Ausstellung
Von Bauern, Händlern und Betrügern: Wie die Ostschweiz im Mittelalter zur Kulturregion wurde

Eine Ausstellung im Historischen und Völkerkundemuseum St.Gallen nimmt das mittelalterliche Wirtschaftsleben im Bodenseeraum in den Blick. In einem Escape-Room können Besucherinnen und Besucher Rätsel aus dem Mittelalter lösen.

Rolf App
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Ein mittelalterlicher Escape-Room ist Teil des Begleitprogramms.

Ein mittelalterlicher Escape-Room ist Teil des Begleitprogramms.

Bild: Ralph Ribi

Da ist, zum Beispiel, ein St.Galler Bürger namens Hans Baumann. 1442 setzt er mit dem Schiff nach Lindau über, und im Gredhaus, das zum Stapeln von Waren dient, stielt er eine Scheibe Salz. Dem Gredmeister, der ihn erwischt hat, erzählt Baumann, er sei beauftragt, das Salz zum Hafen zu transportieren. Mit dieser Lüge entkommt er. Worauf die Lindauer den St.Galler Stadtrat um Bestrafung ihres Bürgers ersuchen.

Es ist dies ein Beispiel von vielen, die die engen wirtschaftlichen und sozialen Verflechtungen der Gemeinden und Städte rund um den Bodensee schon im Mittelalter zeigen – ein höchst reizvolles Thema, wie eine am Freitag im Historischen und Völkerkundemuseum St.Gallen eröffnete Ausstellung beweist. An ihr haben Museen und archäologische Dienste aus den vier Ländern der Bodenseeregion mitgearbeitet, wie der neue Museumsdirektor Peter Fux bei der Präsentation der Ausstellung erklärt. «Ich komme aus Zürich», sagt der zuvor am Rietbergmuseum Tätige.

«Hier in dieser Ausstellung erfahre ich, wie sich die Ostschweiz im Hochmittelalter als Kulturregion herausgebildet hat.»

Vom Kinderschuh bis zum Altglas-Depot

Handwaschgefäss aus Ulm: Diese Gefässe kamen im liturgischen Bereich zum Einsatz, aber auch bei ganz weltlichen Mahlzeiten.

Handwaschgefäss aus Ulm: Diese Gefässe kamen im liturgischen Bereich zum Einsatz, aber auch bei ganz weltlichen Mahlzeiten.

Bild: Ralph Ribi

Nicht Klöster und Burgen stehen dabei im Zentrum. Es ist der Alltag, der die Menschen und Orte zusammenführt, und es sind die vielen Funde der Archäologie, mit denen die Ausstellungsmacher arbeiten – vom Holzfass bis zum Münzschatz, vom Kinderschuh bis zum Altglas-Depot. Im Frühmittelalter entstehen aus Schenkungen zunächst ausgedehnte Klosterherrschaften, in denen ein reger Austausch von Gütern Marktorte und weltliche Siedlungen wachsen lässt. Deren Bürger emanzipieren sich nach und nach von der geistlichen Herrschaft. Den Anfang zur Ausstellung macht denn auch die Urkunde zu einem Städtebündnis, mit dem die Stadt St.Gallen am 24. Mai 1312 den Schulterschluss mit Konstanz, Zürich und Schaffhausen sucht. Weitere Bündnisse folgen.

Nicht nur politische Unterstützung suchen die Unterzeichner solcher Bündnisse. Sie dienen vor allem auch einem immer intensiver werdenden wirtschaftlichen Austausch. Die für die Ostschweiz prägende Textilproduktion führt zur Einigung auf eine einheitliche Währung, erklärt die Kuratorin Rebecca Nobel. «Es handelte sich bei diesem Konstanzer Pfennig um immer gleich schwere Silbermünzen, nur das darauf geprägte Bild bestimmte jeder Ort selber – also so, wie es heute beim Euro der Fall ist.»

Mittelalterliche Silbermünzen: Die für die Ostschweiz prägende Textilproduktion führt zur Einigung auf eine einheitliche Währung.

Mittelalterliche Silbermünzen: Die für die Ostschweiz prägende Textilproduktion führt zur Einigung auf eine einheitliche Währung.

Bild: Ralph Ribi

Auch der Betrug hat goldenen Boden

Doch der Salzdieb hat es gezeigt: Wo die Wirtschaft blüht, findet auch der Betrug goldenen Boden. So findet sich denn im Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St.Gallen aus dem Jahr 1505 ein Urteil über einen gewissen Andreas Schalt aus Bischofszell, der jenes Bleisiegel gefälscht hat, das die Echtheit der St.Galler Leinwand bezeugt. Diese Leinwand ist ein begehrtes Handelsgut. Wer minderwertige Ware damit kennzeichnet, kann viel Geld machen.

Es sind immer wieder solche persönlichen Geschichten, mit denen die Ausstellung das Leben im Mittelalter verstehbar macht. Und es sind Alltagsgegenstände und nicht prachtvolle Chroniken, mit denen sie aufwartet. Sie erzählen vom kargen Leben der Bauern, von gefahrvollen Transporten über den See und über die Alpen, von mühsam geborgenen Bodenschätzen, vom Getreideanbau und davon, wie aus Flachs Leinwand wird. Sie beschreiben, wie die Menschen jener Jahrhunderte leben und was sie essen.

16 Bilder

Bild: Ralph Ribi

Schicksale aufklären im Escape-Room

Die von Jolanda Schärli gestalteten Vermittlungsangebote setzen dieses Bemühen um Lebensnähe fort. In ihrem Zentrum steht ein als Archiv ausgestalteter Escape-Room, den man für eine Stunde reservieren kann und der sich um drei Personen aus der Ausstellung dreht: um den bereits erwähnten Salzdieb; um eine Hebamme, nach der sich der Vogt von Bregenz in St.Gallen erkundigt; und um einen Scherergesellen, der in Lindau seinen Posten hätte antreten sollen, dann aber nicht erschienen ist. «Wir haben diese Geschichten noch ein wenig angereichert, und daraus Rätsel gemacht, die man im Escape-Room lösen kann», erklärt Jolanda Schärli. «Für die Hebamme zum Beispiel muss man zunächst nach einem Nuggi suchen, an dem ein Schlüssel hängt, der zum nächsten Rätsel führt. Man muss in den Akten suchen, und auch die PC-Station und das Telefon kommen irgendwann zum Einsatz.»

Diese Hebamme muss übrigens hoch talentiert gewesen sein. Seine Frau sei gerade hochschwanger, schreibt Jacob Grapp nach St.Gallen, und er habe vernommen, dass «ain guette» Hebamme aus Kempten sich gerade in ihrer Stadt aufhalte. Hoffen wir, dass es geholfen hat.

Mittelalter am Bodensee – Wirtschaftsraum zwischen Alpen und Rheinfall, Historisches und Völkerkundemuseum St.Gallen, bis 23. Januar 2022