«Auch wenn es hier brennen würde, wäre das die Apokalypse»

Den St. Galler Domorganisten Willibald Guggenmos berührt der Brand in Notre-Dame sichtlich. Er hat dort schon ein Konzert gegeben und ist mit einem der drei Notre-Dame-Organisten befreundet. 

Martin Preisser
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Die Orgel von Notre-Dame hat den Brand überlebt, jedenfalls äusserlich. (Bild: Getty)

Die Orgel von Notre-Dame hat den Brand überlebt, jedenfalls äusserlich. (Bild: Getty)

«Solch eine Katastrophe trifft einen als Organisten mitten ins Herz», sagt der St. Galler Domorganist Willibald Guggenmos. Er hat 2016 in Paris an der Grossen Orgel von Notre-Dame ein Konzert gegeben, Höhepunkt im Leben jedes Orgelvirtuosen. Bei den Bildern der brennenden Kathedrale habe er sofort an den knochentrockenen Holzdachstuhl des St. Galler Doms denken müssen. «Wenn es hier brennen würde, wäre das die Apokalypse», wagt Guggenmos es sich kaum auszumalen.

Die Grosse Orgel von Notre-Dame hat den Brand überlebt, jedenfalls äusserlich. «Wie es innen aussieht, kann momentan noch keiner beurteilen», sagt der Domorganist. Die Orgel von Notre-Dame ist der Platz der Plätze für jeden Orgelmeister. Und Notre-Dame war der Platz der Plätze für den Orgelbauer Aristide Cavaillé-Coll, der Mitte des 19. Jahrhunderts die Chance nutzte, mit all seinem Herzblut die Orgel, deren Geschichte bis ins 15. Jahrhundert zurückreicht, zu einem Repräsentationsinstrument allererster Güte auszubauen.

Musik wird es in den Jahren des Wiederaufbaus in Notre-Dame nicht geben. Willibald Guggenmos’ Gedanken sind bei den drei Titularorganisten, die jetzt ihre musikalische Heimat verloren haben. Einer von ihnen, Olivier Latry, ist ein guter Freund. Er hat in Notre-Dame Olivier Messiaens gesamtes Orgelwerk eingespielt und war in St. Gallen schon zu Gast bei den Domorgelkonzerten.

Notre-Dame steht für Jahrhunderte französischer Musikgeschichte

115 Register und 8000 Pfeifen hat die Pariser Vorzeigeorgel. «Der Klang ist fantastisch», erinnert sich Willibald Guggenmos an das Erlebnis, wie Musik sich über 130 Meter Architektur ausbreitet. «Das war ein heiliges Gefühl, zu dieser Orgel hochzusteigen, auf der schon Anton Bruckner, Louis Vierne oder Messiaen gespielt haben, um nur einige grosse Namen zu nennen.» Und jetzt sei es hart, diese Kirche brennen zu sehen.

Mit Notre-Dame ging nicht nur einzigartige Architektur in Flammen auf, sondern auch ein Symbol für Jahrhunderte französischer Musikgeschichte. Das berührt auch hier bei der St. Galler Dommusik spürbar.