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«Präsenzunterricht während einer Pandemie ist töricht»: St.Galler Berufsmittelschüler wollen Unterricht von zu Hause aus fortsetzen und rufen zu Streik auf

Seit den Weihnachtsferien waren die Schülerinnen und Schüler der Berufsschulen und Gymnasien im Kanton St.Gallen im Fernunterricht. Seit Montag – dem Tag, an dem die deutlich verschärften Pandemie-Massnahmen des Bundes in Kraft treten – gilt jetzt aber wieder Präsenz in den Schulzimmern. Das ist für einige Schüler nicht nachvollziehbar.

Christa Kamm-Sager und Christoph Zweili
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Einige St.Galler Berufsmittelschüler wollen am Fernunterricht festhalten.

Einige St.Galler Berufsmittelschüler wollen am Fernunterricht festhalten.

Bild: DPA

In einem Schreiben, das am Montag unter den Schülerinnen und Schülern kursiert, heisst es denn auch: «Präsenzunterricht während einer Pandemie ist einfach töricht.» Weiter steht darin, dass sich das St.Galler Bildungsdepartement im Umgang mit der Pandemie als unfähig erwiesen habe. Und:

«Die jüngste Massnahme, die Schülerinnen und Schüler trotz des erhöhten Risikos für den neuen Covid-Mutanten in die Schule zu schicken, geht einen Schritt zu weit.»

Die Schüler begründen ihren Aufruf damit, dass Homeoffice vom Bundesrat verpflichtend eingeführt worden sei, daher solle auch Homelearning für alle Schülerinnen und Schüler zugänglich sein, die sich während einer Pandemie unsicher fühlen würden. Die vergangenen zwei Wochen hätten gezeigt, dass diese Schulform anwendbar und funktional sei.

Der Wortlaut des Schreibens:

«Aus Protest gegen diese unverantwortliche Massnahme streiken die Schüler der BMS St.Gallen und setzen den Unterricht von zu Hause aus fort.»

Im Schulzimmer mit 20 anderen

Bei einem Anruf im Kaufmännischen Berufs- und Weiterbildungszentrum St.Gallen (KBZ) heisst es, dass man normal und ohne Zwischenfälle zum Präsenzunterricht zurückgekehrt sei.

Daniel Kehl, Rektor des Gewerblichen Berufs- und Weiterbildungszentrums St.Gallen (GBS).

Daniel Kehl, Rektor des Gewerblichen Berufs- und Weiterbildungszentrums St.Gallen (GBS).

Bild: PD (19. März 2019)

Auch Daniel Kehl, Rektor des Gewerblichen Berufs- und Weiterbildungszentrums St.Gallen (GBS), liegt der Aufruf der Schüler vor. Ob einzelne Schüler dem Unterricht ferngeblieben seien, entzieht sich deswegen seiner Kenntnis. Von Streik könne man aber nicht sprechen.

«Die Schüler sind hochanständig und rational», sagt er auf Anfrage. Es sei für sie zum Teil aber schwer nachvollziehbar, dass in ihrem Lebensumfeld alles zugemacht worden sei, sie nun aber in ein Klassenzimmer mit 20 anderen Personen sitzen müssen. Deshalb könne er ihre Sichtweise nachvollziehen. «Aber es gibt keine generelle Haltung der Schüler, es gibt rund um die Pandemie sehr viele unterschiedliche persönliche Wahrnehmungen darüber, was richtig ist», so Kehl.

Im Juni erfolgreiche Prüfungen ermöglichen

Die Voraussetzungen am GBS seien ausserdem sehr unterschiedlich. 4500 Lernende in 43 Berufsgattungen würden in über 300 Klassen an 7 Standorten in St.Gallen unterrichtet. Einige Klassen hätten in zwei Wochen Semesterende, für sie sei eine Rückkehr zum Präsenzunterricht in dieser verbleibenden kurzen Zeit schwer nachvollziehbar.

Andere Weiterbildungsklassen seien bereits seit Oktober im Fernunterricht und auch dies sei eine Herausforderung. «Wir sind am GBS aber in der Situation, dass der Kanton eine einheitliche Regelung vorgibt, an die wir uns halten.» Das oberste Ziel ihrer Schule sei es, den Schülerinnen und Schülern im Juni zu ermöglichen, ihre Prüfungen erfolgreich zu absolvieren.

Absenz begründen

Das Vorgehen bleibe dasselbe wie vor der Pandemie: Wer dem Unterricht fernbleibe, müsse die Absenz begründen. Da immer wieder Schüler in Quarantäne müssen, finde die Beschulung für diese Lernenden bereits seit Sommer temporär parallel zum Präsenzunterricht im Fernunterricht statt.

Bereits im November hat ein St.Galler Kantischüler eine Onlinepetition lanciert für die Rückkehr zum Fernunterricht in den Berufs- und Mittelschulen. Gegen 10'000 Unterschriften kamen damals zusammen.

Halbklassen oder Streichung gewisser Fächer?

Das Generalsekretariat des Departements des Innern von Bundesrat Alain Berset hat die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) mit Blick auf die Bundesratssitzung vom Mittwoch um eine Einschätzung betreffend der Coronamassnahmen an den Schulen bis heute Montag gebeten. Wie diese ausfällt, bleibt geheim – die EDK hat ihren Bericht als vertraulich klassiert, wie die «NZZ am Sonntag» schrieb.

Ein mögliches Szenario ist, dass bei der EDK Massnahmen auf Stufe der Gymnasien und Berufsschulen im Vordergrund stehen – Halbklassenunterricht, alternierender Unterricht oder die Streichung gewisser Fächer wie Sport, in denen Schutzmassnahmen schwer aufrechterhalten werden können, wie die Zeitung unter Berufung auf einen Bildungsdirektor schreibt.

St.Galler Bildungschef Stefan Kölliker.

St.Galler Bildungschef Stefan Kölliker.

Bild: Nik Roth (6. Mai 2020)

Auf dieser Schulstufe sei die Mobilität höher als in der Volksschule, weil diese Schüler vermehrt im öffentlichen Verkehr unterwegs sind, was die Gefahr der Ansteckung erhöht. Der St.Galler Bildungschef Stefan Kölliker will nicht spekulieren und bleibt daher vorsichtig: «Die Situation ist offen. Vergangene Woche hat der Bundesrat die Autonomie der Kantone hochgehalten. Diese Haltung wird mittlerweile durch Spekulationen überlagert.» Die EDK werde ihre Stellungnahme in den nächsten Tagen kommunizieren. Kölliker sagt:

«Bisher hatte die EDK immer die Haltung vertreten, am Präsenzunterricht auf allen Stufen festzuhalten.»

War es angesichts einer möglichen Intervention des Bundes klug, die beiden Schultypen am Montag aus dem Fernunterricht zu nehmen und sie dann eine Woche gleich wieder dahin zurückzuschicken? Kölliker sagt: «Wir haben nichts anderes gemacht als zu allen anderen Kantonen aufgeschlossen. Diese betreiben seit spätestens 11. Januar Präsenzunterricht. St.Gallen war der letzte Kanton, der den festtagsbedingten Fernunterricht erst am 15. Januar 2021 abgeschlossen hat. Niemand ist im Moment im grundsätzlichen Fernunterricht.»

Der Präsenzunterricht entspreche der aktuellen Lagebeurteilung. Wenn der Bundesrat nun doch Fernunterricht beschliessen würde, wäre aber der kurzfristige Übergang problemlos machbar und selbstverständlich zu vollziehen, hält der Bildungschef fest.

«Die Präsenz vor Ort diese Woche hat auch dann Vorteile, wenn nachher wieder Fernunterricht folgt, weil die Schulangehörigen sich wieder einmal live gesehen haben und sich absprechen konnten.»

Bei den Maturitäts- und Berufsschulen steht der Bund gemeinsam mit den Kantonen in der Verantwortung. Anders ist es bei der Volksschule – diese liegt ganz in der Hoheit der Kantone. In der besonderen Lage könnte der Bund allerdings auch hier Massnahmen ergreifen.

Verschiedene Experten gehen davon aus, dass zuerst wohl Sekundarschulen geschlossen würden oder der Halbklassenunterricht eingeführt würde, bevor es erneut zum Fernunterricht wie im Frühling 2020 kommt. Um Schulschliessungen zu vermeiden, wird auch über eine Maskenpflicht auf Primarschulstufe spekuliert. Bildungschef Kölliker bleibt hier seiner Linie treu: «Für mich ist aufgrund der Erfahrungen letzten Frühling eine Schliessung der Primarschule ein absolutes No-Go.»

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