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Bauern verkaufen ihr Vieh wegen Dürre: «Wir müssen unsere Kühe fast verschenken»

Die Landwirtschaft leidet unter der Dürre. Es wächst kein frisches Gras mehr, viele Bauern zehren vom Winterfutter. Weil das nicht reicht, muss der Viehbestand reduziert werden. Auf dem Markt in Wattwil gibt es viel Schlachtvieh - und keine Abnehmer.
Sandro Büchler/Raphael Rohner
Auf dem Schlachtviehmarkt in Wattwil verkaufen Bauern ihre Tiere. (Bild: Raphael Rohner)

Auf dem Schlachtviehmarkt in Wattwil verkaufen Bauern ihre Tiere. (Bild: Raphael Rohner)

Martin Kägi hat soeben zwei Kühe verkauft. «Eigentlich habe ich die Tiere fast verschenkt», sagt er. Kägi ist Landwirt im zürcherischen Wald und ist am Dienstag für den Schlachtviehmarkt über den Ricken nach Wattwil gefahren. Die «Riesentrockenheit», sagt Kägi, stelle ihn vor ernsthafte Probleme.

Seit Ende Juni hat er fast kein Futter mehr, es wächst kein frisches Gras nach. Notgedrungen zehrt der Landwirt nun vom Winterfutter. Weil das nicht reicht, muss er seinen Viehbestand reduzieren. Man merkt Kägi an, dass er seine Milchkühe mit Stolz und Freude pflegt. Umso mehr nimmt den Viehzüchter die aktuelle Situation mit: «Es tut weh, wenn man die Kühe so hergeben muss, einfach weil zu wenig Futter da ist.» Wenn es so weiter gehe, müsse er weitere Kühe zum Schlachten bringen.

Bauern weinen am Telefon

So wie viele Bauern leidet auch Kägi unter dem Futtermangel. Sie haben aber wenig Spielraum. Denn die Futterpreise sind in den letzten Wochen in die Höhe geschnellt, zudem kommt das Jungvieh von der Alpsömmerung zurück – und im Tal fehlt das Futter. So entscheiden sich nicht wenige Bauern, einen Teil ihrer Tiere abzustossen. Am schweizweit grössten Schlachtviehmarkt in Wattwil ist deshalb der Ansturm gross.

«Wir werden total überrannt», sagt Ernst Rutz, Geschäftsführer der Ostschweizer Nutz- und Schlachtviehgenossenschaft. An diesem Morgen werden etwa 250 Kühe und Stiere zur Markthalle gebracht, über 100 teils verzweifelte Bauern mussten aus Kapazitätsgründen abgewiesen werden. Einige Bauern hätten am Telefon geweint, weil ihnen Futter, Wasser und Geld fehle, erzählt Rutz. Die Stimmung am Markt ist angespannt. Über den dicht gedrängten Kuhrücken steht Armin Raschle aus Mogelsberg. Er ist der Auktionator am Viehmarkt, versteigert die Tiere an den Meistbietenden. Doch dies ist meist ein kurzer Prozess: In vielen Fällen werden die Kühe zum Mindestpreis verkauft, für andere findet sich gar kein Käufer. Das Überangebot drückt die Fleischpreise in die Tiefe. Das Vieh, das niemand will, wird am Schluss anhand eines Verteilschlüssels an die Händler aufgeteilt, da für die am Markt angemeldeten Tiere eine Abnahmegarantie besteht. Martin Kägi blickt auf die Zettel, die den Verkaufspreis seiner beiden Kühe belegen. «Rund 400 Franken weniger habe ich pro Kuh erhalten.»

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Kein Futter: Bauern müssen ihr Vieh verkaufen

Je nach Gewicht erhält ein Bauer 1500 bis 3000 Franken pro Kuh. Der Preisabschlag sorgt in Wattwil für Unmut. Hans Gantenbein aus Herisau, der seit 1972 mit Kühen handelt, kann das nur zum Teil nachvollziehen: «Wir sind nicht Schuld daran, dass es so trocken ist.» Zudem müssten die Bauern nicht enttäuscht sein, «denn sie hatten auch gute Zeiten», so der Viehhändler. Sie hätten den Bauern bisher zu viel für ihr Fleisch bezahlt, weil sie darauf angewiesen waren. Dies bestätigt Proviande, die Branchenorganisation der Schweizer Fleischwirtschaft auf Anfrage. «Das Angebot in der Schweiz war bis anhin eher zu niedrig, so dass die Verarbeiter Fleisch aus dem Ausland importieren mussten, um die Nachfrage zu decken.» Es sei unbestritten, dass die anhaltende Trockenheit zu Problemen in der Landwirtschaft führe, schreibt der Branchenverband. Der Futtermangel sei der Grund, dass Landwirte nun – früher als geplant – gesunde und genährte Tiere zur Schlachtung bringen würden. «Dieses kurzfristig hohe Angebot führt zum Zerfall der Kuhpreise», so Proviande.

Fleischimport entpuppt sich als Fehler

Das ist für die Bauern nicht der einzige Grund für die tiefen Preise. Sauer stösst ihnen vor allem ein vor zwei Wochen gefällter Entscheid auf. Damals bewilligte Proviande den Import von 800 Tonnen Kuhhälften. «Man wusste schon da von der Trockenheit», sagt Emil Zwingli. Der Wattwiler Landwirt kann das Vorgehen nicht verstehen, denn das habe den Preis für Kuhfleisch zusätzlich unter Druck gesetzt. «Die Grossverteiler nutzen die Bauern schamlos aus», regt sich Zwingli auf. Wenn die Landwirte kein zusätzliches Futter einkaufen könnten, bliebe ihnen keine andere Wahl, als ihre Kühe abzustossen. «Wäre dieser Import nicht bewilligt worden, wäre die Situation jetzt nur halb so schlimm», so Zwingli. Konfrontiert mit den Vorwürfen, gesteht Proviande ein, die Situation falsch beurteilt zu haben: «Die Importfreigabe am 27. Juli ist heute betrachtet natürlich ein Fehler, offenbar haben damals alle die Lage als nicht dramatisch eingeschätzt.»

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