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Bedrohte Ostschweizer Zahnradbahnen: «Lasst uns das Bähnli»

Von Rhein und Bodensee fahren drei Zahnradbahnen hinauf ins Appenzellerland. Wie lange noch? Sie stehen auf der Kippe. Zu wenig Passagiere, sagen die Kantone. Wir fuhren mit.
Kaspar Enz

Dies ist ein Artikel der "Ostschweiz am Sonntag". Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Eben hat der Zug das Bahnhöfchen abseits von Altstättens Altstädtchen verlassen. Schon geht ein Ruck durch die zwei Triebwagen. Das Zahnrad ist eingehängt. Steil geht es durch den Schnee hinauf nach Gais. Das Flache Rheintal erscheint durchs Fenster wie ein schräger, grüner See inmitten der weissen Berge.

Rheintal in Schräg

Vielleicht ist das Rheintal bald nicht mehr so schräg zu sehen. Diese und zwei weitere Zahnradbahnen könnten bald eingestellt werden, von einem Bus ersetzt. Weshalb das so ist, wird schnell klar. Der hintere Triebwagen ist leer an diesem trüben Vormittag. Immerhin, im vorderen sind zwei Abteile besetzt. Ein Vater in Schlittelmontur bringt seinem Sohn Zaubertricks bei. Ein Paar aus Goldach ist auch hier. «Eher aus Zufall. Eine kleine Rundfahrt.» Kein alltäglicher Ausflug, aber ohne die Bahn weniger lohnenswert, sagt sie. «Man fährt ja schon genug Bus. Das Bähnlein hat noch einen Nostalgieeffekt.»

In der Zahnradbahn von Altstätten nach Gais wird das Rheintal zum schrägen Meer. (Bild: Raphael Rohner)In der Zahnradbahn von Altstätten nach Gais wird das Rheintal zum schrägen Meer. (Bild: Raphael Rohner)
Fahrgäste warten auf das «Gaiserbähnli». (Bild: Michel Canonica)Fahrgäste warten auf das «Gaiserbähnli». (Bild: Michel Canonica)
Kennerblick: Ein Bahnfan aus der Innerschweiz auf Zahnrad-Tour. (Bild: Raphael Rohner)Kennerblick: Ein Bahnfan aus der Innerschweiz auf Zahnrad-Tour. (Bild: Raphael Rohner)
Die Bahn nach Walzenhausen fährt in den Tunnel. (Bild: Raphael Rohner)Die Bahn nach Walzenhausen fährt in den Tunnel. (Bild: Raphael Rohner)
Das Walzenhausenbähnli am Bahnhof Rheineck. (Bild: Raphael Rohner)Das Walzenhausenbähnli am Bahnhof Rheineck. (Bild: Raphael Rohner)
Der Zug wartet am Bahnhof Heiden auf die Abfahrt nach Rorschach. (Bild: Raphael Rohner)Der Zug wartet am Bahnhof Heiden auf die Abfahrt nach Rorschach. (Bild: Raphael Rohner)
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«Lasst uns das Bähnli»

Schauen, ob es richtig rupft

Oben wird das Schneegestöber dichter. Bei der Station Rietli lockt eine Loipe Langläufer. Bald ist Endstation. Hier kann man auf die Hauptstrecke der Appenzellerbahnen umsteigen. Von dort kommt eine Gruppe Innerschweizer Bahnfans. Sie haben gehört, dass in der Ostschweiz gleich drei Zahnradbahnen auf der Kippe stehen. Höchste Zeit, einmal alle drei zu erleben.

«Schauen, ob es richtig rupft, wenn das Zahnrad einhängt», sagt Walter Bünter aus Vitznau. Von Gais aus dauert es noch ein Stück. «Hier im Appenzellischen hat es schon mal viel mehr Schnee als bei uns», stellt er fest. «Aber der Zug schüttelt, wie es sich gehört.» Schmalspur eben. Es wird immer steiler, der erste Blick auf das Rheintal öffnet sich. «Es wäre mal Zeit, dass das Zahnrad einhängt, sonst fahren wir auf der anderen Talseite wieder hoch bei dem Anlauf», flachst er. Da chrost es unter dem Boden, bald folgt der charakteristische Ruck, wenn das Zahnrad einrastet. Ein leichtes Vibrieren bleibt. Die Vitznauer sind zufrieden. Wie zu Hause auf der Rigibahn, nur weniger voll sei es. «So ist das in der rationellen Schweiz. Wenn der Deckungsgrad nicht stimmt, muss man das gleich diskutieren. Und andern gibt man Millionen.»

Ganz allein sind die drei Innerschweizer nicht im Bähnli Richtung Altstätten. Er brauche es zwar nicht so oft, sagt der junge Passagier im anderen Abteil. Es sei nur der schnellste Weg ins Engadin. Es zu schliessen wäre trotzdem schade. «Die Zahnradbahnen sind doch auch eine Touristenattraktion.»

Die Kur ist vorbei

Eine Touristenattraktion soll auch die «Erlebnisrundfahrt» für Jung und Alt sein, die Appenzellerland Tourismus anpreist: Start in Rorschach, mit der Zahnradbahn nach Heiden. Drei Stunden dem Witzwanderweg entlang nach Walzenhausen, von dort mit der «nostalgischen Zahnradbahn» nach Rheineck, wo das Schiff durchs Naturschutzgebiet zurück nach Rorschach Hafen fährt.

Jetzt, im Winter, fährt das Schiff sowieso nicht. Trotzdem wartet am Bahnhof Rorschach Hafen schon die rote Zugkomposition auf Fahrgäste. Wäre sie nicht rot, würde er wenig auffallen. Der BDeh 3/6 war 1998 eine Einzelanfertigung für die damalige Rorschach-Heiden-Bahn (RHB). Aber der wichtigste Unterschied zu anderen Stadler-Zügen ist das Zahnrad.

Eine fast normale Bahn

Erst dieses erlaubt es dem Zug, die Steigung ins Vorderland in Angriff zu nehmen. Heute heisst das: hinauf in den Schnee. Es ist früher Nachmittag, der Zug ist nicht voll, aber alles andere als leer. Ein paar Ausflügler, ein paar Pendler besetzen die roten Sitzpolster. Zwar soll auch der Betrieb dieser Bahn unter die Lupe genommen werden. Doch gemäss den jüngsten Berichten über die öffentlichen Verkehrsmittel der Kantone St. Gallen und Ausserrhoden ist die Strecke von Rorschach nach Heiden noch am besten genutzt. Das Ausserrhoder Konzept zum öffentlichen Verkehr 2018-2022 prophezeit ihr gar eine leicht steigende Tendenz bei den Fahrgästen.

Während sich die Bahn langsam den Weg hinaufschlängelt, vorbei am Schloss Wartensee, tut sich eine prächtige Aussicht auf. Der See, die Rheinmündung, das Stadler-Werk in Altenrhein tun sich vor dem Fenster auf. Sogar bei diesem trüben Wetter spektakulär. Ohne diese Aussicht gäbe es wohl keine der drei Zahnradbahnen. Die Rorschach-Heiden-Bahn wurde 1875 eingeweiht. Die Gaiserbahn, die jüngste der drei, nahm 1911 den Betrieb auf.

Damals lockten Dutzende Kurhäuser mit Aussicht und Höhenluft ins Appenzellerland. Heiden und das Vorderland waren eine Hochburg des Kurtourismus. Damals gab es gar Pläne für eine Verbindungslinie zwischen Heiden und Walzenhausen. Doch bald blieben wegen der Weltkriege die Gäste weg. Dann begann die Ära des Massentourismus. Der Verband der Schweizer Kurhotels zählt heute noch zwei Ausserrhoder Mitglieder.

Geliebtes Rumpelzüglein

«Legends never Die» – «Legenden sterben nie», haben Lausbuben an die Wand des Rheinecker Bahnhofsgebäudes geschrieben. Ob sie damit die Rheineck-Walzenhausen-Bahn gemeint haben? Von den drei Bahnen, deren Betrieb nun überprüft wird, ist die Bahn von Rheineck nach Walzenhausen zwar die kürzeste. Aber sie bietet am ehesten Stoff für Legenden. Bald nach dem Rheinecker Bahnhof hängt das Zahnrad ein. Die Bahn, ein einziger Triebwagen Baujahr 1958, rattert in einen Tunnel. Dann schleppt sich der Wagen über die Hexenkirchlitobel-Brücke, eine der steilsten Stellen. Es rumpelt, es ist laut, zu laut für Gespräche. Aber schnell vergisst man die Fahrt den wilden Hang hinauf nicht.

Vertraute Klingel

«Ich bin gleich neben der alten Talstation aufgewachsen», sagt die Rheineckerin Mariette Florio, unten am Rheinecker Bahnhof. «Ich habe immer die Klingel gehört, wenn das Bähnchen vorbei fuhr.» Mit dem Bähnchen ging sie hinauf zum Schlitteln und Skifahren, erst selbst, später mit den Kindern. «Es wäre schade, wenn es zugehen würde. Auch für die, die oben arbeiten.»

Und das sind nicht wenige. Das Körperpflege- und Kosmetikunternehmen Just hat oben in Walzenhausen seinen Hauptsitz, auch die Rheinberg-Klinik sitzt auf dem Horst über Rheineck. So ist das rumpelige Bähnli mit seinen 21 hölzernen Sitzplätzen oft ein Pendler-Zug. «Morgens und abends ist es genagelt voll», sagt der Rorschacher Daniel Haltner. Jetzt, am frühen Nachmittag, ist er der einzige, der eine der Bänke besetzt. «Für mich spielt es keine Rolle, ob ein Bus oder eine Bahn hoch fährt. Aber es wäre schade für die Touristen, die wegen dem Witzwanderweg kommen, auch aus dem Ausland. Die haben oft am Bähnli am meisten Freude.»

Die Bahn gehört dazu

Und es sind oft seine Kunden – Haltner arbeitet im Restaurant Bahnhof, gleich neben der Bergstation. Ein moderner Bau samt Kiosk. Viel Laufkundschaft hat der an diesem Nachmittag nicht. Was wenig verwundert. Der Witzwanderweg ist bei diesem trüben Wetter nicht zum Lachen. Und das Hotel, einst ein prächtiges Kurhaus, ist seit zwei Jahren geschlossen.

Auch deshalb wäre für die Walzenhauserin Yvonne Widmer die Schliessung der Bahn ein Schlag ins Gesicht. «Wir haben ja sonst nicht mehr viel. Das Hotel ist auch am Boden. Da soll man wenigstens das Bähnli noch lassen.» Erst vor wenigen Jahren habe man es modernisiert. Eine Gruppe regionaler Unternehmer, angeführt von Just-Chef Hans­ueli Jüstrich, kaufte den Bahnhof und baute ihn um. Unsinnig, es jetzt zu schliessen. Das habe sie dem Gemeindepräsidenten auch gesagt. «Die Bahn gehört einfach zu Walzenhausen.»

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