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In St.Gallen verschmutzt Bauschutt das Sitterufer

Nach dem Bräteln an der Sitter räumen die meisten Leute auf. Das zeigt eine neue Erhebung. Jedoch fanden Freiwillige Ziegelsteine, Eisenstangen und Keramikteile – jeden Monat aufs Neue. Die Suche nach den Übeltätern ist nicht einfach.
Marlen Hämmerli
Annette Jenny zeigt zwei Schuhsohlen, die sie am Sitterufer eingesammelt hat. (Bild: Urs Bucher)

Annette Jenny zeigt zwei Schuhsohlen, die sie am Sitterufer eingesammelt hat. (Bild: Urs Bucher)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Es ist eine Stelle an der Sitter, wo im Sommer viele bräteln, baden und sich bräunen. In der Nähe des Sittertalstegs, wo sich jeweils der Helfereingang zum OpenAir St.Gallen befindet. «Obwohl hier viel grilliert wird, hat es weniger ­Abfall als erwartet. Die meisten Leute nehmen ihren Müll mit», sagt Annette Jenny. Sie muss es wissen: Ein Jahr lang haben Jenny und ihr Freund auf einer rund 100 Quadratmeter grossen Fläche Müll gesammelt, kategorisiert und die Daten in eine App eingetragen. Die beiden sind zwei von 150 Freiwilligen, die für den Swiss Litter Report Daten erhoben haben (siehe Kasten ganz unten).

Nach Hochwasser waren die Bäume voll Plastik

Annette Jenny. (Bild: Urs Bucher)

Annette Jenny. (Bild: Urs Bucher)

Zigarettenstummel, einige Büchsen und immer wieder Industrieplastik, Keramik- und Metallteile, auch in grösseren ­Mengen: so das Fazit der Sammlung. «Monatlich hat es neues Material ­angeschwemmt», sagt Jenny. «Nach Hochwasser waren die Bäume teils voller Industrieplastik. Wir haben überlegt, das zu melden. Aber es ist unklar, wer ­zuständig ist.»

Die Sitter ist in jenem Bereich Landschaftsschutzgebiet. Gemäss Vorschrift muss das Gebiet in seiner Charakteristik erhalten bleiben. Obwohl auch Metallteile wie etwa Eisenstangen im Wasser mitgeschwemmt werden und der Plastik in den Bäumen hängen bleibt – die städtische Fachstelle für Natur- und Landschaftsschutz ist nicht zuständig, ­sondern verweist auf Anfrage der ­«Ostschweiz am Sonntag» ans Entsorgungsamt. Genau wie das Amt für Baubewilligungen. Die Baupolizei kümmere sich um den Abfall, der auf den Baustellen anfalle, sagt Amtsleiter Ivan Furlan auf Anfrage. Soweit er wisse, sei in der Vergangenheit kein Bauschutt in der Sitter abgeladen worden.

Trotzdem schwemmt die Sitter immer wieder Abfälle an, wie sie auf einer Baustelle anfallen. Ein zweiter Freiwilliger, Felix Bühler, der in der Spisegg auf Stadtboden Abfall gesammelt hat, berichtet ebenfalls von Keramikteilen, aber auch von abgeschliffenen Ziegelsteinen und verrosteten Eisenstücken. Im August 2017 erfasste Bühler 163 Teile in der Kategorie Baumaterial, zu der auch Ziegelsteine und Zement zählen.

Hier an der Sitter wurde Abfall gesammelt

Marco Sonderegger, Leiter von Entsorgung St.Gallen, ist bereit, diese Funde zu beurteilen – aber nicht aufgrund einer mündlichen Schilderung. Um die Sachlage wirklich zu verstehen, müsse sich ein Spezialist vor Ort ein Bild der Situation machen. «Am besten ist es deshalb, wenn solche Funde uns telefonisch oder über den ‹Stadtmelder› mitgeteilt werden.» Beim «Stadtmelder» handelt es sich um eine Webseite, die auch als App existiert. Jede und jeder kann dort Mängel wie etwa eine defekte Strassenlaterne auf Stadtgebiet melden. «In diesem Fall würden die Kanalgruppe oder der Gewässerschutz vorbeigehen und nach der Beurteilung die entsprechenden Massnahmen ergreifen», sagt Sonderegger. Je nach Fundort und Abfallart sei eine andere Stelle zuständig.

Der Bauschutt stammt kaum von einer alten Deponie

Doch woher stammt das Material? Felix Bühler vermutet, dass der Bauschutt vor langer Zeit abgeladen wurde. Im Kataster der belasteten Standorte sind einige alte Deponien in Appenzell Ausserrhoden eingezeichnet. «Dass eine dieser Deponien abgerutscht und der Abfall in der Sitter gelandet ist, ist sehr unwahrscheinlich», sagt René Glogger, der beim Kanton Appenzell Ausserrhoden stellvertretend für Altlasten zuständig ist. «Ausschliessen kann man es aber nie.» So sei bei Waldstatt vor einigen Jahren nach einem Unwetter eine Deponie abgerutscht. «Auslöser dafür war aber ein Hangrutsch», sagt Glogger. Ausserdem sei Bauschutt früher nur selten in Ausserrhoden abgelagert worden. «Häufiger wurde er nach St.Gallen gekarrt.»

Je nach Wetter wird an der Sitter ­weiterhin Abfall angeschwemmt. «Das ist problematisch», sagt Annette Jenny. «Denn irgendwann landet der Abfall im Meer und in der Nahrungskette.»

Bevor sie die Fundstücke in die App einträgt, sortiert Annette Jenny ihn auf einer Plane. (Bild: Urs Bucher)

Bevor sie die Fundstücke in die App einträgt, sortiert Annette Jenny ihn auf einer Plane. (Bild: Urs Bucher)

Nachdem Entsorgung St.Gallen auf den «Stadtmelder» verwiesen hat, erfasst die St. Gallerin, die heute in Zürich lebt, am Freitagmorgen eine Meldung und sendet ein Foto. Im Text betont Jenny, sie habe auch grössere Mengen Bauschutt gefunden, und jeden Monat sei neues Material angeschwemmt worden. Auf die Meldung hin handelt die Stadt: Am Freitagabend erhält Jenny ein Mail. Ein Mitarbeiter von Entsorgung St.Gallen sei die Stelle abgelaufen. «Ihm ist keine übermässige Verschmutzung aufgefallen.» Leiter Marco Sonderegger führt aus: «Da das Material grossflächig gesammelt und an einem Punkt angehäuft wurde, wirkt es problematischer.» Bei angeschwemmtem Material sei es schwierig, die Verursacher ausfindig zu machen, schreibt die Stadt weiter. «Das Wegwerfen von Abfall und Bauschutt ist leider ein gesellschaftliches Problem.» Gegen Müll auf Stadtgebiet habe sie mehrere Massnahmen ergriffen. Fallen etwa Stellen auf, die stärker verdreckt sind, würden Freiwillige von Entsorgung St.Gallen diese Areale im Rahmen des Clean-Up-Days aufräumen.

Am Ufer hat es keinen Kübel

Der Swiss Litter Report ist eine schweizweite Erhebung von Abfällen an Gewässern. Die Freiwilligen wählen dafür einen Standort, an dem sie während eines Jahres jeden Monat einmal Abfall sammelten und kategorisierten. Insgesamt wurde an 100 Standorten Müll ­erhoben. Der Schlussbericht erscheint kommenden Donnerstag. Erste Ergebnisse zeigen aber, dass Plastik am häufigsten gefunden wurde. Davon machen Zigarettenfilter den grössten Teil aus, heisst es auf www.stoppp.org. Problematisch an den Filtern ist, dass sie aus Celluloseacetat bestehen. Einem Kunststoff, der gemäss der Umweltorganisation 4Ocean bis zu fünf Jahre braucht, um sich zu zersetzen. Dabei kann ein gerauchter Filter 7,5 Liter Wasser unbelebbar machen.

Auf den ersten Blick war es sauber, auf den zweiten Blick nicht mehr
An der Sitter fand Annette Jenny insgesamt 133 Zigarettenstummel. «Besonders im Sommer lagen viele herum», ­erinnert sie sich zurück. Auch Büchsen, Kleider, Deckel, Getränkeflaschen und Essensverpackungen lagen herum. Jedes Mal sei es dasselbe gewesen, sagt Jenny. «Wenn ich kam, dachte ich erst, es sei sauber. Nach wenigen Minuten Suchen hatte ich dann aber eine Menge Abfall zusammen.» Das zeige ihr vor allem eines: «Wir Schweizer sind doch nicht so sauber und ordentlich, wie wir immer meinen.»

Ein Problem sei, dass es in der Nähe des Ufers keinen Abfallkübel hat. Erst hundert Meter die Sittertalstrasse hinauf Richtung Stadt hat es einen Mülleimer. Jenny hat Sozialpsychologie und Umweltwissenschaften mit Fokus auf Umweltverhalten studiert. Zum Standort des Kübels sagt sie: «Das ist zu weit weg für Leute, die an der Sitter grillieren.» Dass an der Sitter weniger Abfall liege als erwartet, liegt laut Annette Jenny auch daran, dass manche Personen, etwa ein Fischer und zwei Anwohner, freiwillig fetzeln. (mha)

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