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AUSGRABUNG: «Geflügelknochen waren auffällig»

Die römische Siedlung Kempraten am Zürichsee ist ihr zweites Zuhause: Archäologin Regula Ackermann erzählt, wie Knochen zum unterirdischen Tempel führten und wieso der Fund zunächst geheim blieb.
Ramona Kriese
Regula Ackermann ist seit ihrem Studium mit der römischen Siedlung Kempraten vertraut. (Bild: David Baer)

Regula Ackermann ist seit ihrem Studium mit der römischen Siedlung Kempraten vertraut. (Bild: David Baer)

Interview: Ramona Kriese

ostschweiz@tagblatt.ch

Regula Ackermann, wie sind Sie auf den Mithras-Tempel gestossen?

Das Erste, was wir vom Mithras-Tempel zu Gesicht bekamen, waren Mauerreste. Die Grabungen rund um die Kalköfen in der Römersiedlung Kempraten waren fast abgeschlossen, als wir auf die Mauern stiessen. Wir dachten zuerst an die Überreste von Produktionshallen – dass die drei Kalköfen in einer Art Fabrikgebäude gestanden hätten. Das Naheliegendste war aber nicht zutreffend: Stutzig gemacht haben uns die vielen Geflügelknochen.

Wie waren diese Hinweise zu lesen?

Die Knochen waren in ungewöhnlich grosser Zahl vorhanden, was auf Kultmahlreste hindeutete. Augenfällig war, dass es sich ausschliesslich um Geflügelknochen handelte. Poulet war zur Zeit der Römer aber sehr teuer und wurde darum nicht häufig gegessen. Auch fanden wir auffällig viele Münzen. Da war schnell klar, dass wir es mit einem kultischen Kontext zu tun hatten.

Welche Indizien sprachen für den Mithras-Kult?

Wir haben das Gelände grossflächig abgetragen und erkannten die charakteristische Architektur der Mauerreste: ein tief liegender Mittelgang, links und rechts davon die erhöhten Liegebänke. In diesem Tempel kamen die Anhänger des Mithras-Kultes zusammen, um gemeinsam Kultmahlzeiten einzunehmen. Ein Mithräum wurde schweizweit erst zweimal gefunden, in Kempraten haben wir nun das dritte.

Eine solche Entdeckung will man wohl sofort verkünden.

Wir mussten erst ganz sicher sein, dass es wirklich ein Mithräum ist, bevor wir nach aussen kommunizierten. Eine voreilige Falschmeldung, dessen waren wir uns bewusst, würde wohl ewig in der Bevölkerung kursieren. Unser Glück war, dass relativ schnell grosse Fragmente eines Kultbildes auftauchten, die den Sonnengott Mithras zeigten. Zudem fanden wir daneben einen Speckstein-Altar mit einer Widmung an Mithras. Da war endgültig klar: Ja, es ist ein Mithräum.

Gab es für Sie einen persönlichen «Wow-Moment»?

Eindrücklich war, als wir den grossen Altar geborgen hatten. Er war mit der Inschrift nach unten niedergelegt. Man konnte ein ­wenig darunterspähen und erkannte, dass Schriftzeichen vorhanden waren. Als wir den Altar anhoben, schien die Sonne für ­einen Moment lang genau auf die Platte, sodass wir die Inschrift lesen konnten – das war ein sehr bemerkenswerter Moment. Zudem ist es insgesamt spannend zu erleben, wie viele Mosaiksteinchen nach und nach ein Bild ergeben.

Welchen Hürden sind Sie danach begegnet?

Die Grösse und das Gewicht der Altäre waren eine Herausforderung. Der eben beschriebene ­Altar ist 1,10 Meter hoch. Zudem war die Grabung am Hang, was das Ganze erschwerte.

Packen Sie bei den praktischen Arbeiten selber mit an?

Als Projektleiterin übernehme ich keinen grossen Part in der Materialbearbeitung. Meine Aufgabe liegt darin, die einzelnen Arbeiten zu koordinieren. Meine Aufgabe ist grundsätzlich eher die Konzeptarbeit.

Das klingt fast so, als würden Sie die spannenden Arbeiten aus der Hand geben.

Es ist schlicht zeitlich nicht realistisch, selber mit anzupacken. Immerhin sprechen wir von Tausenden von Keramikscherben und 130000 Knochenfragmenten. Ziel ist es ja, die Funde möglichst zeitnah zu untersuchen, zu publizieren und das Ganze der Allgemeinheit zur Verfügung stellen zu können.

Welche Ausgrabung hat Sie, nebst Kempraten, besonders beeindruckt?

Ich war zweimal in Syrien an einer Grabung beteiligt. Das war faszinierend, weil es sich um sehr alte Funde handelte, die im mitteleuropäischen Raum so nicht erhalten sind. Die Relikte waren etwa eine halbe Million Jahre alt. Darunter waren Steinwerkzeuge wie Faustkeile.

Wenn Sie mit einer Zeitmaschine in die Vergangenheit reisen könnten: Wohin würden Sie reisen?

Einen Rundgang durch Kempraten zur Zeit der Römer stelle ich mir interessant vor: Ich würde gern «Mäuschen spielen» und gucken, ob es damals so ausgeschaut hat, wie ich mir das ausmale. Man darf aber kein verklärtes Bild von der Vergangenheit haben: In Sachen Versorgung und Gesundheit geht es uns heute ­sicher deutlich besser.

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