Auswertung der Sonntagspresse
Bewältigung der Pandemie in den Kantonen: St.Gallen auf dem drittletzten Platz

In einer Bilanz der «Sonntags-Zeitung» zur Bewältigung der Coronapandemie kommt der Kanton St.Gallen schlecht weg. Obwohl die Intensivstationen nie überbelegt waren.

Adrian Vögele
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In St.Gallen seien die Anzahl Tests tiefer und die Positivitätsrate während der zweiten Welle höher gewesen als im Durchschnitt aller Kantone, schreibt die «Sonntags-Zeitung».

In St.Gallen seien die Anzahl Tests tiefer und die Positivitätsrate während der zweiten Welle höher gewesen als im Durchschnitt aller Kantone, schreibt die «Sonntags-Zeitung».

Bild: Gaëtan Bally/Keystone

Der Kanton Graubünden und die beiden Basel haben die Coronapandemie bislang am besten gemeistert: Zu diesem Schluss kommt die «Sonntags-Zeitung» in einer grossen Auswertung der kantonalen Coronapolitik. Diese drei Kantone hätten ihre Bevölkerung kontinuierlich getestet und geimpft, sobald dies möglich gewesen sei, heisst es im Text.

Mit Hilfe von Expertinnen und Experten definierte die Redaktion sieben Indikatoren: die Übersterblichkeit, die Anzahl Tests und die Testpositivität während der zweiten Welle, die Anzahl Tage mit einer Belastung der Intensivstationen von über 90 Prozent, die Entwicklung der Arbeitslosigkeit gegenüber der Zeit vor Corona, die coronabedingten Einschränkungen auf einer Skala von 1 bis 100 und die Impfgeschwindigkeit.

Schlechte Note trotz guten Wertes bei Auslastung der Intensivstationen

Die Ostschweizer Kantone schneiden unterschiedlich ab. Weit hinten – auf dem drittletzten Platz – liegt der Kanton St.Gallen. Bei fünf der sieben Indikatoren sind die Werte schlechter als der Durchschnitt aller Kantone, so zum Beispiel bei der Impfgeschwindigkeit und der Übersterblichkeit. Allerdings fällt zugleich auf, dass es keinen einzigen Tag gab, an dem die Intensivstationen in St.Gallen zu mehr als 90 Prozent ausgelastet waren. Dies im Gegensatz zu anderen Kantonen, die weiter vorne in der Rangliste der «Sonntags-Zeitung» stehen. Die Ostschweizer Regierungen hatten mehrmals dafür plädiert, dass die Situation in den Spitälern bei den nationalen Entscheiden über Coronamassnahmen stärker zu gewichten sei. Der zweite Indikator, bei dem St.Gallen gut abschneidet, sind die coronabedingten Einschränkungen: Sie waren im Kanton weniger streng als im Durchschnitt.

Der Kanton Thurgau hat bei drei von sieben Indikatoren schlechtere Werte als der Durchschnitt: Übersterblichkeit, Impfgeschwindigkeit und Anzahl Tests. Appenzell Ausserrhoden schneidet im Punkt Arbeitslosigkeit besser ab, ist bei den meisten anderen Werten aber ebenfalls im roten Bereich, wenn auch weniger deutlich als St.Gallen.

Appenzell Innerrhoden schneidet gut ab

Appenzell Innerrhoden steht indessen in fast allen Punkten besser da als der Durchschnitt mit Ausnahme der Positivitätsrate. Keine Werte werden für die beiden Appenzell zur Belastung der Spitäler angegeben – wobei es in Innerrhoden keine Intensivstation gibt.

Der Kanton Graubünden sei unter anderem dank seines Entscheids, bereits früh auf flächendeckende Massentests zu setzen, besser gefahren als andere Kantone, bilanziert die «Sonntags-Zeitung». In St.Gallen war diese Massnahme stets umstritten. So sprach sich Bildungschef Stefan Kölliker gegenüber unserer Zeitung erst vor kurzem klar gegen die Überlegungen des Bundesamts für Gesundheit aus, nach den Sommerferien an den Schulen mit breit angelegten Tests zu beginnen.

Bruno Damann: «Kein Kommentar»

Bruno Damann, St.Galler Gesundheitschef und Regierungspräsident von 1. Juni 2020 bis 31. Mai 2021 (CVP).

Bruno Damann, St.Galler Gesundheitschef und Regierungspräsident von 1. Juni 2020 bis 31. Mai 2021 (CVP).

Bild: Ralph Ribi

Die Anzahl der Fälle und Todesfälle während der Pandemie werde von verschiedenen Faktoren beeinflusst – «und wir kennen sie noch nicht alle», sagt Olivia Keiser vom Global Health Institute an der Universität Genf in der «Sonntags-Zeitung». Die Geschwindigkeit beim Ergreifen von Massnahmen sei wichtig, bei Häufungen von Fällen an bestimmten Orten spiele aber auch der Zufall eine Rolle.

Antoine Flahault, Direktor des Instituts, übt im Text direkte Kritik an den politisch Verantwortlichen: «In Kantonen wie St.Gallen könnten auch Regierungsvertreter entscheidend gewesen sein, die dazu neigten, die Schwere der Epidemie zu verharmlosen.»

Der St.Galler Gesundheitschef Bruno Damann möchte sich auf Anfrage nicht zum Artikel der «Sonntags-Zeitung» äussern, lässt aber durchblicken, dass er mit der Art und Weise der Auswertung nicht einverstanden ist. Dieses Thema müsse man «sehr genau anschauen».

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