Bahnhof St.Gallen: Fünf Jahre Lärm, Staub und keine Kunden

Am zweitägigen Fest zum neuen Bahnhof St.Gallen haben sich auch umliegende Geschäfte beteiligt. Fünf Jahre lang haben die Inhaber unter Lärm, Staub und wegen fehlender Kunden gelitten. Doch noch können nicht alle Geschäftsführer aufatmen.

Marlen Hämmerli
Drucken
Teilen

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Bahnhof St.Gallen vor, während und nach den Bauarbeiten

Alle neuen Busunterstände stehen jetzt, der Kornhausplatz (oben links) wurde neu gepflästert. (Bild: Hanspeter Schiess (St. Gallen, 29. August 2018))

Zwei Tage lang Konzerte, zudem Führungen, Glücksräder und Modeschauen. In St.Gallen sind der umgebaute Bahnhof und der neugestaltete Bahnhofplatz eingeweiht worden. Fünf Jahre lang war das Gebiet zwischen Hotel Walhalla, «Tibits» und Gaiserbahnhof eine Baustelle. Die Auswirkungen auf Detaillisten, Gastro- und Hotelbetriebe rund um den Platz waren einschneidend.

Bilder: Ralph Ribi
64 Bilder

Bilder: Ralph Ribi

Rund 80'000 Pendler und Fussgänger passierten den Platz während der Bauarbeiten täglich. Wegen der Baustelle jedoch nicht auf ihren gewohnten Wegen: Bäcker, Confiserie und Kiosk verloren Kunden. Hotels und Restaurants litten unter Staub und Lärm – der teils auch nachts nicht verstummte. Doch es waren nicht alle Geschäfte die gesamte Zeit und auf dieselbe Art betroffen.

Pärkli planiert, Brunnen abtransportiert

Im Herbst 2014 liefen die sichtbaren Arbeiten an. Damals führten die St.Galler Stadtwerke und Entsorgung St.Gallen auf dem Bahnhofplatz und in den angrenzenden Strassen ohnehin anfallende Werkleitungsarbeiten durch, auch entlang des Hotels Metropol. Passanten mussten deshalb in der Gutenbergstrasse auf die Seite der Hauptpost ausweichen. Der Fussgängerstreifen über die St.-Leonhard-Strasse wurde entsprechend verschoben. Das Bahnhofpärkli gegenüber dem Hotel Walhalla und der Kornhausplatz verwandelten sich zu Installationsplätzen. Der Lämmlerbrunnen wurde in die Kunstgiesserei im Sittertobel gebracht.

2015 wurde der Platz zwischen Hauptpost und Bahnhofsgebäude komplett aufgerissen. Dort, wo früher die Postautos und der Bus nach Gossau hielten. Richtig ernst wurde es für die Geschäfte aber, nachdem im Sommer 2015 die ersten Busse nicht mehr auf dem Platz hielten, sondern an der St.-Leonhard-Strasse vor dem Neumarkt respektive der Hauptpost. Ab dann begannen die Arbeiten am zentralen Bahnhofplatz. Bis 2017 wurden Busunterstände abgerissen, Haltekanten erneuert, die neuen Haltestellen aufgebaut.

Das «Metropol» musste fünf Leute entlassen. Im Hotel hatte 2016 ein Drittel weniger Gäste übernachtet, wie Hoteldirektorin Karin Thurnherr gegenüber dem «St.Galler Tagblatt» sagte. Hauptgrund: der Baulärm. Anfangs hätten die Bauleute bereits um 6.30 Uhr zu arbeiten begonnen. Durch Gespräche mit der Stadt erreichte Thurnheer, dass die Bauarbeiter eine Stunde später starteten. Aber auch das miese Wetter während der Sommermonate habe sich negativ ausgewirkt.

Im Sommer 2017 grenzte die Baustelle dann direkt ans «Metropol». Karin Thurnheer handelte pragmatisch und schloss während dieser Zeit das Hotel – um Sanierungsarbeiten durchzuführen, die laut der Hoteldirektorin sowieso anstanden. Schon damals erklärte Thurnherr, sie blicke nach vorne. Heute sagt sie: «Ich habe drei schwere Jahre hinter mir. Aber ich bin eine Person, die immer den Silberstreifen sucht. Und jetzt sehe ich ihn.» In fünf Minuten werde sie in der nächsten Sitzung erwartet. Wegen des Caterings für das Eröffnungsfest.

Die Bäckerei verschwand beinahe hinter Absperrungen

In den vergangenen Monaten wurde vor allem der Kornhausplatz neu gestaltet. So kehrte etwa der Lämmlerbrunnen aus seinem Exil in der Kunstgiesserei zurück. Die letzten Arbeiten hätten ihn nicht so sehr gestört, sagt der Geschäftsführer des «Metrobecks». Anders war die Situa­tion vor einem Jahr: Dannzumal hatte sich der zentrale Bahnhofplatz zwischen Gutenberg- und Kornhausstrasse in eine Grossbaustelle verwandelt. Der «Metrobeck» war zwar noch zugänglich, verschwand aber beinahe hinter Absperrgittern, weil die Baustelle ans Gebäude grenzte. Einschneidend war für Philip Weder aber vor allem die Busumstellung. «Wenn der Kundenstrom fehlt, nützen alle Baustellenaktionen nichts», sagte er vergangenen Sommer.

Seit Anfang Mai 2016 hielten alle Busse und Postautos entweder an der St.-Leonhard-Strasse oder der bereits erneuerten Kornhausstrasse. Ende September 2017 kehrten sie wieder zurück – und damit laut Weder auch die Kunden. «Die Arbeiten waren langwierig, irgendwann aber auch nötig», sagt der Bäcker. «Nun haben wir das Resultat, und das ist schön geworden.»

Schön geworden ist auch die Rathausunterführung. Vorher ein dunkler, enger Tunnel, ist sie heute hell, freundlich und breiter. Unter anderem wegen der Verbreiterung von 8 auf 13 Meter war die Unterführung ab Anfang Dezember 2016 ein Jahr lang gesperrt. Das hatte ­direkte Auswirkungen auf die Geschäfte am Aufgang der Unterführung, darunter «Rhyner’s Kiosk». Während Bauarbeiter im Untergrund hämmerten, frästen und bohrten, strömten die Passanten durch die westliche Unterführung bei der Fachhochschule. «Der Umsatz ist ziemlich gesunken», sagt Patrick Egli, Geschäftsführer des Kiosks. Seit die Unterführung wieder offen ist, hätten sich auch die Frequenzen gebessert.

Auf etwas wartet Egli aber noch: Die Züge halten am Gleis 1 nach wie vor eher auf Höhe des Gaiserbahnhofs als beim Rathaus. Eigentlich war geplant, die Züge bereits im Mai wieder weiter zum Rathaus hin halten zu lassen. Laut Egli war das aber wegen technischer Schwierigkeiten nicht möglich. Nun soll es zum Fahrplanwechsel am 9. Dezember 2018 so weit sein. Entsprechend weiss Egli erst im kommenden Frühling, ob sich das Durchhalten gelohnt hat:

«Gegen Ende der Bauarbeiten hatten wir die Schnauze ziemlich voll. Aber man muss damit leben können.»

Zudem hätten Stadt und SBB immer sehr gut kommuniziert.

Ein Geschäft hat wegen der Arbeiten geschlossen

Obwohl die Umsätze einbrachen: Durchgehalten haben fast alle Geschäfte und Gastronomiebetriebe rund um den Bahnhofplatz. Einzige Ausnahme: die Orell-Füssli-Filiale. Eine ehemalige Mitarbeiterin sagte dem «St.Galler Tagblatt» damals, die Schliessung sei direkte Folge der Bauarbeiten. Die Medienstelle dementiert dies auf Anfrage.

Das «Walhalla» ist seit diesem Frühling zwar auch geschlossen. Jedoch nicht dauerhaft, sondern weil das Hotel samt Restaurant und Brasserie saniert und erweitert wird. Zuvor hatte auch das «Walhalla» die Folgen der Bauarbeiten gespürt: Lärm schon am frühen Morgen, Restaurantaussenplätze in direkter Nachbarschaft der Baustelle. Die Pressesprecherin sprach von «zeitweise tieferen Kundenfrequenzen». Genauere Angaben wollte sie nicht machen. Klar ist: Das 4-Sterne-Hotel vergab dieses Frühjahr seine Zimmer zu Tiefstpreisen.

Dass das «Walhalla» nun bis zum Spätsommer 2019 umbaut, ist für den direkten Nachbarn, die Papeterie Markwalder, ein «Wermutstropfen».

«Es wäre schön gewesen, wir könnten nach den langen Bauarbeiten nun einen komplett fertigen Bahnhofplatz eröffnen»,

sagt Geschäftsführer Ralph Bleuer. Er und die Stadt hätten versucht, auf den Bauherrn einzuwirken und zu erreichen, dass die Sanierung im Sommer 2017 startet. Warum das nicht geschah, weiss Bleuer nicht. Anfragen der «Ostschweiz am Sonntag» an die Medienstelle der Candrian Catering AG, die das Hotel gepachtet hat, blieben bis gestern unbeantwortet.

Die Bauarbeiten an Bahnhof und Bahnhofplatz sah Ralph Bleuer pragmatisch, wie er sagt. «Wir können jammern oder damit leben. Lärm und Einschränkungen können schliesslich nicht vermieden werden.» Der Zeitplan sei eingehalten worden, die Kommunikation mit der Stadt lösungsorientiert gewesen. Insgesamt hätten die Betriebe rund um den Bahnhof Verständnis für die Arbeiten gehabt, sagt Bleuer, der den St.Galler Detailhändlerverband Pro City präsidiert. Und was die Sanierung des Walhallas betrifft: «Das Gute ist, inzwischen sind wir uns Bauarbeiten gewohnt.»

Kommentar

Die Ostschweiz braucht mehr Zug

St.Gallen feiert seinen neuen Bahnhof. Der Festtag sollte Ansporn sein, den Bahnausbau entschlossen voranzutreiben. Unsere Region braucht schnellere Verbindungen nach Zürich. Und sie darf den Anschluss ans europäische Hochgeschwindigkeitsnetz Richtung München-Berlin nicht verpassen.
Stefan Schmid