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Beben am Brustzentrum: Weshalb das Kantonsspital St.Gallen vier Topärzte verliert

Vier renommierte Ärzte verlassen das Brustzentrum am Kantonsspital St. Gallen. Patientinnen sind verunsichert, Gerüchte kursieren. Die vier Spezialisten arbeiten weiterhin zusammen – in einer gemeinsamen, privaten Praxis.
Regula Weik
Der Abgang von vier Kaderärzten am Kantonsspital St. Gallen beschäftigt Brustpatientinnen. (Bild: Getty)

Der Abgang von vier Kaderärzten am Kantonsspital St. Gallen beschäftigt Brustpatientinnen. (Bild: Getty)

«Was ist nur am Kantonsspital St.Gallen los? Weshalb verlassen gleich vier renommierte Ärzte das Brustzentrum?» – «Weshalb wandern alle meine Vertrauensärzte ab? Ich habe mich als Patientin bei ihnen immer bestens aufgehoben gefühlt.» – «Gab es Streit mit der Spitalleitung? Oder treibt das starre Staatskorsett die Ärzte weg vom Kantonsspital?» Der Abgang des oberen Kaders am Brustzentrum des Kantonsspitals bewegt Patientinnen und Angehörige und wirft Fragen auf, wie Recherchen und Reaktionen aus der Leserschaft zeigen.

Einer der «Abtrünnigen» ist Thomas Ruhstaller. Der stellvertretende Chefarzt des Brustzentrums und Fachbereichsleiter Medizinische Onkologie hat diese Woche sein Büro am Kantonsspital geräumt. 22 Jahre war er dort am Brustzentrum tätig gewesen, einzig unterbrochen von einem zweijährigen, beruflichen Auslandaufenthalt. Seine erste Reaktion auf die Frage, weshalb er das Kantonsspital verlasse:

«Ich verdanke ihm viel»

Nochmaliger Versuch: Weshalb kehrt er dem Kantonsspital nach derart vielen Jahren den Rücken zu?

Das Brustzentrum sei innerhalb des Kantonsspitals ein «Spezialfall», sagt Ruhstaller. Da arbeiteten Chirurgen und Onkologen als interdisziplinäres Team in einem gemeinsamen Betrieb mit eigenem Chefarzt zusammen; solch eigenständige, interdisziplinäre Teams seien nicht der Regelfall am Kantonsspital. «Der Ansatz hat sich sehr bewährt», sagt der Facharzt für Medizinische Onkologie.

«Da war der Zug schon abgefahren»

Thomas Ruhstaller Medizinischer Onkologe, Mitinhaber der Brustzentrum Ostschweiz AG

Thomas Ruhstaller
Medizinischer Onkologe, Mitinhaber der Brustzentrum Ostschweiz AG

Das Brustzentrum hat sich seit seiner Eröffnung 2008 etabliert und einen Namen geschaffen; sein interdisziplinäres Team ist renommiert, national wie international anerkannt. In den vergangenen Monaten sei unklar gewesen, «ob es auch künftig als interdisziplinäres Zentrum bestehen bleibt oder ob es zu Veränderungen kommt», sagt Ruhstaller. Diese Ungewissheit habe über ein Jahr bestanden; dann habe sich die Spitalleitung entschieden, es in der heutigen Form weiterführen zu wollen.

«Da war der Zug schon abgefahren», sagt Ruhstaller. Da hatten er und drei weitere Ärzte bereits beschlossen, sich selbstständig zu machen und gemeinsam eine eigene Praxis zu gründen. Er macht der Leitung des Kantonsspitals keinen Vorwurf.

«Sie hat sich korrekt verhalten, wenn auch nicht sehr klug.»

Das neue Brustzentrum Ostschweiz wird heute Samstag im Osten der Stadt St.Gallen eröffnet und interdisziplinär strukturiert sein. Nebst Ruhstaller an Bord als Ärzte und Mitinhaber sind nämlich: Rahel Hiltebrand, bis Ende Mai Oberärztin am Brustzentrum des Kantonsspitals, Michael Knauer und Patrik Weder, beide bis Ende Mai leitende Ärzte am Brustzentrum des Kantonsspitals.

«Das Glas war einfach voll», sagt Ruhstaller. Dabei habe auch mitgespielt, dass «wir uns immer mehr verwaltet gefühlt haben, immer mehr Zeit für neue Regulierungen und bürokratische Prozesse einsetzen mussten und weitere Entwicklungsmöglichkeiten dadurch eingeschränkt waren».

Ist die Qualität der Behandlungen gesichert?

Kann das Kantonsspital nach den Abgängen der vier Topleute die bisherige, hohe Qualität der Behandlungen noch gewährleisten? Das Brustzentrum sei «gut gerüstet», sagt Philipp Lutz, Mediensprecher des Kantonsspitals St.Gallen. Zum bestehenden Kaderärztinnenteam unter der Leitung von Chefarzt Beat Thürlimann habe das Zentrum renommierte Kaderärztinnen anderer Spitäler dazugewinnen können.

«Frischer Wind und Frauenpower im Brustzentrum», heisst es denn auch auf der Homepage des Kantonsspitals. Auf die Frage, wie hoch der Reputationsschaden für das Kantonsspital durch den Abgang der vier, sich selbstständig machenden Ärzte sei, antwortet Lutz: «Das wird sich zeigen. Wir sind von der Qualität des neu zusammengestellten Teams überzeugt.»

Verschiedene Möglichkeiten geprüft

Weshalb stellte die Spitalleitung die heutige Organisation des Brustzentrums überhaupt in Frage? Lutz spricht von einem «standardisierten Verfahren», das immer dann ablaufe, wenn es um die Nachfolgeregelung für eine Chefarztstelle geht. In der Regel werde zwei Jahre vor dem Wechsel eine Strukturkommission eingesetzt. Diese überprüfe Leistungsauftrag und Portfolio der jeweiligen Klinik oder des jeweiligen Zentrums und gebe dann eine Empfehlung zuhanden der Geschäftsleitung ab.

«Während dieser vergleichsweise langen Zeit ist es normal, dass verschiedene Möglichkeiten geprüft werden», sagt Lutz. Die Empfehlung der Kommission, das Brustzentrum in der heutigen, interdisziplinären Form weiterzuführen sei im übrigen eindeutig gewesen. Kann er sich vorstellen, dass die lange Unsicherheit eine Rolle bei den Kündigungen gespielt hat? «Ja, das ist möglich.»

«Wir gehen nicht im Streit»

Beat Thürlimann, der heutige Chefarzt des Brustzentrums, wird Ende März 2020 pensioniert. Haben sich Ruhstaller und seine Kollegen mit dem Chefarzt überworfen, wie da und dort kolportiert wird? «Wir gehen nicht im Streit», hält Ruhstaller fest. Das sei ihm wichtig. Er werde auch künftig mit dem dortigen Palliativzentrum oder jenem für integrative Medizin zusammenarbeiten.

Thürlimann und er hätten das Brustzentrum über viele Jahre «partnerschaftlich» aufgebaut. Hätte er ihn gerne als Chefarzt beerbt? Es habe Gespräche gegeben, sagt Ruhstaller. Thürlimann wäre auch bereit gewesen, früher ins zweite Glied zurückzutreten. Die Spitalleitung habe damals an der normalen Ausschreibung festgehalten.

Weshalb hat die Spitalleitung Ruhstaller nicht einfach auf den Chefarztposten berufen? «Für die Nachfolgeregelung von Chefärzten gibt es am Kantonsspital ein standardisiertes Verfahren, welches üblicherweise auch die öffentliche Ausschreibung vorsieht. Es ist also ein normales Bewerbungs- und kein Berufungsverfahren.» Ruhstaller, so Lutz, hätte die Anforderungskriterien sicher erfüllt. «Er hat sich aber nicht beworben.» Die Nachfolge von Chefarzt Thürlimann ist derzeit noch nicht bestimmt.

Von der Abklärung bis zur Nachbehandlung

«Sie können frei wählen», antwortet Ruhstaller auf die Feststellung, dass die vier ehemaligen Ärzte des Kantonsspitals ihre bisherigen Patientinnen nicht einfach mitnehmen oder aktiv abwerben dürfen. In ihrem neuen Brustzentrum Ostschweiz begleiten die zwei Onkologen und die zwei Brustchirurgen die Patientinnen von der ersten Abklärung, über die Diagnose, die onkologische Therapie bis zur Nachbehandlung.

80 bis 90 Prozent ihrer künftigen Patientinnen dürften ambulant behandelt werden. Ist ein chirurgischer Eingriff nötig, werden die beiden Brustchirurgen ihre Patientinnen an der Hirslanden-Klinik Stephanshorn operieren. Diese freut sich mächtig über die neuen Belegärzte. Klinikdirektorin Andrea Rütsche spricht von einem «historischen Schritt». Damit werde die Klinik Stephanshorn «ein bedeutender Anbieter für Frauen mit Brustkrebs in der Ostschweiz».

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