Auf den Spuren der Kriegsvögel

Während des Zweiten Weltkriegs drangen immer wieder fremde Flugzeuge in den Schweizer Luftraum ein – freiwillig oder unfreiwillig. Zu ihren Landungen und Abstürzen in der Ostschweiz erscheint bald ein reich illustriertes Buch.

Adrian Vögele
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Dieser US-Bomber, eine Boeing B-17 Flying Fortress, landet am 16. März 1944 mit schweren Schäden bei Diepoldsau – «wie auf Skiern», schreibt ein Crewmitglied. (Bilder: pd)

Dieser US-Bomber, eine Boeing B-17 Flying Fortress, landet am 16. März 1944 mit schweren Schäden bei Diepoldsau – «wie auf Skiern», schreibt ein Crewmitglied. (Bilder: pd)

Es wird ungeheuer knapp: Ein schwerbeschädigter amerikanischer Bomber vom Typ Boeing B-17 Flying Fortress erreicht am 18. März 1944 mit letzter Kraft den Flugplatz Altenrhein. «Die Fortress war nicht mehr steuerbar, Motor 1 brannte und drehte leer. Motor 3 war von der Flak getroffen und drehte leer (…). Das Flugzeug stand in Flammen, als wir zur Landung ansetzten», heisst es im Bericht des Piloten, First Lieutenant Roger C. Smith. Es gelingt ihm dennoch, die Maschine herunterzubringen: Die Landung endet glimpflich – obwohl das Flugzeug über das Ende der Graspiste hinaus rollt. Für Smith und seine Crew ist der Kampf zu Ende. Die Amerikaner werden in der Schweiz interniert. Das Flugzeug wird zerlegt und später verschrottet.

Dies ist eine von zahlreichen, mit Originalfotos dokumentierten Geschichten über Landungen und Abstürze fremder Flugzeuge in der Schweiz, die der Widnauer Dani Egger auf der Webseite www.warbird.ch mit Hilfe weiterer Aviatikfans und -spezialisten zusammengetragen hat. «Warbirds» – «Kriegsvögel», so werden Kampfflugzeuge aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs genannt.

38 Ereignisse in der Ostschweiz

«Die Internetseite besteht seit 2006 und stösst auf reges Interesse», sagt Dani Egger. Nun will er jenen Teil des Materials, der die Ostschweiz betrifft, auch auf Papier publizieren: Zusammen mit den Co-Autoren Werner Schmitter und Rolf Zaugg arbeitet Egger derzeit an einem Buch, das sich den Landungen und Abstürzen von Warbirds in den Kantonen St. Gallen, Thurgau, Schaffhausen sowie beiden Appenzell widmet. «38 solche Ereignisse haben hier während des Zweiten Weltkriegs stattgefunden», sagt Egger. Das Buch wird über 200 Seiten dick; die Texte sind kurz, dafür erhalten die Fotos, darunter auch bisher unpublizierte, viel Platz.

Der grösste Teil des Buches dreht sich um Ereignisse in den letzten beiden Kriegsjahren, viele stehen im Zusammenhang mit Luftangriffen der Alliierten auf Süddeutschland. Am häufigsten handelt es sich um viermotorige amerikanische Bomber wie die Boeing B-17 Flying Fortress oder die Consolidated B-24 Liberator, die für einen Rückflug ins Gebiet der Alliierten zu schwer getroffen sind.

Jäger landet im Rhein

Doch auch Jagdflugzeuge stranden in der Ostschweiz: Am 22. Februar 1945 nimmt der 20jährige amerikanische Jagdpilot Robert «Rocky» Rhodes mit seiner North American P-51 Mustang von Italien aus an einem Angriff auf die Eisenbahninfrastruktur zwischen Lindau und Ulm teil. Es ist seine sechste Mission, seine Maschine, genannt «Little Ambassador», fliegt er zum ersten Mal. Im Tiefflug wird der Jäger von Flugabwehrgeschützen getroffen. Rhodes entkommt knapp, doch für einen Rückflug ist die P-51 zu schwer beschädigt.

Während «Rocky» dem Rhein talaufwärts folgt, gibt der Motor den Geist auf. Der Pilot entscheidet sich für eine Notlandung und setzt das Flugzeug auf einer Kiesbank im Flussbett des Rheins nahe Buchs auf. Die Maschine kommt im seichten Wasser zum Stehen. Rhodes glaubt, sich noch immer in Deutschland zu befinden, doch herbeigeeilte Liechtensteiner klären ihn darüber auf, dass er bereits in Sicherheit sei. Er wird ans Schweizer Militär übergeben und später in Bern einquartiert. Die Maschine wird geborgen und noch im Mai desselben Jahres verschrottet.

Anflug auf Viehherde

Nebst den Alliierten nimmt auch der eine oder andere deutsche Flieger Kurs auf die Schweiz – bisweilen absichtlich: Ein Pilot der Luftwaffe ergreift am 26. Oktober 1944 in Stuttgart mit einem Schulflugzeug vom Typ Bücker Bü 181 Bestmann die Flucht. Doch die Ankunft in der Ostschweiz ist holprig. Auf Dani Eggers Webseite heisst es: «Der Landeversuch gegen 17.15 Uhr auf einer Wiese bei Waldkirch wurde durch eine Viehherde verhindert.» Beim zweiten Anlauf gelingt die Landung dann einigermassen; später übernimmt die Schweizer Luftwaffe das Flugzeug.

Weitere Geschichten gesucht

Das Warbird-Buch soll zudem weitere Aspekte wie etwa das Leben der gelandeten Besatzungen oder die Reaktionen der hiesigen Bevölkerung auf die Landungen und Abstürze behandeln. Die Texte werden auf Deutsch und Englisch abgedruckt – der Protagonisten wegen. «Die Publikation soll auch für die wenigen noch lebenden Besatzungsmitglieder und deren Familien sowie Nachkommen lesbar sein», sagt Egger.

Das Projekt wird unter anderem mit einem Lotteriefondsbeitrag des Kantons St. Gallen unterstützt. Egger rechnet damit, dass das Buch im Mai 2014 erscheinen wird. Einstweilen ist er offen für weitere, noch unbekannte Warbird-Geschichten aus der Ostschweiz. «Ich freue mich über persönliche Erlebnisse, Erzählungen oder Fundstücke.»

www.warbird.ch Kontakt: dani@warbird.ch

Die Jagdmaschine des amerikanischen Piloten Robert Rhodes im Rheinbett bei Buchs (links) und eine Bomberbesatzung in militärischem Gewahrsam nach ihrer Landung in Altenrhein.

Die Jagdmaschine des amerikanischen Piloten Robert Rhodes im Rheinbett bei Buchs (links) und eine Bomberbesatzung in militärischem Gewahrsam nach ihrer Landung in Altenrhein.