben zu den Umbauplänen. Laut der Aussage des BAV werden diese Bahnhöfe grösstenteils im Rahmen anderer Projekte umgebaut.

So argumentiert auch SOB-Sprecherin Ursel Kälin: «Wir sind auf Kurs und werden bis 2023 alle Stationen umgebaut haben», sagt sie. Die Südostbahn erneuere sukzessive die über 100-jährige Strecke. Die behindertengerechten Anpassungen würden jeweils bei ohnehin anstehenden Umbauten oder Instandstellungen eingeplant, «etwa beim Bahnhof Neukirch-Egnach, der ab September bis Ende 2018 im Rahmen des Anschlusses der Ostschweiz an das europäische Hochgeschwindigkeitsnetz zur Kreuzungsstation ausgebaut wird».

Die Frauenfeld-Wil-Bahn hat bis heute sieben ihrer dreizehn Haltestellen behindertengerecht umgebaut. «Das sind vor allem jene mit hohen Passagierfrequenzen», sagt Mediensprecher Alexander Liniger. 1,3 Millionen Franken hat die FWB dafür investiert, weitere zwei Millionen Franken kämen nun für den Umbau der übrigen sechs Haltestellen noch dazu. Liniger ist auch Mediensprecher der Appenzeller Bahnen – hier sei die Herausforderung «ungleich grösser». Zwar seien wichtige Haltestellen wie etwa Gossau und St. Gallen bereits umgebaut worden, der Gesetzesauftrag bleibe aber «eine grosse Aufgabe». Im Moment richte man den Fokus auf die Hauptlinien Gossau–Wasserauen und Trogen–St. Gallen–Appenzell, «unser Ziel ist es aber, bis Ende 2023 alle 62 Haltestellen auf unserem Streckennetz behindertengerecht umgebaut zu haben. Die Anpassung der Bahnhöfe Herisau, Teufen, Gais, Wasserauen und Appenzell sei geplant, aber die Kosten noch nicht absehbar. «Überschlagsmässig kann man sagen, dass wir bei kleinen Haltestellen bis zu einer Million Franken investieren», sagt Liniger. Bei komplexeren Umbauten fielen die Investitionen «viel höher» aus.

Der «Rundschau»-Beitrag habe nur den Aufwand aufgezeigt, der unter das Behindertengleichstellungsgesetz falle. «Die tatsächlichen Kosten sind für Bahnen und Bund aber um ein Vielfaches höher.» So habe bei den AB allein der Umbau des Bahnhofs St. Gallen zum Durchgangsbahnhof rund 8,4 Millionen Franken gekostet. Davon entfalle nur ein Teilbetrag auf den behindertengerechten Zugang. Ähnliches gelte für den Bahnhof Appenzell: Hier schreibe der Gesetzgeber inzwischen neue Abstände von den Zügen zu den Perronkanten vor, «das heisst, wir müssen im schlimmsten Fall ganze Gleise oder gar Weichen verschieben». Das ginge dann in die Millionen.

Die Schliessung von kleinen Haltestellen ist auch in der Ostschweiz ein Thema. Der Entscheid dafür liege letztlich bei dem, der die Leistungen bestelle, also beim Bund und den Kantonen, heisst es bei der SOB. «Wenn wir Bahnhöfe schliessen, dann nur, weil sie nicht mehr ins Verkehrskonzept der Kantone passen und ihre Funktion verlieren.» Abgeklärt werde etwa die Schliessung der Station Gübsensee, sagt Kälin. Sie werde ab 2019/2020 nicht mehr bedient aufgrund einer Linienanpassung wegen diverser Baumassnahmen im Netz der S-Bahn St. Gallen. Zusammen mit dem Kanton St. Gallen und dem Bahnpartner Thurbo werde später entschieden, ob die Haltestelle ab 2021 wieder in Betrieb gehen soll.

Oppikon wird für Thurbo zum Prüfstein

Die Regionalbahn Thurbo ist für acht Bahnhöfe an der Linie S10 Weinfelden–Wil und sechs an der S14 Weinfelden–Kreuzlingen verantwortlich. «Drei Viertel sind behindertengerecht umgebaut», sagt der stellvertretende Geschäftsführer Werner Fritschi. «Bis 2019 werden es alle sein, mit einer Ausnahme: Die Haltestelle Oppikon erschliesst einen kleinen Weiler in der Nähe von Bussnang. Den Bahnhof mit täglich 15 Einsteigern behindertengerecht umzubauen, würde drei Millionen Franken kosten. Thurbo will die Haltestelle nicht schliessen, kann sich aber auch den Ausbau nicht leisten und setzt daher «wegen Unverhältnismässigkeit» auf eine Sonderbewilligung des Bundes. Die aber wäre gerichtlich anfechtbar – bis nach Lausanne.

Stand der rollstuhlgerechten Umbauten in Ostschweizer Bahnhöfen

Umbau abgeschlossen Jahr Kosten (Fr.) Umbau
bis 2023
Jahr Kosten (Fr.)
Altstätten 2008 190'000 Aadorf 2020 380'000
Amriswil* 2007 ? Appenzell 2018/
2021
120'000/
180'000
Arbon* 2011 ? Arnegg 2023 210'000
Bad Ragaz* 2007 ? Benken 2018 210'000
Bazenheid 2008 190'000 Bischofszell Stadt 2019 210'000
Bettwiesen 2012 210'000 Bühler 2020 150'000
Bottighofen* 2009 ? Diessenhofen 2019 210'000
Bronschhofen ? ? Ermatingen 2023 210'000
Bronschhofen AMP ? ? Felben-Wellhausen 2018 380'000
Brunnadern-Neckertal 2015/
2016
? Frauenfeld Marktplatz 2019 95'000
Bussnang 2012 200'000 Gais 2021 210'000
Bürglen 2017 210'000 Gontenbad 2022 95'000
Degersheim 2013/
2021
360'000/
170'000
Gübsensee 2020 400'000
Dietfurt 2008 190'000 Güttingen 2021 210'000
Egnach* 2011 ? Heiden 2022 205'000
Flawil* 2007 ? Hirschberg 2018 75'000
Flums* 2015 ? Häggenschwil-Winden 2007/
2023
360'000/
560'000
Frauenfeld* 2007 ? Islikon 2018 550'000
Gonten 2014 75'000 Jakobsbad 2021 150'000
Gossau 2014 190'000 Jakobstal 2021 95'000
Gossau AB 2016 240'000 Kempraten 2023 210'000
Heerbrugg* 2011 ? Kreuzstrasse 2023 95'000
Herisau 2008 595'000 Lustmühle 2018 150'000
Jona 2014 380'000 Münchwilen 2018 95'000
Kesswil* 2009 ? Neukirch-Egnach 2018 270'000
Kreuzlingen* 2009 ? Niederteufen 2020 95'000
Landschlacht* 2009 ? Notkersegg 2018 145'000
Lengwil ? ? Rosental 2018 150'000
Mammern 2015 190'000 Sandbüchel 2022 95'000
Matzingen 2014 145'000 Sammelplatz 2019 110'000
Mogelsberg 2015/
2016
? Schachen (Gais) 2023 95'000
Muolen 2017 270'000 Schwarzer Bären 2019 145'000
Murg* 2015 ? Schwende 2022 5000
Märstetten* 2013 ? Schwendi bei Heiden/Rorschach 2022 95'000
Märwil 2012 210'000 Schänis 2018 210'000
Mörschwil* 2015 ? Schülerhaus 2021 110'000
Müllheim-Wigoltingen* 2015 ? Seebleiche 2022 95'000
Münchwilen Pflegeheim 2012 110'000 Siegershausen 2019 400'000
Münsterlingen-Scherzingen 2013 190'000 Sirnach 2023 380'000
Rapperswil 2017 380'000 Speicher 2019 190'000
Rheineck* 2010 ? Spisertor 2018 95'000
Romanshorn* 2006 ? St.Gallen St.Fiden 2022 1'110'000
Rorschach* 2009 ? Steckborn 2023 210'000
Sargans 2006 1'600'000 Steigbach 2019 95'000
Schützengarten 2014 75'000 Steinebrunn 2020 270'000
St.Gallen 2005 ? Sternen bei Teufen 2018 95'000
St.Gallen AB ? ? Stofel 2021 95'000
St.Gallen Birnbäumen 2011 Normperron erstellt Stoss 2023 95'000
St.Gallen Bruggen* 2011 ? Sulgen 2023 550'000
St.Margrethen* 2007 ? Teufen 2019 110'000
St.Gallen Haggen 2011 360'000 Trogen 2020 160'000
Steinegg ? ? Unterterzen 2021 940'000
Tobel-Affeltrangen 2012 360'000 Vögelinsegg 2019 95'000
Tägerwilen-Dorf 2015 10'000 Waldstatt 2021 150'000
Urnäsch ? ? Wartensee 2022 95'000
Uttwil ? ? Wasserauen 2021 150'000
Uznach* 2005 ? Weissbad 2021 150'000
Uzwil* 2006 ? Wienacht-Tobel 2021 95'000
Walenstadt 2012 440'000 Wilen 2021 150'000
Weberei Matzingen 2015 75'000 Zürchersmühle 2021 150'000
Weesen* 2007 ?
Wiesengrund 2013 75'000
Wil 2014 145'000
Wittenbach 2010 360'000
Wängi 2012 75'000


*taktile Sicherheitslinien

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