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Aufstieg und Krise der Textilindustrie

Die Wirtschaftsgeschichte der Ostschweiz ist weitgehend die Geschichte der Textilindustrie. Jahrhunderte lang wurde in Heimarbeit gesponnen, gewebt und gestickt. Mit der Stickerei-Krise brach ab 1914 alles in sich zusammen. Geblieben ist eine Kleinunternehmer-Mentalität.
Frank Kauffmann
Webkeller und Sticklokale wie dieser Keller im Appenzellerland prägen bis heute das Erscheinungsbild der Ostschweiz. (Bilder aus Albert Tanners Buch «Das Schiffchen fliegt, die Maschine rauscht»)

Webkeller und Sticklokale wie dieser Keller im Appenzellerland prägen bis heute das Erscheinungsbild der Ostschweiz. (Bilder aus Albert Tanners Buch «Das Schiffchen fliegt, die Maschine rauscht»)

Ab dem 11. Jahrhundert entwickelte sich im Bodenseeraum der Leinwand-Fernhandel. Zunächst gab Konstanz den Ton an. Um 1450 gelang es den St. Gallern, Konstanz den Rang abzulaufen und zum unumstrittenen Zentrum der Leinwandproduktion und des Fernhandels aufzusteigen. Ein Grund dafür waren die strengen Qualitätskontrollen der St. Galler Leinwandschau. Auf dieser wurden die Tücher bewertet, je nach Qualität mit dem dementsprechenden Gütezeichen versehen, in den städtischen Bleichen weiterbearbeitet und zum Schluss von den St. Galler Kaufleuten exportiert.

Liberale städtische Kaufleute

Bedeutend war, dass die St. Galler Leinwandschau auch für nichtstädtische Produzenten zugänglich war. Durch diese liberale Haltung erwuchs den städtischen Kaufleuten auch ausserhalb der Stadt ein zunehmender Kreis von Webern, deren Produkte sie vermarkten konnten. Zunächst waren dies vor allem die Bauern aus dem Appenzell, die sich bereits auf Viehwirtschaft spezialisiert hatten. Da Viehzucht im Winter weniger arbeitsintensiv war, verdienten sich die Bauern mit Weben und Spinnen ein Zubrot.

Um sich dem Diktat der St. Galler Leinwandschau und der engen Zunftordnung zu entziehen, verlegten die St. Galler Gebrüder Gonzenbach 1665 ihren Geschäftssitz ins nahe Hauptwil. Sie ermutigten auch andere Orte dazu, Leinwandschauen und Bleichen einzurichten und ihre Produkte selbst zu exportieren. Trogen, Herisau, Rorschach und weitere Orte folgten dem Beispiel. Gegen die unliebsame Konkurrenz konnte die Stadt St. Gallen als Kleinstaat wenig unternehmen. Im Gegensatz zu Zürich, Basel oder Bern war es ihr nicht gelungen, sich politisch ein eigenes Territorium zu schaffen. Es blieb der Stadt nichts anderes übrig als sich ökonomisch als Zentrum des Clusters zu behaupten.

Im 17. und 18. Jahrhundert wurde die Textilarbeit zur Haupterwerbsquelle breiter Bevölkerungsschichten. Das ging mit einer beispiellosen Bevölkerungsexplosion einher. So bemerkte etwa Johann Gottfried Ebel um 1798, dass die Bevölkerungsdichte des protestantischen Appenzells einzigartig in Europa sei. Um 1800 zählten Herisau, Altstätten und St. Gallen zu den 10 grössten Orten der Schweiz. Begleitet wurde dies alles von einer regen Bautätigkeit. Die Häuser der Heimarbeiter waren meist Wohnung und Arbeitsplatz in einem. Sie prägen bis heute mit ihren allgegenwärtigen Webkellern und Sticklokalen das Erscheinungsbild der Ostschweiz.

Heimarbeit und Stickereiblüte

Es erstaunt nicht, dass die erste Fabrik der Schweiz 1801 in St. Gallen gegründet wurde. Sie läutete schweizweit die Industrialisierung ein. In der Folge verdrängte die Fabrikarbeit fast überall die Heimarbeit. Nur in der Ostschweiz konnte sie sich weiterhin im grossen Stil behaupten. Das hatte verschiedene Gründe. Die Heimarbeit hatte hier eine lange Tradition. Die Heimarbeiter waren stolz auf ihre Unabhängigkeit und waren bereit, dafür mehr und zu schlechteren Löhnen zu arbeiten als die Fabrikarbeiter. Um die Existenzsicherung zu gewährleisten, war oft die ganze Familie in den Arbeitsprozess einbezogen. Für die Textilkaufleute war das Heimarbeiterwesen mit wenig Kapitalaufwand und Risiko verbunden. Maschinen und Produktionsräume ging zu Lasten der Heimarbeiter. Ausserdem hielt das Überangebot an Arbeitskräften die Löhne tief.

Bis zum 1. Weltkrieg wurde die Stickerei zum grössten und wichtigsten Exportartikel der Schweiz. Nicht nur in den Kantonen Appenzell Ausserrhoden, St. Gallen und Thurgau sondern auch im Vorarlberg stickte man für die vornehmlich in St. Gallen sesshaften Exportfirmen. Hauptabnehmer der Stickereien waren die USA, die bald mit eigenen Firmen vor Ort präsent waren. Deshalb wurde St. Gallen oft scherzhaft die Vorstadt von New York genannt.

Auf luftige Röcke folgte Kollaps

Nach dem ersten Weltkrieg verwandelt sich die Gesellschaft grundlegend. Licht, Luft und Öffnung standen nicht nur programmatisch für die moderne Architektur, sie schlugen sich auch in der Mode nieder. Die Röcke und Kleider reichten nicht mehr länger bis über den Knöchel, sie wurden leicht und luftig und zeichneten sich durch schlichte Formen aus. Damit entfiel die Stickerei als Zierelement.

Der Zusammenbruch der Stickerei-Industrie war dramatisch und warf die Ostschweiz wirtschaftlich auf Jahrzehnte zurück. 1910 gab es 67 789 Beschäftigte in der Stickerei, bis 1941 nur noch 4962. Zudem wurden mehr als 90 Prozent der Stickmaschinen verschrottet. Den Stickern blieb wenig anderes übrig, als ihre ausgeprägte Kleinunternehmer-Mentalität. Arbeitslosigkeit machte sich breit. Viele zogen weg und suchten anderswo ihr Glück. Appenzell Ausserrhoden verlor in der Folge 22,5 Prozent seiner Bevölkerung und hat diesen Verlust bis heute nicht kompensiert. Herisau, 1910 an Stelle 15 unter den Schweizer Städten rangiert heute auf Platz 68. Im Stadt und Kanton St. Gallen sah es nicht sehr viel besser aus.

Eine Region erfindet sich neu

Der Zusammenbruch der Stickerei hinterliess ein grosses Vakuum, das sich nicht so einfach und schnell ausfüllen liess. In der Zwischenkriegszeit siedelten sich zwar einige neue Industrien aus der Metall-, Maschinen- und Lebensmittelbranche an, wie etwa die Dornier-Werke in Altenrhein oder die Aluminium Werke in Rorschach. Doch der Anfang war schwierig, denn es fehlte an ausgebildeten Fachkräften. Der Aufschwung in der Hochkonjunktur erfolgte verspätet, die Restrukturierung brauchte Zeit und verlief aber letztlich doch erfolgreich.

Für die Anforderungen der Zukunft scheint die Region viel versprechend aufgestellt zu sein. Bezeichnenderweise dominieren neben einigen Grossbetrieben vor allem hoch spezialisierte und innovative KMUs das Feld. In dieser Betriebsform hat die angestammte Kleinunternehmer-Mentalität einen neuen und erfolgreichen Ausdruck gefunden.

Eine Stickerin in Appenzell Innerrhoden.

Eine Stickerin in Appenzell Innerrhoden.

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