Auszeichnung
Gutes Bauen: Grüne Lunge im ehemaligen Industriegebiet

Die ehemalige Industriestadt Arbon macht es vor: Auf dem Saurerareal ist eine grüne Oase inmitten eines neuen Stadtquartiers entstanden.

Katharina Marchal Jetzt kommentieren
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Am Hamelplatz reduziert sich der Eingriff auf mit Bäumen bepflanzte Kiesinseln.

Am Hamelplatz reduziert sich der Eingriff auf mit Bäumen bepflanzte Kiesinseln.

Bild: Hanspeter Schiess

Lastwagen werden in Arbon längst keine mehr gebaut. Dort, wo früher Automobile auf Waggons verladen und in alle Welt geliefert wurden, säumen heute Silberhaine die Fuss- und Fahrradwege des neu gestalteten Quartiers. Wohn- und Gewerbebauten beleben das über lange Zeit leerstehende Areal. Herzstück bildet der vielfältig nutzbare Park. Hier laden Klettergerüste und ein Naturspielplatz die Kinder zum Tummeln ein. Neben einer grossen Wiese bieten kreisrunde Wasserbecken und breite Holzbänke unterschiedliche Orte zum Verweilen an. Ein Gleisbogen begleitet den Kiesweg durch den Park. Er erinnert an die industrielle Vergangenheit des Areals.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts produzierte die Firma Saurer je nach Konjunktur Textilmaschinen oder Lastwagen. Dunkler Qualm drang aus Fabrikschlotten, Gleisfelder zerschnitten das Quartier, trennten die Stadt vom nahegelegenen Ufer des Bodensees ab. Mit der weltweiten Ölkrise in den 1970er Jahren schlitterte das Unternehmen in die Krise. In den 1980er Jahren endete die Geschichte des bedeutendsten Nutzfahrzeughersteller der Schweiz.

Die HRS Real Estate AG erwarb 2012 die Industriebrache und entwickelte aus der «verbotenen» Stadt ein neues Quartier. Gut die Hälfte der rund 200'000 Quadratmeter grossen Fläche ist heute umgenutzt. Michael Breitenmoser, Projektentwickler bei HRS, betont:

«Der neue Stadtteil namens ‹Saurer WerkZwei Areal› erhält seine neue Identität nicht nur durch die Neubauten, sondern auch durch die unter Denkmalschutz gestellten Gebäude und die gross angelegten Grün- und Freiräume».

Matthias Krebs von Krebs und Herde Landschaftsarchitekten aus Winterthur, die das Landschaftskonzept ausgearbeitet und umgesetzt haben, erklärt: «Der Grünraum verknüpft als ‹grünen Puffer› die ‹Neustadt› mit den bestehenden Quartieren im Westen». Krebs versteht «Landschaftsarchitektur als Steigbügel für die Stadtentwicklung». Hier spricht er aus Erfahrung, denn sein Büro hat bereits ein paar Industriebrachen aufgewertet; so etwa den Stadtgarten Dornbirn und den Güterbahnhof in Hamburg-Altona. Beide bildeten die Basis, um den Park rund um die Stadt weiterzuentwickeln.

Neben dem umgenutzten Presswerk führt die begrünte Franz-Saurer-Passage in den Werk-Zwei-Park.

Neben dem umgenutzten Presswerk führt die begrünte Franz-Saurer-Passage in den Werk-Zwei-Park.

Bild: Hanspeter Schiess

Landschaft als Motor

Das Areal besticht durch seine besondere Lage: Nur wenige Minuten vom Ufer des Bodensees entfernt bietet der Ort einen wunderbaren Ausblick auf die Voralpen. «Dem äusserst attraktiven Seeufer mussten wir etwas gegenübersetzen» erklärt Krebs. «Deshalb haben wir aus dem Binnenpark eine Art Miniatur-Central Park gestaltet, in dem sich die Leute gerne aufhalten». Er schafft eine intimere Adresse innerhalb des neuen Quartiers. Doch die industrielle Nutzung des Geländes hat ihre Spuren hinterlassen. «Aufgrund vorhandener Altlasten konnte das Terrain nicht überall abgetragen werden», sagt Krebs. «Wir entschieden, hier Sanddorn, Pappeln, Erle und Weiden zu wählen, denn diese sind ortsbezogene Pionierpflanzen, die auf kiesigem Boden am Seeufer wachsen.» Die Kiesflächen wurden entweder weitgehend belassen oder überformt, etwa mit Rasenflächen oder Naturwiesenflächen. Um einen natürlichen Eindruck zu erwecken, sind die mehrstämmigen Bäume bewusst schräg zwischen den Gleissträngen arrangiert.

Der hohe Anteil ökologisch wertvoller, einheimischer Wildpflanzen ist ein Beitrag zur Biodiversität. «Wir entwickeln für jeden Ort ein massgeschneidertes Pflanzenkleid» hebt Krebs hervor. In Arbon sollen die Bäume in den nächsten dreissig Jahren bis zu rund 25 Meter wachsen und damit über die Häuser ragen. «Bäume sind wie Klimaanlagen», sagt Krebs und ergänzt:

«Besonders an diesem Ort ist die Bepflanzung sehr klimaaktiv. Durch den hohen Grundwasserstand müssen die Bäume keine tiefen Wurzeln schlagen, um ans Wasser zu gelangen.»

Das Wasser verdunstet direkt an der Oberfläche. Damit ist die einheimische Vegetation an diesem Ort sehr zukunftsfähig.

Fragmente von Industriegleisen sind als historische Spuren in den Naturspielplatz eingebunden.

Fragmente von Industriegleisen sind als historische Spuren in den Naturspielplatz eingebunden.

Bild: Hanspeter Schiess

Neues Leben auf der Brache

Die industrielle Vergangenheit bleibt weiterhin ablesbar. Umgebaut und umgenutzt wurde das historische Backsteingebäude am Hamelplatz. Hier befinden sich heute Verkaufs-, Gewerbe- und Wohnflächen. Im ehemaligen Presswerk haben sich ein Kultur- und Musikzentrum sowie der Saurer Oldtimerclub einquartiert. Erhalten und renoviert wurde auch der alte Fabrikzaun, der die privaten Gärten der Arbeiterhäuser vom öffentlichen Park abtrennt. Krebs nennt dieses Fundstück «objet sentimental» «Wir wollten kein abstraktes Kunstwerk gestalten», erklärt er, sondern «einen öffentlichen Raum, der aus dem Gebrauch der Menschen heraus entwickelt ist und die Nutzung offen lässt – ein ‹demokratisches Grün›». Dies ist auch im Sinne der Projektentwickler. Nach der Fertigstellung des 20000 Quadratmeter grossen Parkgeländes trat HRS die Grünanlage entschädigungsfrei an die Stadt Arbon ab. Seitdem sind der Park und die dazugehörende Promenade öffentlich zugänglich.

Abgeschlossen ist die Entwicklung noch nicht. Am Bahnhof Arbon zeigen mehrere Bautafeln, dass hier weiterhin gebaut wird. Vor kurzem wurde ein Wohnbau am Hamelplatz abgeschlossen. Aktuell wird das Wohn- und Geschäftshaus am Saurerplatz ausgeführt. Noch in diesem Jahr soll mit dem Bau eines Hotels mit Appartements für Langzeitnutzer begonnen werden. Beim Durchqueren des Parks endet der Weg etwas abrupt – dort, wo das Wohngebiet an die noch bestehenden Industrieflächen anstösst. In einem nächsten Schritt soll die Bebauung und damit auch der Grünraum bis zum Flusslauf der nahegelegenen Aach realisiert werden.

Gutes Bauen Ostschweiz

Das Architektur Forum Ostschweiz engagiert sich mit Veranstaltungen und Vorträgen für die Baukultur in der Ostschweiz. Zu den Fixpunkten gehört «Gutes Bauen Ostschweiz»: Vertreter der Fachverbände wählen diskussionswürdige Bauwerke aus, unabhängige Fachjournalisten berichten darüber. Unsere Zeitung illustriert und veröffentlicht diese Texte in loser Folge. (red)


«Es bräuchte nur wenige Mittel, um den öffentliche Grünraum entlang des Flusslaufs fortzusetzen», sagt Krebs. Der Bogen würde dann vom Ufer des Bodensees über den Park hin zur Aach wieder zum See zurückgespannt werden. An dieser Fortsetzung und der Renaturierung der Aach hat auch die Stadt ein grosses Interesse. Doch dafür müsste es eine neue Überführung über die Gleise geben. Krebs schliesst: «Der Park ist somit weiter als die Quartierentwicklung.»

Silberpappeln im Park tragen zur besonderen Atmosphäre bei.

Silberpappeln im Park tragen zur besonderen Atmosphäre bei.

Bild: Hanspeter Schiess
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