Auch leere Betten muss man zahlen

Der Kanton will einen günstigeren Ersatz für das Schlupfhuus finden. Er muss aber bedenken: Ein solches Notfallangebot lässt sich nicht mit den selben Ellen messen wie ein normales Heim. 

Kaspar Enz
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Was die Sozialarbeiter, die Tag und Nacht das St. Galler Schlupfhuus betreiben, bei ihrer Arbeit erzählt bekommen, will man lieber nicht so genau wissen. Es sind die Geschichten von Kindern und Jugendlichen, deren Zuhause alles andere ist als eine Heimat, die dort Missbrauch erleben, Vernachlässigung und Gewalt. Sie müssen Schutz suchen vor ihrem Zuhause.

Diesen Kindern müssen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Schlupfhuus für ein paar Tage etwas Geborgenheit geben und versuchen, die zerrütteten Familien so weit zusammenzukitten, dass eine Rückkehr möglich ist – oder helfen, andere Lösungen zu finden. Eine wichtige, manchmal aber frustrierende Aufgabe. Vor allem wenn die Mitarbeiter hören müssen, dass sie bald nicht mehr gebraucht werden – in vielen Fällen nach über 16 Jahren.

Streit im Hintergrund

Die Mitarbeiterinnen der Notunterkunft für Kinder und Jugendliche trugen aber noch eine andere Last neben den Schicksalen ihrer Klienten. Eine leichtere vielleicht. Denn schon lange mussten sie aushalten, dass ihre Zukunft in der Schwebe hing. Dass die Notunterkunft im nächsten Frühling schliessen muss, kam für die Öffentlichkeit – und die SP-Parlamentarier, die dazu einen Vorstoss verfassten – überraschend.

Das Schlupfhuus und seine Trägerschaft, die Stiftung Ostschweizer Kinderspital, rang aber schon lange um ihre Existenz. Schliesslich stritt man sich mit dem Kanton seit Jahren um Kosten, Auslastungen und rote Zahlen. Rund 300000 Franken Defizit musste der Kanton in den letzten zwei Jahren decken, zusätzlich zur Beteiligung an den Tagessätzen. Ein Klacks, angesichts der Dringlichkeit der Aufgabe, könnte man denken.
Nun sucht der Kanton eine Einrichtung, die die Notunterkunft übernehmen kann. Synergien könnten genutzt, Auslastungsschwankungen ausgeglichen und so das Defizit gesenkt werden, hofft der Kanton.

Abrechnungssystem mit Haken

Doch dazu ist auch zu sagen, dass der Abrechnungsmodus für das Schlupfhuus denkbar ungeeignet war. Wie die meisten Heime in der Schweiz hatte es eine Betriebsbewilligung im Rahmen einer interkantonalen Vereinbarung. Danach müssen die Heime die Kosten auf ihre Klienten verteilen. Deren Tarife zahlen dann Kantone und Gemeinden.

Ein System, das die Einrichtungen dazu zwingt, nicht mit zu grosser Kelle anzurühren – leere Heimplätze lohnen sich nicht, da sie die Tarife erhöhen und das Heim unattraktiv für Zuweiser machen. Doch eine Notunterkunft muss leere Plätze bereitstellen, will sie ihren Zweck erfüllen. Und eine Notunterkunft für Kinder und Jugendliche braucht es, heisst es beim Kanton. Diese leeren Betten sind beim neuen Anbieter vielleicht günstiger als im Schlupfhuus. Aber bezahlen muss sie der Kanton trotzdem.