Auch St. Gallen droht Milchstreit

In St. Gallen sind immer weniger Milchbauern bereit, Beiträge zur Preisstützung überschüssiger Milch zu bezahlen. Ein Szenario wie im Thurgau zeichnet sich ab. Dort droht der Milchproduzentenverband, die Bauern zu betreiben.

Nina Rudnicki
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Vor allem im Frühling gibt es mehr Milch, als der Markt aufnehmen kann. (Bild: Ralph Ribi)

Vor allem im Frühling gibt es mehr Milch, als der Markt aufnehmen kann. (Bild: Ralph Ribi)

ST. GALLEN. Im Thurgau ist der Streit der Milchbauern bereits eskaliert. Dort droht der kantonale Milchverband, seine Mitglieder zu betreiben, weil sie ihre Beiträge zur Preisstützung überschüssiger Milch nicht zahlen (Ausgabe vom 18. Dezember). Ähnliches bahnt sich nun auch im Kanton St. Gallen an. «Wir werden die Angelegenheit im neuen Jahr ebenfalls in die Hand nehmen müssen», sagt Andreas Ritter, Geschäftsführer der Genossenschaft Vereinigte Milchbauern Mitte-Ost. Der Genossenschaft mit Sitz in Gossau gehören 5500 Milchbauern aus elf Kantonen an. Nebst St. Gallen sind dies etwa Appenzell Innerrhoden und Ausserrhoden. Fast 800 Mitglieder haben die Beiträge insgesamt nicht bezahlt. Der grösste Teil von ihnen kommt laut Ritter aus dem Kanton St. Gallen. Er sagt: «Wir müssen jene Mitglieder, welche die Solidarität verweigern, statutengemäss behandeln. Das sind wir den Mitgliedern schuldig, die den Beitrag bezahlt haben.» Statutengemäss bedeutet, dass die sich weigernden Mitglieder entweder ausgeschlossen oder betrieben werden. «Im Frühling werden wir an der Vorstandsversammlung entscheiden, wie wir vorgehen werden», sagt er.

Zu viel Milch

Zugespitzt hatte sich der Streit zwischen den Milchbauern und den Milchproduzentenverbänden nach der Gründung der Exportfirma Lactofama AG im Jahr 2014. Zweck der Firma ist, die überschüssige Milch im Frühling zu exportieren und so den Schweizer Richtpreis für die Milch zu stützen. Bereits in den Jahren zuvor waren die Exporte von Schweizer Milchprodukten unter anderem wegen des starken Frankens zurückgegangen. Trotz der sinkenden Preise dehnten die Bauern ihre Produktion aus, um dadurch die Mindereinnahmen auszugleichen. Das führte zu einer Überproduktion.

Seit die Delegierten der verschiedenen Milchverbände der Gründung von Lactofama zugestimmt haben, sind die Bauern verpflichtet, 0,35 Rappen pro Kilo Milch zu bezahlen. Im Schnitt ergibt das pro Bauernbetrieb 1000 Franken im Jahr. Mit den Beträgen gleicht Lactofama die Preisdifferenzen aus. Vor allem marktorientierte Bauern, die mit ihrem Verarbeitungsbetrieb Jahresmengen abgemacht haben, fühlen sich zu den Abgaben gezwungen. Eines ihrer Hauptargumente ist, dass die Beiträge an die Lactofama eine Versicherung für andere sei, nicht hingegen für sie selbst.

«Teuer bezahlen»

«Da in den Frühjahrsmonaten immer mehr Milch produziert wird, als der Markt aufnehmen kann, wird die Restmilch zu haltbaren Produkten wie Butter und Milchpulver verarbeitet», sagt Ritter. «Zu hohe Lagerbestände drücken dann auf den Produzentenmilchpreis.» Die Lactofama habe in den Jahren 2014 und 2015 aktiv dafür gesorgt, dass eine Marktabräumung stattfand. «Ohne diese Massnahmen wäre das schweizerische Preisniveau für alle Milchproduzenten wesentlich tiefer», sagt er und fügt an: «Wenn die Massnahme an der fehlenden Solidarität scheitert, werden die Milchbauern dies mit einem noch tieferen Milchpreis teuer bezahlen müssen.» Allzu zuversichtlich, dass es in St. Gallen nicht zu einem Szenario wie im Thurgau kommen wird, ist Ritter nicht. Er sagt: «Leider haben sich im Thurgau alle Hoffnungen zerschlagen, die sich weigernden Produzenten von der Wichtigkeit einer gemeinsamen Massnahme zu überzeugen. Dass es so weit kommen musste, ist bedauerlich.»

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