AUSWIRKUNG: Opfer der verschärften IV-Revision

Wird IV-Rentnern die Rente gestrichen, drohen sie in der Sozialhilfe zu landen statt auf dem Arbeitsmarkt. Eine Interpellation fordert im Thurgau einen Ausgleich der Sozialhilfe.

Thomas Wunderlin
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Nimmt man ihnen die Rente weg, beginnen IV-Rentner wieder zu arbeiten. Diese Hoffnung verband sich mit der Revision der Invalidenversicherung (IV) 2005. Gemäss einer Umfrage einer Zürcher Psychiaterin bei Berufskollegen geschah etwas anderes, wie die «Schweiz am Sonntag» berichtete. Neun von zehn Patienten, denen die IV gestrichen wurde, landeten in der Sozialhilfe. Mit einem angeschlagenen Selbstwertgefühl waren sie auf dem Arbeitsmarkt chancenlos. Er habe das auch in seinem Umfeld beobachtet, erklärt der Romanshorner GLP-Kantonsrat Hanspeter Heeb.

Wer eine Rente erhalte, schaffe es oft, wieder zu arbeiten, sei psychisch gesünder und brauche nur noch eine Teilrente. IV-Bezüger, die ihre Rente verloren hätten, seien in eine Depression verfallen und benötigten kostspielige Behandlungen. Sofern sie nicht von ihrer Familie unterstützt würden, bezögen sie Sozialhilfe. «Der Sozialarbeiter der Stadt versucht dann, die Betroffenen wieder bei der IV einzufädeln.» Er wage nicht, die Kosten nachzurechnen, die bei der Regionalen Arbeitsvermittlungsstelle, bei Psychiatern, Rechtsanwälten der Behindertenverbände und bei den Sozialversicherungsrichtern von Kanton und Bund anfielen, sagt Heeb.

Gerechnet hat Heeb jedoch, was die verschärfte IV-Praxis die Thurgauer Gemeinden kosten könnte. Gemäss IV-Statistik gibt es schweizweit rund 50000 Personen, die zu krank und zu angeschlagen sind, um eine Stelle zu finden, die aber von der IV nicht mehr oder nur noch teilweise als rentenberechtigt anerkannt werden. Im Thurgau wären es anteilmässig 2000. Ihnen wird pro Person rund 40000 Franken Renteneinkommen gestrichen, wodurch Gemeinde und Kanton 4500 Franken weniger Steuern einnehmen. Zudem hat jede Person Anspruch auf 1728 Franken Prämienverbilligung.

Gemäss Heebs Schätzung kostet das Ganze die Thurgauer Gemeinden insgesamt sieben Millionen Franken. Mit einer Interpellation fordern er und 47 Mitunterzeichner den Regierungsrat auf, die tatsächlichen Auswirkungen der IV-Revision auf die Thurgauer Gemeinden zu erheben.

Ausserdem will Hanspeter Heeb wissen, wie der Kanton den hauptbetroffenen Gemeinden helfen will. Heeb geht davon aus, dass darunter die finanzschwachen Oberthurgauer Städte Arbon, Romanshorn und Amriswil zu finden sind.

Thomas Wunderlin

thomas.wunderlin@thurgauerzeitung.ch