Regierungsgebäude
Die Macht des St.Galler Kantonsratssaals: Er lässt die Politikerinnen und Politiker ins Leere plumpsen

Das St.Galler Kantonsparlament tagt seit über einem Jahr auf dem Olma-Gelände. Nun plant es für die Septembersession die Rückkehr in seinen Saal im Regierungsgebäude – so es das Virus zulässt. Doch: In der Zwischenzeit wurde allen der Sitz entzogen!

Regula Weik
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Die letzte Sitzung des St.Galler Kantonsparlaments, bevor das Virus den Saal leerte.

Die letzte Sitzung des St.Galler Kantonsparlaments, bevor das Virus den Saal leerte.

Bild: Regina Kühne (St.Gallen, Februarsession 2020)

Er ist verlassen. Seit über einem Jahr. Es hat ihn anfangs fast zerrissen. Doch dann stellte sich der Riss in der Decke als nicht lebensbedrohend heraus. Trotzdem blieb er leer. Niemand nahm Platz.

Die Rede ist vom Kantonsratssaal. Jenem Ort im St.Galler Regierungsgebäude, wo das Kantonsparlament tagt. Wo die 120 Köpfe über Ideen brüten, neue Gesetze beschliessen, über Ausgaben streiten, meist gesittet debattieren – selten auch mal richtig laut werden können.

Das Virus trieb sie aus dem Saal

Doch seit Monaten meidet das Parlament den Saal. Es floh aus ihm, getrieben vom Virus. Seither sitzt es in nüchterner Umgebung, berät und diskutiert auf dem Olma-Gelände. Ob sich die Hallen-Atmosphäre auf die Entscheide auswirkt? Eine Untersuchung dazu ist angedacht, sie hat gute Chancen, Teil der nächsten Zehnjahresplanung der Regierung zu werden.

Und wie geht es derweil dem verlassenen Saal? Versinkt er gram im Staub? Ab und zu öffnet sich die unscheinbare Saaltür, die ausschaut, als ob sie eine Auffrischung vertragen würde. Jeden Samstag und Sonntag – dann nämlich können Interessierte auf einer öffentlichen Führung einen Blick ins Regierungsgebäude werfen und den Kantonsratssaal besuchen. Und da zeigt sich: Der Saal nutzt die Zeit, um sich aufzuhübschen. Zahlreiche Sitzreihen sind abgesperrt. Beim genaueren Hinschauen wird klar weshalb: Es schauen einem nackte Stuhlgestelle entgegen – weg sind die Polster. Abgenutzt, durchgesessen, auffrischungsbedürftig. Politische Verantwortung kann schwer auf deren Trägerinnen und Träger lasten. Oder sind alle Schwergewichte? Politische, versteht sich. Unterschiede zwischen den Sektoren der Parteien lassen sich nur schwer ausmachen. Links bis rechts würde derzeit haltlos im hölzernen Stuhlrahmen versinken, allen wurde der Sitz entzogen. Auch der Regierung.

Rückkehr für September geplant

Noch bleibt Zeit. Noch drängen die Politikerinnen und Politiker nicht zurück in den Saal. Ihr Rückkehrplan steht: Septembersession – so sich das Virus bis dahin nicht erneut überall eingenistet hat. Für einige wird sich die Tür zum Saal das erste Mal öffnen: All jene, die erst seit einem Jahr dem Parlament angehören, betreten Neuland. Alle andern altes Territorium. Die eine und der andere wird wehmütig an die grosszügigen Platzverhältnisse in der Olma-Halle zurückdenken – und sich erst wieder an das schnaubende Atmen im Nacken aus der hinteren Reihe gewöhnen müssen. Nur einer wird das Treiben gelassen beobachten: der Saal – frisch und gut ausgeruht nach über einjähriger Ruhepause.

Öffentliche Führungen durchs Regierungsgebäude: jeweils Samstag und Sonntag um 13 Uhr, Treffpunkt: Shop beim Ausstellungssaal am Klosterplatz, Dauer: 45 Minuten. Eine Voranmeldung ist nicht erforderlich.