Bank Wegelin – ein Ende wie ein Krimi

2016 wäre die Bank Wegelin 275 Jahre alt geworden. Grund zum Feiern gibt es nicht, stattdessen werden nach dem abrupten Ende der Bank immer noch Scherben aufgeräumt. Details, die an die Öffentlichkeit gelangt sind, geben Einblick in die letzten Monate von Wegelin.

Markus Rohner
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In der Blütezeit 30 Milliarden Franken verwaltet: Das Gebäude der ehemaligen Bank Wegelin am Bohl in St. Gallen. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

In der Blütezeit 30 Milliarden Franken verwaltet: Das Gebäude der ehemaligen Bank Wegelin am Bohl in St. Gallen. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

ST. GALLEN. Irgendeiner muss an diesem Tag gepfuscht und auf den falschen Knopf gedrückt haben. Als die Beamten der englischen Metropolitan Police in London die Tonbänder abhören wollten, war nichts zu hören. Keine Stimme, kein Satz, der ihnen auf ihrer Jagd hätte weiterhelfen können. Jetzt, da sie so nah am Ziel waren, drohte den Häschern aus England und den USA der Fisch aus der Ostschweiz zu entgleiten.

Es ist eine Story wie aus einem Wirtschaftskrimi, die seit ein paar Wochen in allen Details im Internet zu lesen ist. Im Juni publizierte das Zürcher Online-Wirtschaftsbulletin «Inside Paradeplatz» ein Protokoll eines US-Steuergerichts zur St. Galler Privatbank Wegelin. Eine Institution auf dem Schweizer Finanzplatz, die im nächsten Jahr 275 Jahre alt geworden wäre, nach 2010 aber innerhalb von ein paar wenigen Monaten zerstört worden ist. Protagonisten in dieser Geschichte sind ein in den USA arbeitender Vermögensverwalter mit seiner Frau, Mitarbeiter der Wegelin Bank, Steuerbeamte und Polizisten aus den USA und England.

Im Visier der US-Behörden

Stefan Seuss, ein deutscher Vermögensverwalter, der bis heute in den USA seiner Arbeit nachgeht und während Jahren mit der Wegelin Bank zusammengearbeitet hat, war ins Visier der amerikanischen Justiz geraten und im Oktober 2009 wegen Verschwörung zur Geldwäsche verhaftet worden. Während eineinhalb Jahren sass er im Gefängnis und wurde im April 2011 auf Bewährung entlassen.

Seuss' Verhaftung war der Anfang vom Ende der Wegelin Bank. Denn in seiner Not liess sich der Inhaftierte auf einen Deal mit den Amerikanern ein und versprach ihnen gegen Straferleichterung, die Traditionsbank aus der Ostschweiz ans Messer zu liefern. Die St. Galler waren ins Visier der US-Behörden geraten, weil sie auch nach 2008 weiterhin US-Kunden mit unversteuertem Geld akzeptierten. «Wegelin glaubte», so erklärte Wegelin-Mitinhaber und Bankchef Otto Bruderer Anfang 2013 bei seinem Schuldeingeständnis vor US-Gericht, «sie würde in den USA dafür nicht belangt werden, weil sie dort keine Niederlassung oder Büros hatte, und sie glaubte, dass ein solches Verhalten in der Schweizer Bankenbranche üblich war.»

«Kraftort des Widerstands»

Der andere Bankchef, Konrad Hummler, der wie kein anderer Wegelin nach aussen repräsentierte, machte sich in der Öffentlichkeit immer wieder stark für das Bankgeheimnis. Die dräuenden Gewitterwolken, die nach 2008 über dem Schweizer Finanzplatz aufgezogen waren, wurden in St. Gallen nicht wahrgenommen. Der kampferprobte Hummler war sich seiner Sache sicher. Die «Weltwoche» bezeichnete ihn denn auch als «General im Kampf um Recht und Ehre» – «gegen die grösste Macht der Welt: die USA». Und die Bank wurde kurzerhand zum «Kraftort des Widerstands», «ein Bunker und Reduit».

Vielleicht hatten die Beamten der amerikanischen Steuerbehörde Hummlers markige Worte in den Ohren. Oder sie ärgerten sich ganz einfach, weil es in der Schweiz nach dem UBS-Deal von 2008 immer noch Banken gab, die unversteuertes Geld aus den USA akzeptierten. Also kam ihnen die kleine und nicht systemrelevante Bank aus St. Gallen als neues «Opfer» gerade recht.

Die Falle, die sich Seuss ausgedacht hatte, war perfid gestellt. Weil Wegelin keine Geschäfte auf US-Territorium tätigte und ihre Angestellten auch nicht in die USA reisen durften, musste ein Wegelin-Banker in Europa die inkriminierenden Aussagen machen. A., der seit 2005 bei Wegelin in Zürich arbeitete, wurde mit einer Finte angelockt – eine angebliche Flugzeugfinanzierung in den USA mit unversteuertem Geld. Im Protokoll des amerikanischen Gerichts wird Seuss sinngemäss so zitiert: «Wir werfen ihm den Knochen hin, dann wird er zubeissen. Und wenn wir ihn haben, wird er alles <kötzeln>».

Den Knochen warfen sie dem Mann im Februar 2010 in einem Londoner Hotel hin. Seuss' Ehefrau wurde in Vertretung ihres in Haft sitzenden Mannes als Lockvogel eingesetzt. Geheimleute der Londoner Metropolitan Police verfolgten das Treffen. Zuvor war der Frau mehrfach eingetrichtert worden, im Gespräch mit dem Schweizer Banker unbedingt vom schmutzigen und unversteuerten Geld zu sprechen. Doch dann wurde die Übung unvermittelt abgebrochen. Hatte der Banker kalte Füsse bekommen?

Mit Mikrophon im Hotel

Es kam in London zu einem zweiten Treffen. Wie beim ersten Mal war Seuss' Ehefrau mit Mikrophon und Aufnahmegerät ausgerüstet. Noch während des Gesprächs tauchte ein Spion der Londoner Polizei in der Rolle als vermeintlicher neuer Wegelin-Kunde im Hotel auf. Der Schweizer und der Spion plauderten über Gott und die Welt, ihre angebliche Leidenschaft für Triathlon und auch über das schmutzige Geld, um das es in erster Linie ging.

Das Geschäft schien auf bestem Weg, bis die Polizisten später mit Schrecken realisierten, dass auf den Tonbändern nichts zu hören war. Keine inkriminierenden Worte, keine verräterischen Aussagen des Wegelin-Bankers, die in einem Prozess hätten verwendet werden können.

Verhaftung in Miami

Also musste der Krimi weitergehen. Per Telefon versuchte Seuss später, A. zu den inkriminierenden Worten zu verleiten. Hauptziel aber war es, den Mann in die USA zu locken. Dieser stieg im Oktober 2010 tatsächlich in ein Flugzeug in Richtung Bahamas und wurde bei einer Zwischenlandung in Miami von der amerikanischen Polizei in Empfang genommen. «Nach einer Woche in Gewahrsam war A. bereit, mit den Amerikanern über Wegelins Geschäfte zu sprechen», ist im Gerichtsprotokoll nachzulesen.

Später flog der Schweizer Banker von Miami auf die Bahamas und sprach dort laut Gerichtsprotokoll per Telefon mit einem der beiden Wegelin-Partner, Konrad Hummler oder Otto Bruderer. A. musste seine Chefs im Unklaren lassen und sie hinhalten, so dass sie keinen Verdacht schöpften. Er war schliesslich bereit, mit den amerikanischen Behörden zusammenzuarbeiten.

Was der Schweizer in den Klauen der Amerikaner alles über das Bankgeschäft von Wegelin erzählt hat, bleibt im Ungewissen. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz ahnte man bei Wegelin, dass die amerikanischen Behörden mehr in der Hand hatten als gegen die anderen, ebenfalls verdächtigten Schweizer Banken. A. wurde freigestellt und eröffnete im März 2011 ein eigenes Büro für Vermögensverwaltung. Nicht einmal ein Jahr später kapitulierten die Wegelin-Chefs vor dem Druck aus den USA, beglichen eine hohe Busse und verkauften die Bank in einer Notfallübung an Raiffeisen.

Der angebliche «Verräter» musste nach 2012 viele kritische Medienartikel über seine Person und sein Verhalten lesen. «Den Untergang der altehrwürdigen Privatbank allein auf die Aktivitäten von A. zurückzuführen, greift zu kurz», schrieb die «Bilanz» kurz nach dem Ende der Bank. Ohne die «forsche Wachstumskultur», die über Jahre gepflegt wurde, hätte sich der wachstumsorientierte Banker kaum so lange halten können.

«A. hat den US-Behörden nie vertrauliche Informationen geliefert, die letztlich zur Anklage der Wegelin Bank und zu deren freiwilligen Aufspaltung geführt haben», sagt heute Franco Gullotti, Mediensprecher von A. Die entsprechenden Informationen hätten die US-Behörden in erster Linie von den mehr als 30 000 selbstanzeigenden Bankkunden mit USA-Schweiz-Bezug und durch den Vertrag mit der UBS erhalten.

Rasantes Wachstum

Als die zwei ehemaligen SBG-Banker Hummler und Bruderer 1991 bei Wegelin einstiegen, arbeiteten 30 Leute in der Minibank in St. Gallen. 2003 waren es bereits 230 Mitarbeitende und sieben Milliarden Franken, die verwaltet wurden. In der Blütezeit standen 700 Mitarbeitende im Sold der Bank, verwaltet wurden fast 30 Milliarden Franken. In der ganzen Schweiz, von Chur über das Tessin bis nach Basel und in die Romandie wurden Niederlassungen gegründet. Am Finanzplatz Zürich war das Offshore Banking domiziliert mit einem ehemaligen Staatsanwalt in der Leitung. A. war dort Chef eines kleinen Teams, das die Aufgabe hatte, von der Schweiz aus die Vermögensverwaltung für reiche Ausländer aufzubauen.

Das Drama um Wegelin ist bis heute nicht ausgestanden. Vor einigen Monaten wurde am Frankfurter Flughafen der ehemalige Wegelin-Mitarbeiter Y. verhaftet. Er gehörte mit zwei anderen zum Team von A. und war bis zum Ende der Bank ins US-Geschäft involviert. Die amerikanischen Steuerbehörden wollen Y. offensichtlich verurteilen. Ihm und zwei anderen Wegelin-Mitarbeitern (nicht aber A.) wird laut «Tages-Anzeiger» vorgeworfen, die US-Steuerbehörden IRS ausgetrickst zu haben.

Investor, Mäzen, Kolumnist

Konrad Hummler und Otto Bruderer sollen vor mehr als drei Jahren beim Notverkauf von Wegelin an Raiffeisen laut «Bilanz» je rund 75 Millionen Franken gelöst haben. Hummler ist heute als Berater, Verwaltungsrat, Kolumnist, Kulturmäzen und Investor aktiv. Und gelegentlich begibt sich der 62-Jährige auch auf Reisen. Sogar nach Amerika.

«Umständehalber unterliess ich während einiger Zeit das Reisen in die USA», schrieb er Anfang Mai in einer Kolumne der «Sonntags-Zeitung». Nun aber habe er seine «innere Abwehrhaltung» überwunden, um alte Freunde und Bekannte zu besuchen. Danach ist Hummler unbehelligt in die Schweiz zurückgereist.