Auf ewig im nassen Grab

Seit genau 150 Jahren liegt die «Jura» auf dem Grund des Bodensees. Hans Gerber hatte das Wrack in den 1970er-Jahren entdeckt. Seitdem plünderten Sporttaucher das Schiff, eine Stiftung wollte die «Jura» bergen, schliesslich hat der Kanton das Wrack in Besitz genommen.

Michèle Vaterlaus
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Die Ankerwinde unter Wasser. (Bild: pd)

Die Ankerwinde unter Wasser. (Bild: pd)

KREUZLINGEN. Dichter Nebel. Seerauch. Nichts ausser einer weissen Wolke ist zu sehen. Zu hören ist das Gebimmel einer Glocke. Der Bugmatrose der «Jura» läutet fleissig, denn auf dem Weg von Romanshorn nach Konstanz wird der Dampfer die «Stadt Zürich» queren, die von Konstanz nach Romanshorn fährt. Die Glocke ist der einzige Weg, um auf sich aufmerksam zu machen und um einen Zusammenstoss zu verhindern.

Dann knallt es. Die «Stadt Zürich» hat die «Jura» gerammt. Durch den Aufprall wird der Bugmatrose über Bord geschleudert. Die «Jura» sinkt innert fünf Minuten. Seit dem 12. Februar 1864 liegt sie zwischen Bottighofen und Münsterlingen auf dem Grund des Bodensees.

Auf der Suche nach Quellen

Sommer 1975: Das Sporttauchen wird populär. Der 37jährige Hans Gerber hat das Brevet frisch absolviert. Mit Freunden geht er regelmässig auf Entdeckungstauchgänge im Bodensee vor Münsterlingen. Die Froschmänner, wie die Taucher im Volksmund genannt wurden, werden häufig angesprochen. Viele Kinder fragen nach ihren Abenteuern unter Wasser. Nur eine Frage wird ihnen öfters gestellt, von Erwachsenen. «Suchen Sie nach dem gesunkenen Schiff?» Gerber denkt sich nichts dabei. Doch ein Mann macht ihn hellhörig. Er berichtet von seinem Grossvater und dessen Geschichten über ein gesunkenes Schiff.

Also sucht er nach dem Wrack. Erst nebenbei, nur aus Spass, dann immer intensiver, fast verbissen, würden wohl seine Tauchfreunde sagen. Doch nach einem ganzen Sommer und einem ganzen Herbst blieb er erfolglos. Als es zu kalt und zu dunkel für Tauchgänge wird, setzt er seine Recherchen an Land fort. Er hat die Hoffnung schon fast aufgegeben, als er fündig wird. Ein Zeitungsbericht aus 1864 schildert den Untergang der «Jura».

Also sucht er weiter. Am 25. September 1976 ist Gerber wieder im See. Er taucht dem Seegrund entlang, auf 40 Metern Tiefe. Er sollte auftauchen, die Atemluft wird knapp. Da erscheint vor ihm ein grosser Schatten. Er erschreckt. Atmet schneller. Sein Herzschlag beschleunigt sich. Gerber schwimmt näher und erkennt ein Schaufelrad. Er geht etwas höher, da taucht der Schriftzug auf: «Jura». Hans Gerber hat das Wrack gefunden. Beim Freudenschrei fällt ihm der Lungenautomat aus dem Mund.

Stiftung wollte bergen

Winter 2014: Otto Egloff sitzt vor einem dicken Bundesordner mit Zeitungsberichten, Protokollen und Schiffsplänen. «Es gibt so viel über die <Jura>, das man erforschen sollte», sagt er. Egloff ist der Präsident der Stiftung Historische Bodenseeschifffahrt. Die Stiftung hat im Auftrag des Kantons Thurgau die Geschichte des Wracks aufgearbeitet. «Ich habe den Verdacht, dass die <Jura> absichtlich versenkt wurde.»

Seine Theorie begründet Egloff mit Protokollen, die nach dem Untergang der «Jura» von Verhören der Passagiere und Besatzungsmitglieder angefertigt wurden. Er glaubt, man habe das Schiff in Position gebracht, damit es gerammt wird. «Damals hat der Wettbewerb der Schifffahrt auf dem Bodensee angefangen. Die Schweiz, Deutschland, Österreich, Baden-Württemberg und Bayern kämpften um die Vormacht.» Die «Jura» sei nicht das modernste Schiff gewesen – aber eben noch neu. «Die Bayern hätten vor dem Kaiser keinen Grund vorbringen können, weshalb sie nun schon wieder ein neues Schiff brauchen – ausser, es würde eines untergehen», sagt Egloff mit einem verschmitzten Lächeln. «Das ist nur eine Hypothese.»

Jura-Hans war nicht der erste

September 1976: Hans Gerber schwimmt um das Wrack, die Zeit wird knapp, die Atemluft wird weniger. Er muss auftauchen. Als er in letzter Sekunde die Wasseroberfläche erreicht, ist er überglücklich. «Ich konnte nur noch lachen.» Seitdem besucht er die «Jura» regelmässig – auch heute noch. Sein Fund brachte ihm den Übernamen Jura-Hans ein.

Bei seinen folgenden Tauchgängen bemerkte Jura-Hans, dass einiges am Schiff fehlte. «Alles Wertvolle, dass nicht niet- und nagelfest war, war weg.» Die Schiffsglocke zum Beispiel, das Silberbesteck und das Steuerrad. Es muss jemand vor ihm unten gewesen sein. Tatsächlich hatte Ludwig Hain, angestellt vom Bomber-Schaffner, das Wrack in den 1940er-Jahren entdeckt, als er ein abgestürztes Flugzeug suchte. Er hatte einige Stücke geborgen und verkauft. «Das hat er mir erzählt, aber er wusste nicht mehr, wer der Käufer war. Ich habe deshalb die Suche aufgegeben.»

Was noch da und nicht niet- und nagelfest war, hat Jura-Hans geborgen. Seit drei Jahren stellt er die Schätze dem Seemuseum Kreuzlingen zur Verfügung.

Pläne zur Bergung

Die Stiftung Historische Bodenseeschifffahrt wollte vor zehn Jahren nicht nur die losen Stücke bergen, sondern das ganze Schiff. Es wurden Pläne öffentlich, dass die «Jura» ein Restaurant werden könnte. «Es war alles nur Strategie», erklärt Egloff heute. «Dass eine Bergung aus finanziellen Gründen nicht realistisch ist, wussten wir. Aber wir wollten die Leute sensibilisieren. Das Wrack ist ein wichtiges Industriedenkmal. Doch es wurde je länger je mehr von Tauchern geplündert.» Aus diesem Grund schritt auch der Kanton Thurgau ein. Er nahm das Wrack vor zehn Jahren in Besitz und stellte es unter Schutz.

Auf ewig auf dem Seegrund

12. Februar 1864: Der Bugmatrose der «Jura» ist ertrunken. Alle anderen Passagiere konnten sich auf die «Stadt Zürich» retten. Einen Tag nach dem Unglück tauchten immer noch Seidenballen, Käse und Fässer auf. Die «Jura» aber wird wohl bis zu ihrem Zerfall auf dem Grund des Bodensees liegenbleiben.

Schnitzereien am Bug der «Jura». (Bild: pd)

Schnitzereien am Bug der «Jura». (Bild: pd)

Ein Modell ist im Seemuseum in Kreuzlingen ausgestellt. (Bild: Nana do Carmo)

Ein Modell ist im Seemuseum in Kreuzlingen ausgestellt. (Bild: Nana do Carmo)

Ein Manometer: Es zeigt den Druck im Dampfkessel an. (Bild: Nana do Carmo)

Ein Manometer: Es zeigt den Druck im Dampfkessel an. (Bild: Nana do Carmo)

Hans Gerber alias Jura-Hans im Seemuseum vor dem Schriftzug «Jura». Er hat die Buchstaben des Wracks in 58 Tauchgängen geborgen. (Bild: Nana do Carmo)

Hans Gerber alias Jura-Hans im Seemuseum vor dem Schriftzug «Jura». Er hat die Buchstaben des Wracks in 58 Tauchgängen geborgen. (Bild: Nana do Carmo)

Das Plumpsklo der gesunkenen «Jura». (Bild: pd)

Das Plumpsklo der gesunkenen «Jura». (Bild: pd)