BAZENHEID: Micarna setzt auf Flüchtlinge

Die Migros-Tochter Micarna ermöglicht im freiburgischen Courtepin Flüchtlingen eine Vorlehre. Das gleiche plant sie ab 2017 auch am Standort in Bazenheid. In der Ostschweiz haben nicht einmal ein Drittel aller Flüchtlinge Arbeit.

Chris Gilb
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30 Flüchtlinge erfahren bei einer Führung durch den Micarna-Standort im freiburgischen Courtepin, welche Berufe sie im Unternehmen erlernen können. (Bild: Karl-Heinz Hug)

30 Flüchtlinge erfahren bei einer Führung durch den Micarna-Standort im freiburgischen Courtepin, welche Berufe sie im Unternehmen erlernen können. (Bild: Karl-Heinz Hug)

Als Heinrich van der Wingen, Projektleiter des Kantonalen Integrationsprogramms von Appenzell Ausserrhoden, von dem Projekt der Micarna hört, ist er begeistert. «Der Vorteil einer solchen Vorlehre ist, dass diese wirklich nachhaltig ist. Flüchtlinge, die diese absolvieren, sind danach auf dem Arbeitsmarkt vermittelbar. Bei solchen, die nur ein Praktikum absolviert haben, ist dies viel schwieriger», sagt van der Wingen. Das Projekt Maflü, wie die Micarna ihren Beitrag zur Bewältigung der Auswirkungen der Flüchtlingskrise nennt, besteht aus einer beruflichen Grundausbildung, verbunden mit Massnahmen zur sprachlichen und gesellschaftlichen Integration in den Gemeinden. Bei der Grundausbildung handelt es sich um eine Vorlehre oder Attestausbildung, ausgerichtet auf Menschen, denen nicht nur die Schweiz fremd ist, sondern auch die Landessprachen.

Fachkräftemangel beheben

Im Gegensatz zur klassischen Berufslehre, für die fortgeschrittene Deutschkenntnisse vorgegeben sind, reichen für eine Attestausbildung Anfängerkenntnisse in Deutsch. «Wir können nicht warten, bis die Politik unsere Probleme löst, wir müssen selber Lösungen suchen», sagt der Leiter der Micarna-Gruppe, Albert Baumann. Damit spielt er auf den Fachkräftemangel an.

Im Kanton Freiburg arbeitet der Kanton mit gemeinnützigen Organisationen zusammen, etwa mit der Caritas. «Diese Organisationen sind auch Partner des Projekts Maflü und kümmern sich um die Sprachausbildung der Auszubildenden und um ihre Integration in die Gemeinden», sagt Micarna-Pressesprecher Roland Pfister. Die Micarna schaffe die Ausbildungsmöglichkeit; für die anderen Integrationsmassnahmen des Projekts seien aber der jeweilige Kanton und seine Partner zuständig.

Für Arbeitslose und Flüchtlinge

Ab Mitte 2017 will die Micarna das Programm auch am Standort Bazenheid im Kanton St. Gallen umsetzen. Ansprechpartner der Micarna im Kanton St. Gallen ist Walter Abderhalden, Hauptabteilungsleiter der Arbeitslosenversicherung: «Als der damalige Volkswirtschaftschef Beni Würth vom Angebot der Micarna hörte, kam er auf die Idee, das dieses auch für Arbeitslose interessant sein könnte.» Nun werde in ersten Gesprächen geklärt, ob Flüchtlinge und Arbeitslose gemeinsam profitieren könnten. «Falls eine grössere Gruppe Arbeitsloser die Vorlehre absolvieren könnte und ein Teil anschliessend auch fest eingestellt würde, sind wir bereit, uns finanziell zu beteiligen.» Der nächste Schritt sei dann ein runder Tisch zwischen Micarna, Kanton und den Regionalen Abklärungsstellen (Repas). Im Kanton St. Gallen sind diese im Auftrag der Gemeinden für die Integration zuständig.

Tiefe Beschäftigungsquote

Nur 28,9 Prozent (in Zahlen: 304) der 1053 vorläufig aufgenommenen Flüchtlinge (Aufenthaltsbewilligung F) im Kanton St. Gallen haben eine Arbeitsstelle. Bei den anerkannten Flüchtlingen (Bewilligung B) sind es mit 25,7 Prozent (231) von 898 noch weniger. «Die Repas sind ein gutes Instrument», sagt Boris Tschirky, Präsident der Vereinigung der St. Galler Gemeindepräsidenten. «Dort finden Potenzial-Abklärungen mit den Flüchtlingen statt, die dann in einem ersten Schritt beispielsweise ein Praktikum machen können. Dafür knüpfen die Repas Verbindungen zu interessierten Arbeitgebern in den Regionen.» Ein Engagement der Wirtschaft wie jenes der Micarna sei natürlich wünschenswert.

Im Kanton Appenzell Ausserrhoden ist die Beratungsstelle für Flüchtlinge für die Arbeitsintegration zuständig. Auch in Ausserrhoden liegt die Beschäftigungsquote unter 30 Prozent. «Da die Flüchtlinge für eine klassische Lehre gute Deutschkenntnisse nachweisen müssen und es Zeit kostet, bis sie über diese verfügen, kommt diese Ausbildung für viele nicht in Frage», sagt Heinrich van der Wingen. Er beabsichtige deshalb, mit Netzwerkpartnern aus der Wirtschaft sogenannte Trainingsarbeitsplätze einzurichten. «Nach Abschluss des Trainings erhalten die Flüchtlinge ein Zertifikat.» Ein solches sei für die Chancen der Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt essenziell. Bei Praktika würden sie nichts dergleichen erhalten, ferner stehe bei den Trainingsarbeitsplätzen die Ausbildung stärker als der Arbeitseinsatz im Vordergrund.

Finanziert wird das Arbeitstraining mit Geldern aus dem Integrationsprogramm KIP. Für die Integration jedes vorläufig aufgenommenen oder anerkannten Flüchtlings stellt der Bund einen Pauschalbetrag zur Verfügung. «Natürlich wäre ein Angebot wie das von der Micarna noch idealer. Diese hat ein Interesse, die Flüchtlinge nicht nur auszubilden, sondern auch einzustellen, und es müssen keine KIP-Gelder dafür verwendet werden. So stehen diese für zusätzliche Sprachkurse zur Verfügung», sagt van der Wingen.

Spielt ein Projekt wie das Maflü in den Planungen von Unternehmen eine Rolle? Von den angefragten Ostschweizer Unternehmen antwortete nur Huber+Suhner. Man stehe mit den kantonalen Integrationsverantwortlichen in Kontakt, im Vordergrund stünden Informationsveranstaltungen, Praktika und Attest-Lehren oder auch eine Betreuung und Begleitung durch Pensionierte, sagt Pressesprecherin Karin Freyenmuth.

Die Industrie- und Handelskammer (IHK) St. Gallen-Appenzell sagt auf Anfrage, dass die einzelnen Mitgliedsunternehmen am besten wüssten, ob sie Bedarf für ein Angebot wie das Maflü hätten. «Mit einer Arbeitsstelle steigen die Chancen zur Integration», sagt der IHK-Medienverantwortliche Robert Stadler. «Unsere Mitglieder stehen aber vor allem vor der Herausforderung, hochqualifizierte Fachkräfte zu finden. Ob Flüchtlinge dafür eine Lösung sein könnten, bleibt offen.»