«Aus jugendlichem Leichtsinn»

Ein 23jähriger Schweizer, der nach einem Raserunfall in Staad im Jahr 2012 wegen fahrlässiger Tötung verurteilt worden war, stand gestern vor dem Kantonsgericht. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm «krasses Fehlverhalten» vor.

Nathalie Grand/sda
Drucken
Teilen

ST. GALLEN. Ein junger Mann raste am 17. Januar 2012 betrunken mit seinem 420 PS starken Auto von Rorschach in Richtung Rheineck. Er geriet auf die Gegenfahrbahn und rammte frontal den Kleinwagen eines 53jährigen Pizzakuriers. Der türkische Familienvater wurde im Wrack eingeklemmt und starb noch am Unfallort. Der Wagen des Pizzakuriers wurde durch die Wucht des Zusammenpralls etwa 40 Meter zurückgeschleudert. Der Unfallverursacher und sein Mitfahrer kamen mit leichten Verletzungen davon. Gemäss der Unfalluntersuchung war der Raser mit 105 bis 120 Kilometern pro Stunde durch die Tempo-50-Zone gefahren, als er die Kontrolle über das Auto verlor. Das Bezirksgericht Rorschach verurteilte den Raser im Dezember 2013 wegen fahrlässiger Tötung und mehrfacher Gefährdung des Lebens zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren. Den Tatbestand der vorsätzlichen Tötung sah es nicht als erfüllt an. Laut dem vorsitzenden Richter ist nicht bewiesen, dass der Verurteilte willentlich den Tod von Menschen in Kauf nahm.

Im vorzeitigen Strafvollzug

Im Berufungsverfahren gestern am Kantonsgericht verlangte der Verteidiger des Beschuldigten Freisprüche vom Vorwurf der mehrfachen Gefährdung des Lebens und von den Verkehrsregelverletzungen. Der 23-Jährige, der im vorzeitigen Strafvollzug sitzt, sei zu einer Freiheitsstrafe von höchstens 30 Monaten, davon 24 Monate bedingt mit einer Probezeit von zwei Jahren, zu verurteilen.

Entschuldigung vor Gericht

Der Angeklagte habe sich weder mit Kollegen ein Rennen geliefert, noch habe er seinen Mitfahrern imponieren wollen, sagte der Verteidiger. Er habe zwar einen Fahrfehler begangen, den Tod des Pizzakuriers aber damit nicht in Kauf genommen.

«Ich habe aus jugendlichem Leichtsinn gehandelt», sagte der Beschuldigte vor Gericht. Ausserdem sei noch Alkohol im Spiel gewesen. Es tue ihm leid, dass er einen unschuldigen Familienvater aus der Welt gerissen habe. «In Zukunft werde ich die Finger von Autos und von alkoholischen Getränken lassen», sagte er.

Risiko in Kauf genommen

Im Verhandlungssaal sassen sowohl die Familie des Täters als auch die Familie des Opfers. Der Pizzakurier hinterliess vier Kinder und eine Witwe. Die Opferfamilie hatte Anschlussberufung erhoben. Ihr Vertreter forderte vor Gericht einen Schuldspruch wegen vorsätzlicher Tötung sowie eine angemessene Strafe.

Der Beschuldigte habe die Strecke gekannt, und er habe von der Gefährlichkeit der Kurve in Staad gewusst. «Er wollte so schnell fahren, und er hat es genossen», sagte der Klägervertreter. Durch die massive Aufprallgeschwindigkeit sei der Wagen des Opfers weggeschleudert und massiv zusammengedrückt worden.

Der Staatsanwalt beantragte die Abweisung der Berufung. Er sprach von einem krassen Fehlverhalten des Beschuldigten. Dieser sei mit seinem Supersportwagen wie ein Irrer gefahren, und das nicht zum ersten Mal. In Deutschland sei ihm der Ausweis für zwei Monate entzogen worden. Augenzeugen hätten berichtet, der Wagen sei am Unfallabend wie eine Rakete am Bodensee entlang geschossen. Das Urteil steht noch aus. Es wird den Parteien schriftlich eröffnet.