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BALGACH: Arme Oehler, reiche Oehler - eine fesselnde Familiengeschichte

Sie ist eine Familie wie andere auch. Und sie hat einen bekannten Sohn hervorgebracht. Nun arbeiten zwei Bücher auf, wer die Oehlers sind. In ihrer Geschichte spiegeln sich wechselhafte Zeiten – auch für Balgach, ihr Dorf.
Rolf App
Edgar Oehler auf den Knien seines Vaters Ludwig Oehler-Eschenmoser. (Bild aus: Familiengeschichte)

Edgar Oehler auf den Knien seines Vaters Ludwig Oehler-Eschenmoser. (Bild aus: Familiengeschichte)

Rolf App

rolf.app@tagblatt.ch

Sinn für Publicity hat der Mann. Er hat sie schon immer gehabt. Schon damals, als er noch Chefredaktor, Nationalrat, Unternehmer war. Und reich wurde. Edgar Oehler, heute 76 Jahre alt, ein Mann mit Ecken und Kanten, hat deshalb nicht einfach die Geschichte seiner Familie aufarbeiten lassen für jenes Familientreffen, das am 27. Mai im «Ochsen» Berneck stattfinden soll. Er publiziert das Ganze auch noch in Buchform. Und stellt es heute öffentlich vor. Im St. Galler Hofkeller, wie sich das für einen Mann von Bedeutung gehört.

Was geht uns die Oehler’sche Familiengeschichte an, denkt man sich, nimmt die beiden manchmal ausufernden, manchmal auch einigermassen labyrinthischen Bücher zur Hand, ein dickes von 560 und ein dünneres, querformatiges, das zur Hälfte aus Stammtafeln besteht – und ist sofort gefesselt. Davon, wie sich hier die grosse Welt in der kleinen eines Rheintaler Dorfes namens Balgach spiegelt. Davon, dass Blut eben doch dicker ist als Wasser, und dass Verwandtschaft verbindet über die Jahrhunderte hinweg. Dass unsere Zeit vieles in Frage stellt, nur eines nicht: die Familie.

Vierzig Oehler wohnen noch immer in Balgach

Die Geschichte dieser Familie reicht weit zurück, und ist, über weite Strecken, an Balgach gebunden. 1376 taucht der Name Oehler ein erstes Mal auf in einer Urkunde, es geht um vierzehn Balgacher Leibeigene des Frauengotteshauses zu Lindau, die sich unter den Schutz und Schirm der Stadt Feldkirch stellen wollen. Und noch heute wohnen in Balgach 40 Personen dieses Namens. 28 sind katholisch, 11 evangelisch. Die Reformation hat die Familie geteilt, wie sie das Dorf entzweit hat bis beinahe vor kurzem. «Es gab, und das bis noch vor nicht sehr langer Zeit, konfessionell getrennte Schulen, man kaufte beim katholischen beziehungsweise beim reformierten Bäcker ein, es gab zwei Männerchöre, zwei Musikvereine», erinnert Edgar Oehler sich in seiner Einleitung zum dicken Buch. Auch nach der 1979 vollzogenen Schulverschmelzung habe es immer noch zwei Turnvereine und zwei Frauenvereine gegeben. Während heute, in der Disco, «konfessionelle Unterschiede keine Rolle mehr spielen».

Edgar Oehler auf den Knien seines Vaters Ludwig Oehler-Eschenmoser. (Bild aus: Familiengeschichte)

Edgar Oehler auf den Knien seines Vaters Ludwig Oehler-Eschenmoser. (Bild aus: Familiengeschichte)

Ja, so wandeln sich die Zeiten und mit ihnen die Einstellungen. Was fest gefügt erscheint und zukunftsträchtig, ist es dann oft doch nicht. Die Lebensgeschichte des 1868 geborenen Johann Jakob Stephan Oehler zeigt es ganz gut, der 1895 Anna Maria Karolina Zünd heiratet und mit ihr acht Kinder hat, von denen zwei im Kindesalter sterben. Die Stickerei blüht, als er sich selbstständig macht, er kauft sich ein Grundstück und baut. Doch dann kommt die Krise, und es kommt der Krieg. Ende 1914 ersucht er beim Gemeinderat um ein Darlehen von 1000 Franken. Die Gemeinde stellt fest, dass sich der Mann in «ganz bedrängter Lage befindet und ohne Hilfe unterliegen muss». Er habe «eine heranwachsende Familie, die es ihm ermöglichte, bei Wiedereintritt günstiger Konjunkturen sich über Wasser zu schwingen». Noch ein paar Ermahnungen geben die Gemeinderäte ihrem notleidenden Mitbürger auf den Weg, und sagen Ja.

Aufwachsen mit sechs Schwestern – nicht gerade einfach

Johann Jakob Stephan Oehlers Kinder haben wieder Kinder, und in Ast 7 findet sich unter den Nachkommen von Ludwig und Rosa Oehler-Eschenmoser auch der am 2. März 1942 geborene Edgar, inmitten von nicht weniger als sechs Schwestern. Drei sind schon da, als er zur Welt kommt, drei kommen noch. Zu Hause herrscht ein ziemliches Gedränge, vor allem im Badezimmer, weshalb Edgar sich angewöhnt, früh aufzustehen, um sich den Platz frühzeitig zu sichern. Er hat da schon seine Erfahrungen mit der Frauenherrschaft gemacht, weil er in den ersten drei bis vier Lebensjahren Mädchenkleider tragen muss. «Bis mein Vater ultimativ verlangte, dass man die Mädchenkleider immer den Mädchen überlässt. Das war vermutlich der Anfang der Gleichberechtigung von Mann und Frau in unserer Familie.»

Vierzig Seiten benötigt Edgar Oehler, um, nebst dem einen oder anderen Exkurs zur Politik von heute, sein buntes Leben zu schildern, das ihn bis nach Bagdad zu Saddam Hussein führt. Nur gerade fünf, dafür umso farbenprächtigere, nimmt Marianne Oehler-Metzler in Anspruch, seine Frau, die 2010 nach einem Autounfall wieder zu malen beginnt. Wo sich früher im Oehler’schen Haus das Postbüro befand, ist heute ihr Atelier. Und das Geschlechterungleichgewicht hat sich fortgesetzt. Denn Marianne Oehler-Metzler zog vier Töchter gross.

Fortgetrieben von der wirtschaftlichen Not

Man höre oft den Vorwurf, dass Familien durch mündliche Überlieferung höchstens drei Generationen weit blicken, schreibt Edgar Oehler. Was weiter zurückreicht, wird vergessen. An diesem Eindruck ist viel Wahres. Nachforschungen in den Archiven füllen Lücken, vermögen aber alte Zeiten nicht wirklich zum Leben zu erwecken. Auch die Oehlers, immerhin seit 1376 aktenkundig, haben nur punktuell Spuren hinterlassen. Mal kaufen sie etwas, mal unterschreiben sie als Urkundspersonen, mal tragen sie Rechtsstreitigkeiten aus. 1807 zieht Hans-Jacob Oeler – auch diese Schreibweise des Namens gibt es – «als Rekrut fort u. verschollen». Seine Frau und drei unmündige Kinder bleiben zurück, von denen eines blind ist. Hans-Jacob gehört zu den Balgachern, die für Napoleon in den Krieg ziehen müssen.

Andere treibt die wirtschaftliche Not in die weite Welt. Manche müssen sich als billige Knechte oder Mägde im Schwabenland verdingen, und 1863 verlässt eine Schar von 34 Personen Balgach mit dem Ziel der Colonie Helvetia am Rio Rosario in Uruguay. Auch zwei Oeler reisen mit. Andere wählen sich Nordamerika als Ziel, mit wechselndem Erfolg. Der 1814 geborene Valentin Oeler etwa, der Frau und drei Kinder verloren hat, schliesst sich 1866 einer Gruppe von Auswanderern an – und kehrt 1881 wieder zurück.

So ist das Leben, es ist Versuch und Irrtum. Es gibt keine Garantien. Es muss sich entfalten vor dem Hintergrund oft schwieriger Zeiten. Das ist es auch, was eine Familiengeschichte wie diese erzählt. Denn die Welt hat nicht auf die Oehlers gewartet, wie auch nicht auf alle andern Familien, die sie bevölkern, und mit denen es mal aufwärts und mal wieder abwärts geht. Und auch Balgach hat sich verändert. Es hat sich verändern müssen und ist, unter den Rebhängen, zum Industriestandort geworden.

Man könne natürlich aus den Stammtafeln nicht herauslesen, «ob einer unserer Vorfahren reich oder mausarm, ein edler Mensch, ein armer Kerl oder ein Quartalssäufer war», stellt Edgar Oehler nüchtern fest. Trotzdem hat er ein paar Eindrücke gewonnen: Die Oehlers haben das Privileg genossen, in friedlicher Umgebung zu leben, sie haben sogar die Wirren der Reformation schadlos überstanden, ohne sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen. Sie «zeichneten sich stets durch gesundes Vernunftdenken aus». Sie «waren stets ordentliche Staatsbürger, die in Familie und Beruf solide Arbeit leisteten».

Schliesslich: Hinweise auf ausserordentliche Leistungen fänden sich nicht, «ausser vielleicht meinem von 1971 bis 1995 ausgeübten Mandat als CVP-Nationalrat». Ja, Edgar Oehler weiss schon, wie er sich ins rechte Licht rückt. Auch im familiären Rahmen.

Hinweis

Die beiden Bände sind im Verlag Dr. Felix Wüst, Küsnacht erschienen. Sie tragen die Titel «Johann Jakob Stephan (1868–1930) und Anna Maria Karolina Oehler-Zünd (1867–1938) und ihre Kinder» und «Stammtafeln Öler, Oeler, Öhler und Oehler von Balgach SG».

Balgach – ein Dorf, eingebettet zwischen der katholischen (links) und der evangelischen Kirche. (Bild: Ernst Nüesch-Gasser)

Balgach – ein Dorf, eingebettet zwischen der katholischen (links) und der evangelischen Kirche. (Bild: Ernst Nüesch-Gasser)

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