BAUKULTUR: Denkmalpflege fördert Umnutzungen

Betonbrücke, historisches Gasthaus oder Torkel: Das sind Beispiele von Renovationen der St. Galler Denkmalpflege im 50. Jahr ihres Bestehens. In Zeiten des Spardrucks und neuer Aufgaben bemüht sich die Fachstelle um Imagekorrekturen.

Marcel Elsener
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Musterbeispiele von Renovationen der St. Galler Denkmalpflege im Jahr 2016: Die Betonbrücke über die Thur in Zuzwil, das frühere Gasthaus Kreuz am Kirchplatz in Thal und der heute als Veranstaltungsraum genutzte Torkel im Weiler Romenschwanden in St. Margrethen. (Bilder: PD/Stephan Bösch)

Musterbeispiele von Renovationen der St. Galler Denkmalpflege im Jahr 2016: Die Betonbrücke über die Thur in Zuzwil, das frühere Gasthaus Kreuz am Kirchplatz in Thal und der heute als Veranstaltungsraum genutzte Torkel im Weiler Romenschwanden in St. Margrethen. (Bilder: PD/Stephan Bösch)

Marcel Elsener

marcel.elsener@tagblatt.ch

Von der vernachlässigten Abstellkammer zum beliebten Versammlungslokal: Ein 400-jähriger Torkel im Rebberggebiet von St. Margrethen diente zuletzt nurmehr als Lagerschuppen für Maschinen und Brennholz, bis sich die Ortsgemeinde zur Restaurierung und Nutzung als Veranstaltungsraum entschied. Die St. Galler Denkmalpflege streicht den Torkel in der jüngsten Jahresbroschüre hervor. Und er dient ihrem Chef Michael Niedermann beispielhaft für eine überfällige Imagekorrektur: Die Denkmalpflege habe «zwar gern Traditionen, aber nicht alte Zöpfe». Höchste Zeit also, dass der alte Zopf, wonach Denkmalpflege Bauverhinderung bedeute, abgeschnitten gehöre. Vielmehr fördere man auch Umnutzungen, wie in diesem Fall zu Gunsten der Öffentlichkeit.

Die Vorurteile sind bekannt: Die Denkmalpflege – es ist schon im Begriff angelegt – verspricht keinen prickelnden Aufbruch, sondern mühsame Bewahrung. Sie erscheint manchen Hauseigentümern und Bauherren lästig: «Ach, die hat uns gerade noch gefehlt...» Niedermann, seit 2014 Nachfolger von Pierre Hatz, kennt solche Vorurteile nur zu gut. Der schlechte Ruf sei unberechtigt, und die Denkmalpflege biete immer häufiger Hand für Umnutzungen historischer oder moderner Bauten: Aktuelle Beispiele sind etwa die Industrieareale in Mels (Stoffelfabrik) und Flums (Flumserei), wo Wohnformen in die Fabrikbauten integriert werden, ohne dass der identitätsstiftende Charakter der Anlagen verloren geht. «Ein Denkmal ohne Nutzung ist ein Skelett, das niemandem etwas bringt», sagt Niedermann. «Da müssen wir kompromissbereit sein, um spannende Projekte zu ermöglichen.»

Industriedenkmäler mit Neubauten aufwerten

Mit Mels vergleichbar ist das Feldmühle-Areal in Rorschach: Anstelle der einst grössten Textilfabrik der Schweiz könnten dort nebst den historischen Kerngebäuden dereinst Wohnneubauten stehen; gut zwei Drittel der Fabrikbauten würden abgebrochen. Der Denkmalpfleger lobt das Vorgehen der Eigentümerin Scapa und der Stadt Rorschach mittels Machbarkeitsstudie. Schwieriger ist der Fall des Schotterwerks Malerva beim Eisenbergwerk Gonzen. Die schützenswerte Industrieanlage – mehr Maschine als Bauwerk – lässt nur bedingt eine Umnutzung zu, doch Niedermann ist zuversichtlich, dass auch in Sargans ein Kompromiss gefunden werden kann – etwa mit einem Nutzungstransfer für zusätzliche Verdichtung der Überbauung.

Ein weiteres, unbestrittenes Beispiel für eine Umnutzung ist der Hof Wil, wo die dritte und letzte Renovationsetappe ansteht. Die Öffentlichkeit wisse Baudenkmäler zu schätzen, freut man sich bei der St. Galler Denkmalpflege: Laut jüngster Statistik des Bundesamtes für Kultur halten 90 Prozent der Befragten den Erhalt für wichtig und erachtet fast die Hälfte die Staatsausgaben für diese Aufgabe als «zu wenig hoch». Eine Bestätigung der Arbeit immerhin in Zeiten der Sparpolitik, die auch das Budget der Denkmalpflege einschränkt. Dieses Jahr stehen ihr nach einer weiteren Kürzung der Beiträge aus dem Staatshaushalt in Höhe von 30000 Franken noch knapp 370000 Franken zu Verfügung, noch rund die Hälfte der früheren Summe. «Der Kanton St. Gallen liegt damit in Relation zum Kantonsbudget (unter 1 Prozent) gesamtschweizerisch tief im hintersten Viertel», heisst es im Jahresbericht. Und mit 410 Stellenprozenten ist die Fachstelle spärlich dotiert; der Kanton Thurgau hat die Denkmalpflege mehr als doppelt so gut ausgestattet, und Bern sogar ums Zehnfache besser.

Das wertvollste Haus Thals und ein Ausnahmefall in Berneck

Trotzdem konnten im vergangenen Jahr 80 Objekte mit Beiträgen von insgesamt 2,5 Millionen Franken unterstützt werden; 2,1 Millionen stammen aus dem Lotteriefonds. Dazu wurden Bundesmittel von 840000 Franken zugesichert. In der zum dritten Mal und anscheinend mit sehr positivem Echo aufgelegten Broschüre stellt die Denkmalpflege prominente Renovationen vor, darunter die Thurbrücke Felsegg, 1933 als Pionierwerk des Eisenbetons vom bekannten Bauingenieur Robert Maillart erstellt. Oder das einstige Gasthaus Kreuz in Thal, von Pierre Hatz als «wertvollstes Haus in Thal» bezeichnet. Hübsch der Ausnahmefall des «Leichenführerhauses» in Berneck: Architekt Werner Bänziger bat als Eigentümer selber um den Schutz des Gebäudes, und prompt fand sich in der Eternitfassade eine historisch wertvolle Bausubstanz. Solchen Eigentümern, die den – auch immateriellen – Wert ihres Hauses erkannten und mutig «Geld, Zeit und Herzblut» investierten, ist die Denkmalpflege laut ihrem stellvertretenden Leiter Moritz Flury-Rova zu speziellem Dank verpflichtet.

Gemäss dem neuen Baugesetz unterstützt der Kanton künftig ausschliesslich Kulturgüter von kantonaler und nationaler Bedeutung. Lokale Vorhaben prüft die Denkmalpflege fallweise gemäss Inventar der Gemeinden. Michael Niedermann ist zuversichtlich, dass ihre Bauberatungen (2016 rund 500) weiterhin viel gefragt seien. Dabei dürfe die Denkmalpflege, von wegen Imagekorrektur, nicht lehrmeisterlich, sondern müsse partnerschaftlich auftreten: «Wir sind keine Bewilligungsbehörde, sondern eine Dienstleistungsfachstelle.»