Beherzter Aufklärer und kritischer Antreiber

Ein Mensch, der sich kraftvoll in der und für die Öffentlichkeit engagierte und besonders auch die Schattenseiten der Gesellschaft ins Licht rückte, ist nicht mehr. Johannes E. (Ernst) Schläpfer, der 22 Jahre lang die Aidshilfe St. Gallen-Appenzell leitete, verstarb in diesem Frühling im Alter von 66 Jahren.

Marcel Elsener
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Johannes E. Schläpfer (1950-2016). (Bild: Chris Mansfield)

Johannes E. Schläpfer (1950-2016). (Bild: Chris Mansfield)

Ein Mensch, der sich kraftvoll in der und für die Öffentlichkeit engagierte und besonders auch die Schattenseiten der Gesellschaft ins Licht rückte, ist nicht mehr. Johannes E. (Ernst) Schläpfer, der 22 Jahre lang die Aidshilfe St. Gallen-Appenzell leitete, verstarb in diesem Frühling im Alter von 66 Jahren.

Wer Johannes Schläpfer traf, lernte ihn rasch schätzen: für seine verbindliche Haltung, seine direkte Art, seine kritische Herzlichkeit. Er war ein zupackender Sozialarbeiter, dem die Praxis näher lag als die Theorie, aber der wusste, dass Denken und Handeln ebenbürtige Anstrengungen verlangen; auch das Um-die-Ecke-Denken oder Mal-anders-Handeln.

Konstrukteur fürs Sozialwesen

Mehrere Institutionen haben dem gelernten Maschinenkonstrukteur, der sich 1974 dem Sozialwesen zuwandte, viel zu verdanken: Johannes Schläpfer war für die Flüchtlingshilfe, für den Invalidenverband (heute Procap) und am längsten für die Aidshilfe tätig. Als Leiter der Fachstelle für Aids- und Sexualfragen St. Gallen hat Schläpfer die HIV-Prävention und die Sexualpädagogik in der Region massgeblich geprägt und «immer früh auf Entwicklungen und Veränderungen reagiert», wie die Fachstelle schreibt.

Nachlesen lässt sich sein Wirken in einem Interview, das René Hornung wenige Wochen vor Schläpfers Tod für die Broschüre «30 Jahre AHSGA» aufgezeichnet hat. Schläpfer übernahm die Fachstelle 1990 nach personellen Wechseln unter schwierigen Vorzeichen. Nach der Schliessung des Fixer-Treffpunkts «Bienenhüsli» trafen sich die Drogenabhängigen im Waaghaus – eine Misere vor aller Augen. In der Folge übernahm Schläpfers Fachstelle die Betreuung der Süchtigen. «Wir forderten dann einen Container für die Spritzenabgabe auf dem Drogentreffpunkt, dem Schellenacker. Damit verbesserte sich die Situation deutlich», erinnerte er sich.

Erfolgreiches Lehrmittel

In einer Zeit voller Ängste und Widerstände, besonders von evangelikalen Kreisen, hatten Aufklärungskampagnen einen schweren Stand. Viele Infizierte starben damals, es gab viel Trauerarbeit zu leisten. «Im Vergleich zu den späteren Jahren – ab 1997 gab es die hochwirksamen Medikamente – waren die ersten Jahre dramatisch. Man sah viele ausgemergelte Leute – das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen», bilanzierte Schläpfer.

Erst als sich die Drogensituation beruhigte, konnte die Fachstelle nach 1995 die öffentliche Aids-Aufklärung forcieren. Gefragt war Basisarbeit: «So konzentrierten wir uns auf Schulen, auf die Jugendlichen in den Oberstufen und in der Lehrlingsausbildung. Dies war ein bewusster Schritt hin in Richtung Sexualerziehung. Mit dem Lehrmittel waren wir Pioniere. Es gab nichts Vergleichbares in der Schweiz. Trotz Anfeindungen haben sich die Ordner gut verkauft, und 2002 wiederholte sich der Erfolg mit der CD-Rom <beziehungs-weise>.»

Treibende Kraft bei Projekten

Dass die Aufklärung etwas nützte, lässt sich belegen: Die Infektionszahlen sind kontinuierlich gesunken. Doch bleibe der Sexualunterricht wichtig, gerade auch für die soziale Kompetenz, nach der «alle rufen», wie Schläpfer feststellte. Als besondere Herausforderung erkannte er die Digitalisierung, die einerseits viel fragmentarisches Wissen liefere und anderseits mit ihren Kontaktplattformen die Leute «im Netz verschwinden» lasse: «Man trifft sie nicht mehr an, kann sie kaum mehr persönlich ansprechen.»

Johannes Schläpfer sei «immer dann zu Bestform aufgelaufen, wenn es um ein neues Projekt, eine Kampagne oder um Verhandlungen mit den kantonalen Behörden ging», schreibt Richard Butz als Freund und Mitarbeiter. Und er erinnert an viele Projekte, bei denen Schläpfer treibende Kraft war: von Kunstaktionen wie der Edition mit Ostschweizer Künstlern und der Ausstellung «Erklär mir Liebe» über Kartenspiele wie «Glaubsch an Storch?» bis zum Stop-Aids-Bus und Auftritten am OpenAir St. Gallen; selbstverständlich wirkte er als langjähriges Vorstandsmitglied der Aids-Hilfe Schweiz auch bei nationalen Kampagnen mit.

Integrale Weltanschauung

Nach seiner frühzeitigen Pensionierung 2013 blieb Schläpfer als selbständiger Coach, Team- und Organisationsentwickler sowie als astro-psychologischer Berater tätig – ein Weltveränderer mit skeptischer Grundhaltung, suchte er stets nach ganzheitlichen Ansätzen. Davon zeugt sein Blog «Kosmosophia», auf dem er seine integrale Weltanschauung vermittelte. Beispielhaft ein Eintrag vom August 2015, in dem er Synthesen fordert: «Als Grenzgänger zwischen den Welten der sogenannten Esoterik und des weltzugewandten Realismus fällt mir auf, dass die beiden Weltanschauungen wie Parallelwelten nebeneinander existieren.» Dabei wären beide Sichtweisen gefragt, um Antworten auf die dringendsten Fragen der Menschheit zu finden: «Wir brauchen neue Start-ups und Netzwerke, welche die Fraktionen der Spiritualisten und der Materialisten, der Träumer und der Realisten, der Analytiker und Synthetiker, der Generalisten und Spezialisten zusammenbringen.»

Einen Ausgleich zur Sozial- und Denkarbeit fand Johannes Schläpfer in der Kunst – er malte und fotografierte –, auf längeren Reisen und in der Natur; Freunden brachte er die Berge näher und nahm ihnen bestenfalls die Angst vor dem Klettern. Er hinterlässt seine Frau und eine Tochter.