BAUVORLAGE: Die grosse Renovation der alten Dame

Das 1968 eröffnete und heute weitgehend veraltete Theater St. Gallen soll grundlegend überholt und teilweise umgebaut werden. Die St. Galler Regierung beantragt dem Kantonsrat deshalb einen Kredit von 47,6 Millionen Franken.

Marcel Elsener
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Veraltete Verhältnisse im Betonbau von 1968: Die Bühne wird noch von Hand gezogen (wie der technische Leiter Georges Hanimann anzeigt), im niedrigen Ballettsaal sind Hebefiguren unmöglich. (Bilder: Ralph Ribi)

Veraltete Verhältnisse im Betonbau von 1968: Die Bühne wird noch von Hand gezogen (wie der technische Leiter Georges Hanimann anzeigt), im niedrigen Ballettsaal sind Hebefiguren unmöglich. (Bilder: Ralph Ribi)

Marcel Elsener

marcel.elsener@tagblatt.ch

Wenn auf der Bühne des Theaters St. Gallen derzeit publikumsträchtig frivole Vampire tanzen oder schrullige Eidgenossen durchs Durcheinandertal hetzen, ist das eigentlich ein Wunder. Denn der schöne Schein der modernen ­Ins­zenierungen lässt die prekären Produktionsverhältnisse mit einer völlig veralteten Infrastruktur vergessen. Beispielsweise müssen die schweren Kulissenteile noch immer mit Muskelkraft in den Bühnenturm hochgezogen werden, arbeiten Beleuchter und Requisiteure in einem ungeheizten Kellerraum ohne Tageslicht und steht sich das Personal in den engen Garderoben beim Schminken und Umkleiden auf den Füssen herum. Bei Grossproduktionen wie dem Vampirmusical drängen sich in der Maske schnell 60 Leute auf 35 Quadratmetern – bei einem halben Quadratmeter pro Person verständlich, dass man sich da am liebsten entnervt in den Hals beissen würde. Ausweichen in Duschen und ­Toiletten ist nicht möglich: Erstens finden sich kaum welche, und zweitens sind die nicht einmal geschlechtergetrennt.

Der im März 1968 eröffnete Theaterbau ist in einem schlechten Zustand und muss umfassend saniert werden. In den 50 Jahren sei das Theater stetig gewachsen, aber das Haus bis auf punktuelle Auffrischungen gleich geblieben, erklärte der St. Galler Baudirektor Marc Mächler gestern vor den Medien. Mit einem Kredit von 47,6 Millionen Franken will die Regierung die Abnutzungen und Altersmängel beheben und das Gebäude energetisch, sicherheits- und arbeitstechnisch auf den neuesten Stand bringen. «Es geht um etwas Grosses», sagte Mächler. Das mit 200 Jahren älteste Berufstheater in der Schweiz sei nicht nur für St. Gallen und die Ostschweiz, sondern für das ganze Land bedeutend, doch sei die alte Dame «etwas älter geworden, so dass man sie anfassen muss», damit sie langfristig lebensfähig bleibe. Manche Einrichtungen hätten fast Denkmalcharakter, sagte Kantonsbaumeister Werner Binotto und zeigte als Beispiel ein Lüftungsaggregat, «wohl das älteste in der Schweiz, das noch in Betrieb ist».

Das St. Galler Dreispartenhaus spielt mit seinen rund 700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern (257 Festangestellte, 316 Teilzeitbeschäftigte, 126 Aushilfen) und 282 Aufführungen für rund 120000 Besucher längst an den Grenzen seiner Kapazität, sagte Theaterdirektor Werner Signer. Erst vergangene Woche habe der Ausfall einer Bühnensteuerung die Tücken der alten Technik gezeigt: «Nichts ging mehr, doch zum Glück war der Vorstellungsunterbruch nur kurz. Ein ähnliches Problem könnte zum Abbruch führen.» Exemplarisch für die veränderten Anforderungen: Wurde in den 1960er-Jahren fast ausschliesslich der Prospektmalerei vertraut, wird heute eine dreidimensionale Kulissenarchitektur erwartet. Abgesehen von der Sommerpause wird das Theatergebäude seit fünfzig Jahren an sieben Tagen in der Woche genutzt, oft bis spätnachts. Sichtbar für die Besucher ist die Abnutzung an den letztmals 1993 neu bezogenen Stühlen, die durchgesessen sind und als unbequem empfunden werden. Abgesehen von der Bestuhlung sowie akustischen Verbesserungen im Orchestergraben und im Saal wird das Publikum im Theaterinnern von den Neuerungen wenig merken, wie es heisst. Noch offen ist die Frage der Stuhlfarbe; das vorherrschende Violett hat anscheinend wenig Anhänger.

Der wabenförmige Bau des Zürcher Architekten Claude Paillard ist «in ­Beton gegossen»; an dem europaweit herausragenden Beton-brut-Bau lässt sich laut Binotto fast nichts verändern. So könne man im Saal höchstens die ­Geometrie besser ausnützen, aber keine grösseren Umbauten vornehmen. Ein bescheidener Anbau (namentlich für Garderoben) und «Facelifting» ist hingegen an der Nordfassade möglich. Ein «Wunschkonzert» ist das noch lange nicht, vielmehr halte man sich ans «politisch Machbare», wie die Verantwortlichen sagten. «Was der Zuschauer sieht, wird nie nach 47 Millionen aussehen.»

Zunächst ist nun der Kantonsrat ­gefragt, der die Vorlage im Juni in erster Lesung beraten wird. Bauchef Mächler «macht sich keine Illusionen», dass es Kritik geben wird. Von den 47,6 Millionen Franken Baukosten entfallen allerdings 38,1 Millionen auf werterhaltende und lediglich 9,5 Millionen auf wertvermehrende Massnahmen. Da der wertvermehrende Anteil der Bauvorlage unter 15 Millionen Franken liegt, ist eine Volksabstimmung nicht zwingend. Diese einmalige neue Ausgabe untersteht aber dem fakultativen Referendum. Bestenfalls starten die Arbeiten 2019.