Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Bedrohlich, beklemmend, unbehaglich: ein Plädoyer gegen die Bergbegeisterung

Der Berg ruft und die Tagblatt-Online-Redaktion folgt.
Eine Woche lang haben wir alle vom Alpstein berichtet – fast alle.
Wieso das Seekind lieber zu Hause geblieben ist.
Linda Müntener

Wer die Berge meidet, steht hierzulande auf ziemlich verlorenem Posten. Das Wandern ist des Schweizers Lust, die Höhen so populär wie nie, die Gasthäuser brummen, Outdoormode ist wieder chic. Kein Wunder, haben die Teamkollegen schon Stock und Schuh montiert, als in der Redaktion das Stichwort «Bergsommer» fällt. Eine Woche lang berichten wir vom Alpstein, wandern die Touren ab und schlafen in Berghütten. Alle – bis auf mich.

Es ist nicht so, dass ich mich nicht für den Berg an sich begeistern kann. Der Säntis zum Beispiel hat zweifelsohne etwas Malerisches an sich und ist – mal abgesehen von der Antenne – ganz schön anzusehen. Nicht ohne Grund hat es ein Bild des grössten Bergs der Ostschweiz bis nach Bern ins Büro von Bundesrätin Karin Keller-Sutter geschafft.

Säntisfan: die Ostschweizer Bundesrätin Karin Keller-Sutter. (Bild: Severin Bigler)

Säntisfan: die Ostschweizer Bundesrätin Karin Keller-Sutter. (Bild: Severin Bigler)

Alle Jahre wieder lasse ich mich zum Start der Wintersaison sogar von der pre-alpinen Vorfreude auf Pulverpisten anstecken. Dabei kann ich weder Ski- noch Snowboard fahren (was in Fondue-Runden immer wieder Entsetzen und Kopfschütteln auslöst). Ich male mir aus, wie erholsam Winterferien wären. Hoch hinaus zum runterfahren.

Doch sobald ich dort bin, wird mir bewusst, dass ich die Berge zwar mag. Ich mag es aber nicht, in den Bergen zu sein.

Der schönste Ort der Welt? Mitnichten!

Berge sind bedrohlich. Alleine der Blick auf dieses weltberühmte Foto des Bergrestaurants Aescher im Wildkirchli löst bei mir körperliches Unbehagen aus.

Links: der Abgrund. Rechts: eine Holzhütte, die an der Felswand klebt. Eine Felswand so beklemmend steil, dass einem die Luft weg bleibt. Die Luft: dünn.

Das Bergrestaurant Aescher: ist laut «National Geographic» der schönste Ort der Welt. Mir wird schlecht. (Bild: Peter Böhi)

Das Bergrestaurant Aescher: ist laut «National Geographic» der schönste Ort der Welt. Mir wird schlecht. (Bild: Peter Böhi)

Während ich mir einrede, wie einmalig schön diese Szenerie doch ist – der Aescher wurde schliesslich von «National Geographic» zum schönsten Ort der Welt gekürt –, wird mir schwindelig. Schwindelig vom Gedanken, auf 1454 Metern Höhe den Gesetzen der Natur ausgeliefert zu sein. Eingeklemmt, eingeengt, aussichtslos.

Prahlen in vollgeschwitzter Funktionswäsche

Manche suchen diese Abgeschiedenheit, diese bäuerliche Idylle, um vor dem Alltag und wohl auch ein bisschen vor sich selbst zu fliehen. Mit jedem Schritt geht es ein Stück weiter in die absolute Stille. Der Berg fragt nicht und antwortet nicht. Er schweigt.

Laut wird's erst wieder beim Znacht im Berggasthaus, wenn die Wandervögel angestrengt versuchen, sich mit ihren Auf- und Abstiegsgeschichten gegenseitig zu überbieten. Derweil vermischen sich der Duft von Rösti und vollgeschwitzter Funktionswäsche, ein Geruch, den man erst wieder nach einer Dusche los wird – im Gemeinschaftsbad. Wieso tut man sich, nachdem man all die Ski- und Schulferienlager überstanden hat, freiwillig einen Massenschlag an?

Mich verfolgt da einzig der Drang, es rechtzeitig wieder runter zu schaffen. Etwa mit einem Postauto, das sich über schmale Strassen ins Tal windet, vorbei an Appenzeller Bauernhäusern mit Fenstern in Schuhkarton-Grösse, in die kaum Licht fällt, wo die Decken tief und die Balken noch tiefer hängen. Oder mit einer Gondel, deren Fahrt noch erdrückender ist. Anders als Höhen-Enthusiasten, die sich in der Kabine aneinander gequetscht Meter für Meter nach mehr Ausblick recken, starre ich in die Tiefe. Und überlege, welche Stelle für einen allfälligen Absturz wohl am günstigsten wäre.

Lieber auf dem See als auf dem Berg

Besser also, ich bleibe in dieser Bergsommer-Woche gleich unten, mit der Weitsicht über den Bodensee vor der Haustüre. Und sollte ich mich doch einmal nach einem Bergpanorama sehnen, fahre ich hinaus aufs Wasser. Von dort aus ist der Säntis zu sehen, wie er irgendwo in der Ferne in die Höhe ragt. Weit weg und nahe genug.

Der Säntis ist auch aus der Ferne ganz schön anzusehen – hier am Bodensee in Arbon aufgenommen. (Bild: Urs Bucher)

Der Säntis ist auch aus der Ferne ganz schön anzusehen – hier am Bodensee in Arbon aufgenommen. (Bild: Urs Bucher)

Sind Sie auch lieber am Wasser als in der Höhe? Dann werfen Sie einen Blick auf unsere interaktive Seeufer-Übersichtskarte – mit allem, was der Bodensee im Sommer zu bieten hat:

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.