Bahnausbau
«Initiative Bodensee-S-Bahn» lanciert Idee einer direkten Bahnstrecke Frauenfeld–Kreuzlingen entlang der A7

Die «Initiative Bodensee-S-Bahn» sieht im Thurgau einen «Strassenkanton» – die Schiene ziehe den Kürzeren. Nun gibt sie Konter: Mit der Idee einer Neubaustrecke Felben-Tägerwilen/Kreuzlingen als Teil des nationalen und internationalen Bahnnetzes.

Christoph Zweili
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Entlang der A7 (hier bei Bärenmoos, Neuwilen) könnte eine neue S-Bahn-Strecke entstehen.

Entlang der A7 (hier bei Bärenmoos, Neuwilen) könnte eine neue S-Bahn-Strecke entstehen.

Bild: Reto Martin

Im Kanton Thurgau wird seit Jahrzehnten ein harter Konkurrenzkampf zwischen der Strasse und der Schiene ausgefochten: Die kantonalen Behörden setzten sich in den 1990er-Jahren gegen starke Widerstände der eigenen Bevölkerung vehement für die Nationalstrasse A7 ein. In diesem Jahrhundert trieben die Behörden auch die beiden geplanten neuen Autostrassen BTS (Bodensee-Thurtal-Strasse mit A1-Anschluss in Arbon-West und Bonau) und OLS (Ober-Land-Strasse Kreuzlingen–Amriswil) voran.

Die Initiative «S-Bahn-Bodensee» moniert, dass es auf der Hauptverkehrsachse über den Seerücken von der Agglomeration Konstanz–Kreuzlingen in Richtung Frauenfeld–Winterthur–Zürich bisher nur eine einzige, durchgehende Schienenfahrspur gibt. Auf der Strasse seien es heute mit der A7 und dem übrigen Strassennetz aber deren zehn. Die Schiene ziehe also den Kürzeren und könne ihr Potenzial auf den Hauptachsen Winterthur–Konstanz und Konstanz–St.Gallen/Rorschach wegen zu kleiner Kapazität der einspurigen Bahnlinien und zu langer Fahrzeiten der Schnellzüge nicht erschliessen.

Initiative nimmt alte Idee wieder auf

Bisher gibt es um den See nur eine einspurige Bahnlinie.

Bisher gibt es um den See nur eine einspurige Bahnlinie.

Grafik: sgt

Die Initiative, die seit 2004 die Idee einer zweigleisigen S-Bahn rund um den See vorantreibt, an der alle Anrainer beteiligt sind, bewertet diese Verkehrspolitik als nicht nachhaltig. Die A7 habe die Bedeutung der Bahn zwischen der Agglomerationen Zürich, Winterthur und Frauenfeld sowie der wachsenden Agglomeration Kreuzlingen/Konstanz mit über 100'000 Einwohnern und grossem Einkaufs- und Tourismusverkehr marginalisiert. Sie bringt daher eine alte Idee wieder aufs Tapet: Mit einer direkten Bahnlinie entlang der A7 und einem Tunnel ab der Bahnkehre Tägerwilen als Teil des Bahnnetzes Westschweiz–Zürich–Flughafen–Winterthur–Kreuzlingen–Konstanz lasse sich die Fahrzeit der Schnellzüge um fast 20 Minuten verkürzen.

Wolfgang Schreier.

Wolfgang Schreier.

Bild: Christoph Zweili

Wolfgang Schreier, Präsident der S-Bahn-Initiative, schätzt die Baukosten inklusive Tunnel auf rund eine halbe Milliarde Franken. Weitere Ausbauten der alten Strecke über den Seerücken wären für mehr S-Bahnen oder neue Schnellzüge von Konstanz Richtung Weinfelden, Wil, Toggenburg, Zürichsee, Walensee und Glarnerland nicht mehr nötig, hält die Initiative fest.

Städtedreieck besser anbinden

Es gehe bei dieser Idee, eingebracht im Rahmen der Vernehmlassung zum Bundessachplan Verkehr im Dezember 2020, nicht nur um den eigenen Kanton, sondern vor allem um den Raum im Städtedreieck Winterthur–St.Gallen–Konstanz inklusive Singen und Schaffhausen. Die Agglomerationen dieses Raumes hätten insgesamt mehr als eine Million Einwohner oder mehr als zwölf Prozent der Schweizer Bevölkerung.

Die Initiative schlägt ferner vor, dass neue Regional-Express-Angebote ohne Umsteigen zu prüfen sind: Dies für die Bahnlinien «Basel–Schaffhausen–Singen–Konstanz–St.Gallen», «Karlsruhe–Schwarzwald–Konstanz–Rorschach–Chur» und «Konstanz–Weinfelden–Wil–Wattwil–Uznach–Ziegelbrücke–Glarus». Sinnvoll wären laut Initiative solche Angebote auch zwischen den Mittelzentren an den Bahnlinien «Weinfelden–Winterthur–Bülach–Koblenz–Basel» und «Winterthur–Stein am Rhein–Singen/Kreuzlingen».

Patrick Ruggli.

Patrick Ruggli.

Bild: PD

Das Ende einer zweiten Vision

«Mit dem Zug in einer Viertelstunde von Arbon nach St.Gallen» – auch das eine Vision für eine neue direkte Bahnverbindung. Aufgebracht hatte sie 2014 die Region Appenzell AR–St.Gallen–Bodensee, basierend auf einer ETH-Studie. Die Ostschweizer Kantone gaben das Projekt «Arbon–Wittenbach(–St.Gallen)» daraufhin in den Prozess Ausbauschritt 2035 ein. Die Idee: Die halbstündlich verkehrende S-Bahn St.Gallen–Wittenbach würde über eine Neubaustrecke bis Arbon verlängert, laut Studie der Südostbahn ein 133-Millionen-Projekt. In der Eingangsprüfung des Bundes noch als «prüfenswert» bezeichnet, bewertete anschliessend das Bundesamt für Verkehr (BAV) das Kosten-Nutzen-Verhältnis als zu gering. Das BAV habe das Projekt daher nicht in die Botschaft des Ausbauschrittes 2035 aufgenommen, sagt Patrick Ruggli, Leiter Amt für öffentlichen Verkehr im Kanton St.Gallen. Im Parlament habe niemand den Antrag gestellt, das Projekt nachträglich aufzunehmen: «Das Projekt wird deshalb auch von den Kantonen St.Gallen und Thurgau nicht weiterverfolgt.» (cz)

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