Beats ohne Abstand: Das Kulturfestival St.Gallen ist ausgelassen gestartet

Mit zwei ausverkauften Abenden hat das Kulturfestival St.Gallen am Wochenende begonnen. Am Samstag tanzten 300 Gäste fröhlich zu elektronischen Klängen.

Roger Berhalter
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Das Kopfsteinpflaster vor der Bühne hat sich nach wenigen Minuten in eine Tanzfläche verwandelt.

Das Kopfsteinpflaster vor der Bühne hat sich nach wenigen Minuten in eine Tanzfläche verwandelt.

Benjamin Manser

Als der erste Basslauf einsetzt und der Beat zum ersten Mal stampft, gehen die Hände in die Luft, und Jubelschreie erklingen. Das Goldacher Electro-Duo Soda steht auf der Bühne des Kulturfestivals St. Gallen und startet mit satten, knackigen Beats in den Samstagabend.

Die beiden Musiker tragen schwarze Hemden und blinkende Fliegen, drehen an den Reglern ihrer Geräte und zucken im Takt mit den Laserstrahlen um die Wette. Nach wenigen Minuten hat sich das Kopfsteinpflaster vor der Bühne in eine Tanzfläche verwandelt.

Das Goldacher Electro-Duo Soda in Aktion.

Das Goldacher Electro-Duo Soda in Aktion.

Bild: Benjamin Manser (St.Gallen, 27. Juni 2020)

Das Kulturfestival im Historischen und Völkerkundemuseum ist am Wochenende mit zwei ausverkauften Abenden gut gestartet. Am Freitag traten der Liedermacher Simon Hotz und das Mundart-Electro-Duo Dachs auf, der Samstag gehört nun dem St.Galler Partylabel «Au Revoir» von Lukas Hofstetter und Manuel Moreno.

Seit fünf Jahren organisieren sie in der Militärkantine und in der Lokremise so genannte Day Dances: Parties mit elektronischer Musik bei Tageslicht. Hofstetter ist als Veranstalter auch die treibende Kraft des Kulturfestivals, Moreno hat als weit gereister DJ gute Kontakte zur Szene. Auch ihr Event am Kulturfestival ist ein solcher Day Dance und hat früh begonnen: Von 17 Uhr bis Mitternacht erklingen stampfende Beats der Live-Acts Soda und Törs sowie der DJs Manuel Moreno und Ela.

Day Dance in St.Gallen, Nachttanz in Aarau

«Es ist schon nicht ganz dasselbe hier wie im Sittertobel», sagt Moreno, der an diesem Abend als letzter auf der Bühne steht. Eigentlich hätte der DJ seinen Day Dance am Open Air St. Gallen veranstalten wollen, dreimal von 11 bis 21 Uhr. Und eigentlich wäre das OK des Kulturfestivals an diesem Wochenende ebenfalls unten im Sittertobel gewesen.

DJ Manuel Moreno

DJ Manuel Moreno

Bild: PD

Doch im Coronajahr fällt das Open Air aus, das Kulturfestival startet früher und Manuel Moreno ist nach Monaten ohne Party wieder ein gefragter DJ. «Diese Woche hatte ich schon vier Auftritte.» Nach dem Day Dance in St. Gallen hat er noch lange nicht Feierabend. Um vier Uhr morgens wird er im Club Schlaflos in Aarau noch einmal die Tanzfläche beschallen.

Nur der Sicherheitsmann trägt Maske

Auch für die 300 Besucherinnen und Besucher hat die Partysaison offensichtlich wieder begonnen. Die Stimmung im Innenhof ist fröhlich und ausgelassen, und wäre da nicht die obligatorische Namensregistrierung am Eingang, könnte man glatt vergessen, dass es ein neues Virus gibt, das solche Parties bis vor kurzem noch verhindert hat.

Abstand halten am Kulturfestival die wenigstens Besucherinnen und Besucher. Die einzige Schutzmaske auf dem Areal trägt der Sicherheitsmann am Eingang. Und beim Foodtruck vor dem Eingang scheint man sich mehr um Lebensmittelallergien als um Covid-19-Infektionen zu sorgen.

Derweil verbreitet sich an diesem Abend die Nachricht eines Superspreaders, der in einem Zürcher Club mindestens fünf Menschen infiziert und 300 in Quarantäne gebracht hat.

Von «schon noch komisch» bis unbekümmert

«Ich taste mich langsam wieder heran», sagt ein Besucher am Rand der Tanzfläche, der seit längerem wieder einmal im Ausgang ist. Kurz darauf wagt er sich mit einem Bier in der Hand ins Getümmel. Es sei «schon noch komisch», so kurz nach dem Lockdown wieder unter so vielen Menschen zu sein, das ist an diesem Abend öfter zu hören.

Die meisten jedoch tanzen und lachen unbekümmert und sind nach langer Diät wieder hungrig nach lauter Musik. So prallen an diesem Samstag im Stadtpark zwei Welten aufeinander: Während das Publikum des Theaters nebenan gesittet und auf Stühlen den Klängen der Oper «Cendrillon» lauscht, tanzen die Festivalbesucher im Museumsinnenhof mit Hautkontakt.

Die Partysaison hat wieder begonnen.

Die Partysaison hat wieder begonnen.

Bild: Benjamin Manser (St.Gallen, 27. Juni 2020)

Veranstalter Lukas Hofstetter spricht von einem gelungenen Auftakt. Er zeigt sich zufrieden über die vielen positiven Rückmeldungen seiner Gäste, die auch im Coronajahr nicht auf das Kulturfestival verzichten wollen. Der Vorverkauf laufe heiss:

«Innert 24 Stunden waren 50 Prozent aller Tickets weg, das hat’s noch nie gegeben.»

Ostschweizer Line-up von Future Pop bis Klezmer

Das Kulturfestival St.Gallen ist für ein internationales Line-up, gespickt mit Worldmusic, bekannt. (Ost-)Schweizer Musikerinnen und Musiker treten meist nur als Vorband auf. Anders in diesem Jahr. Wegen Corona mussten die Veranstalter ihr internationales Programm über den Haufen werfen. Nun treten in drei Wochen bis 18. Juli fast ausschliesslich Ostschweizer Künstlerinnen und Künstler auf.

Das nächste Konzert findet am 30. Juni statt: Ikan Hyu sind zwei Multiinstrumentalistinnen, die sich schwer in eine Schublade stecken lassen und sich mit ihrer eigenwilligen Live-Show einen Namen gemacht haben. Zu erwarten ist, in ihren eigenen Worten, «Plastic Space Power Gangster Future Pop».

Am Mittwoch verbreitet das Klezmer-Orchester Pätschwerk östliche Klänge, am Donnerstag trommeln Bubble Beatz, und am Freitag gibt’s Irish Folk mit dem Saint City Orchestra

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Roger Berhalter/Linda Müntener