Ein gemeinsames Feindbild schweisst zusammen: Ostschweizer Therapeuten sehen wachsenden Zusammenhalt bei Paaren

Der Lockdown aufgrund des Coronavirus wird bald gelockert. Doch wie wirken sich die Massnahmen auf Ostschweizer Familien und Paare aus?

Ines Biedenkapp
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Die Liebe in Zeiten von Grenz-Schliessungen: Die Grenze nach Deutschland ist zwar zu, das hält Paare aber nicht davon ab, anzustossen

Die Liebe in Zeiten von Grenz-Schliessungen: Die Grenze nach Deutschland ist zwar zu, das hält Paare aber nicht davon ab, anzustossen

Juri Junkov / BLZ

Die Grenzen sind zu. Paare oder auch Ehepartner treffen sich nun am Grenzzaun in Kreuzlingen. Während die einen durch eine physische Grenze getrennt sind, hocken andere wiederum schon zu sehr aufeinander. In China hat die Isolierung während der Coronapandemie beispielsweise zu einem rasanten Anstieg der Scheidungsrate geführt. Doch wie gehen Ostschweizer Paare mit den Massnahmen um?

Suzanne Hüttenmoser Roth ist eidgenössisch anerkannte Psychotherapeutin und bietet Paar- wie auch Eheberatungen in der Region St. Gallen und Appenzell an. Aufgrund der derzeitigen Coronapandemie hat sie allerdings weder mehr noch weniger zu tun. Sie sagt:

«Ich bin eigentlich immer voll.»

«Am Anfang des Lockdown hat man zwar angenommen, dass damit auch die häusliche Gewalt zunimmt, das hat sich aber bisher nicht bestätigt.»

Betreuungshilfe fällt oft weg

Suzanne Hüttenmoser Roth ist eidgenössisch anerkannte Psychotherapeutin und bietet Paar- wie auch Eheberatungen in der Region St. Gallen und Appenzell an

Suzanne Hüttenmoser Roth ist eidgenössisch anerkannte Psychotherapeutin und bietet Paar- wie auch Eheberatungen in der Region St. Gallen und Appenzell an

Bild: PD

Die Therapeutin hat sogar eher den Eindruck, dass die Paare sogar einen besseren Zusammenhalt entwickeln würden: «Die Menschen nehmen das Coronavirus als Bedrohung von aussen wahr», sagt sie. «Ein gemeinsames Feindbild schweisst zusammen.» Allerdings sei derzeit eine ganz andere Situation belastend. Denn dadurch, dass viele Grosseltern zu der Risikogruppe zählen, fällt die Betreuungshilfe bei vielen Familien weg. Auch die Schulen sind seit Mitte März geschlossen, die Kinder werden von zu Hause unterrichtet.

Das würde vor allem Frauen belasten. «Frauen, die bereits vorher an ihrem Limit waren und lernen sollten, wie sie etwas mehr Zeit für sich einplanen, können das momentan gar nicht mehr.» Männer würden sich dafür vermehrt mit Sorgen um Homeoffice und existenziellen Ängsten herumschlagen. Hüttenmoser sagt:

«Das heisst aber nicht, dass sie gar kein Verständnis für ihre Frau aufbringen.»

Wichtig sei es vor allem, dass man miteinander rede und aktiv die Kommunikation suche.

Auch stellt die Psychotherapeutin eine Art Umorganisation fest. Das zeige sich vor allem im Umgang der Paare mit den Problemen. Eines sei etwa, dass die Kommunikation nicht richtig funktioniere. «Ich hatte ein Ehepaar hier, das einen Bauernhof hat und drei gemeinsame Kinder versorgt.» Darunter litt die Kommunikation.

Ausmasse sind noch nicht fassbar

Achim Menges, eidgenössisch anerkannter Psychotherapeut, betreut Paare und Familien in St. Gallen. Auch er erlebt derzeit keine Zunahme der Therapien aufgrund von Corona, sondern eher das Gegenteil: «Viele wollen sich schützen», sagt Menges. «Daher haben gerade am Anfang viele den Termin abgesagt.» Wie gehen seine Patienten mit der Krise um? «Es ist eine Situation, die die wenigsten überblicken», sagt er.

«Daher kann man dazu noch gar keine richtige Aussage machen.»

Doch eine Krise berge auch immer etwas Positives. «Menschen haben sich immer dazu bemüht, glücklich zu werden», sagt er. «Wir können das ja auch an all den kreativen Ideen sehen, die derzeit durch die Hilfsangebote oder auch zur Bekämpfung der Langeweile entstehen.»

Für viele Paare würde die Krise wie eine Art Katalysator wirken, sagt Dirk von Malotki, Psychologe und Berater im Fachbereich Paar-, Familien- und Jugendberatung der Perspektive Thurgau. «Positives wie auch Negatives können sich verstärken», sagt er. Die derzeitige Krise lasse in den Familien viele herausfordernde Situationen entstehen, was schnell zu Differenzen führen könne, sagt Malotki. Wie solle man zum Beispiel die Massnahmen des Bundesrates bezüglich der Coronakrise in den Familien umsetzen? Darf man noch grillieren? Darf man den Sohn noch mit den Nachbarsbuben spielen lassen?

Ein Paar trifft sich an der Grenze zwischen dem deutschen Konstanz und Kreuzlingen in der Schweiz.

Ein Paar trifft sich an der Grenze zwischen dem deutschen Konstanz und Kreuzlingen in der Schweiz.

Bild: Gian Ehrenzeller/KEYSTONE

Notprogramm in der Krise

Er und seine Kollegen der Perspektive Thurgau haben aufgrund der Krise hauptsächlich Anfragen von Paaren im mittleren Alter mit Kindern und Jugendlichen erhalten. Vor allem Familien müssten sich neu organisieren. «Jugendliche haben etwa Probleme, ihren Tagesrhythmus beizubehalten und sich im Homeschooling zurechtzufinden», sagt Malotki. «Das war bei vielen Eltern in unseren Gesprächen ein Thema.» Derzeit würden sich viele in einer Art Notprogramm befinden:

«Das heisst, man reagiert und verschiebt die Problembearbeitung auf später.»

Doch wie kann man auch als Paar in der derzeitigen Krise zusammenhalten, ohne sich zu nerven? «Da gilt es, eine gute neue Balance zu finden», sagt Malotki. Zum einen solle man sich und seiner Partnerin oder seinem Partner einen gewissen Freiraum zugestehen, dass jeder gut für sich sorgen könne. Zum anderen sei es aber auch wichtig, trotz des Lockdown etwas als Paar zu unternehmen. «Das kann ein Pärchenabend sein, der gerne auch die Vereinbarung enthält, sich sexuell näher zu kommen», sagt Malotki.

«In solchen Krisen kann man sich auch als Paar neu entdecken.»
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