AUFFAHRTSLAUF: Ein Jogger wird zum Walker

Unser Mitarbeiter Michael Hasler hat sich über Nacht entschieden, die Nordic-Walking-Kategorie am St.Galler Auffahrtslauf gewinnen zu wollen. Stationen eines grandiosen Scheiterns.

Michael Hasler
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Idyllische Rennstrecke: Läuferinnen und Läufer am Gübsensee. (Bild: Michel Canonica)

Idyllische Rennstrecke: Läuferinnen und Läufer am Gübsensee. (Bild: Michel Canonica)

Walkingstöcke. Sie werden mich den ganzen Tag verfolgen. Bereits beim Parken im grünen Geschoss der Shopping-Arena muss ich ihnen das erste Mal ausweichen. Zwei Paar blockieren die eben frei gewordene Parklücke und weil die Familie bereits heftig miteinander über Verpflegung und Startzeiten debattiert, übe ich mich in Geduld. Nicht das letzte Mal heute.

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Michel Canonica / Tagblatt Auffahrtslauf 2017 (Bild: Michel Canonica)
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Weil ich mich bei meiner anstehenden Mission etwas schäme, lasse ich meine ausgelehnten Walkingstöcke bis kurz vor dem Start im Auto. Denn wer sich eigentlich als Jogger fühlt, will – ganz das Klischee bedienend – nur ungern als Walker enttarnt werden. Vor zwei Tagen überkam mich plötzlich die Idee, mich nach jahrelangem und zweifelsfrei haltlosem Lästern über die «Stöckler», nun dieser buddhistischen Prüfung zu unterziehen. Und wieso nicht gleich am Auffahrtslauf. Und wenn schon, muss es ein Platz ganz vorne sein, besser sogar der Sieg. Drei Stunden vor dem Start übergibt mir ein guter Freund seine erprobten Walkingstöcke und begleitet sein Tun mit dem herablassenden Lächeln des Wissenden. «Du weisst schon, dass du noch nie mit Walkingstöcken gelaufen bist und etliche Male stolpern wirst, du keinerlei technisches Training hast und dich auch die anderen mit ihren Stöcken behindern werden?». Das klingt so lehrmeisterlich, wie es nur beste Freunde können.

Existenzielle Fragen und eine erstaunliche Ruhe

Eine Stunde vor dem Start geht die Nervosität gegen null. Selbst die Pulsuhr habe ich bewusst daheim gelassen. Als ich mich unmittelbar vor dem Beginn zwischen einem isotonischen Getränk und einem Starbucks-Kaffee entscheiden muss, fällt meine Wahl auf letzteren. Eine Viertelstunde vor dem Rennen (kann man beim Nordic Walking rein sprachlich von einem Rennen reden?) klettern existenzielle Fragen in meinem Körper hoch. Wo reiht man sich ein, wenn man das Rennen mitprägen oder gar gewinnen will? Ganz vorne? Oder abwartend im Mittelfeld? Wie erholt man sich von einer Krise? Und was, wenn die Technik zu komplex ist, und die drei Youtube-Videos von gestern Abend als Vorbereitung doch etwas zu knapp bemessen waren? Kurz vor dem Start werde ich erstaunlich ruhig, erlange meinen Wettkampfmodus: Walker, heute bin ich einer von euch – und kämpfe um jeden Platz.

Vom Seriensieger ins Regelwerk eingeführt

Erstens kommt es schlimmer und zweitens als ich dachte. Obwohl ich dreihundert Meter nach dem Startschuss auf Platz zwei vorgelaufen bin, brandet mir keinerlei Applaus entgegen. Im Gegenteil: «Das ist kein Nordic Walking, das ist Joggen!» rufen mir die Gegner von hinten und das Publikum von der Seite zu. In einem augenscheinlich scheusslichen technischen Irgendwas zwischen Jogging und Wandern stürme ich an die Spitze, wo mich Seriensieger Alex zur Brust nimmt und mir eine Einführung ins Regelwerk gibt. Die Knie müssen beim Ausziehen durchgedrückt sein und beim Rückschwung ohnehin.

Mein Hirn begreift schnell und mein Körper folgt artig. Bis kurz nach dem Gübsensee halte ich mich trotz verlangsamter Technik und falscher Materialwahl auf dem zweiten Platz, ehe von hinten ein Mitkonkurrent in einer aberwitzigen Kadenz auf mich aufläuft. Paul Schoch ist ein gemütlicher und netter Mensch, der mir technisch ebenfalls unter die Arme greift. Die Stöcke müsse ich enger am Körper führen und die Schrittlänge kontrollieren. Ich solle mich einfach an ihn hängen, lautet sein Vorschlag, den ich befolge. Leider. Immer wieder lassen wir nun reihenweise Joggerinnen und Jogger hinter uns. Nach fünf Kilometern brennen die Pobacken wie eine gelungene Grillglut, nach sechs Kilometern rebellieren die Hüftknochen. Zum Glück staut sich der Tross unten im Sittertobel für einige Minuten zurück. Zeit, die Gedanken zu ordnen und die Gesässmuskeln zu dehnen.

Ein Hochgefühl beim Helly-Hansen-Stich

Beim Helly-Hansen-Stich schöpfe ich neue Hoffnung, denn ich laufe tatsächlich wieder zu Paul auf. Je länger der Lauf dauert, desto mehr Spass mach mir dieser Sport (ja, Sport!), den ich als Jogger immer und immer wieder belächelt habe. Auf den letzten zwei Kilometern schiesst ein weiterer Walker an mir vorbei – seine Technik erinnert an eine Filmfigur von Adriano Celentano. Meine Handy-Playlist spielt gerade einen Song von Fink: «Where do we go from here?» Ins Ziel – und wie! Nach 70 Minuten (den Stau zeitlich grosszügig abgezogen) bin ich wohl als Vierter im Ziel.

Mission verpasst, aber keine Katastrophe. Die buddhistische Prüfung ist bestanden. Walker – ich verneige mich vor euch. Und werde sobald nicht mehr über euch lächeln. Versprochen!

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