Au-pair-Büro in St. Gallen schliesst

Den Verein Pro Filia St. Gallen gibt es seit bald 120 Jahren. Das Interesse der Jugendlichen an einem Au-pair-Jahr im In- oder Ausland ist in den vergangenen Jahren allerdings stark gesunken. Das bleibt nicht ohne Folgen.

Nina Rudnicki
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Zu den Aufgaben eines Au-pairs gehört auch die Betreuung von Kleinkindern. (Bild: ky/Gaetan Bally)

Zu den Aufgaben eines Au-pairs gehört auch die Betreuung von Kleinkindern. (Bild: ky/Gaetan Bally)

ST. GALLEN. Es hatte sich angebahnt, dass der Verein Pro Filia St. Gallen in diesem Sommer seine Büros schliessen musste. Zum einen, weil sich in den vergangenen Jahren immer weniger Jugendliche für ein Jahr als Au-pair etwa in der Westschweiz, im Tessin oder im Ausland interessiert haben. Zum anderen, weil Spenden wie etwa aus dem Kirchenopfer abnahmen. Und nicht zuletzt, weil der Bundesrat die Drittstaaten-Kontingente nach dem Ja zur Masseneinwanderungs-Initiative um einen Drittel kürzte. Da Au-pairs zum gleichen Kontingent gezählt werden wie Arbeitnehmer in der Wirtschaft, haben die Kantone diese massiv gekürzt oder gar gestrichen. «Und das, obwohl es noch viele offene Anfragen gab», sagt Margrit Gätzi aus Wittenbach, Präsidentin des Schweizerischen Verbands Pro Filia. Viele Gastfamilien konnten deshalb keine Au-pairs bei sich aufnehmen.

Schweizweit 500 Vermittlungen

Die Vermittlungen, die früher im St. Galler Pro-Filia-Büro bearbeitet wurden, werden ab sofort zwischen den Büros im Thurgau, in Chur und in Zürich aufgeteilt. Diese Neustrukturierungen dürfe man aber nicht so deuten, dass es unzeitgemäss geworden sei, als Au-pair zu arbeiten, sagt Gätzi. «Zwar haben wir in St. Gallen im vergangenen Jahr nur noch 22 Interessentinnen innerhalb der Schweiz, 34 aus dem Ausland und 8 ins Ausland vermittelt. In der ganzen Schweiz waren es allerdings insgesamt über 500 Personen.» Und ein Jahr lang an einem anderen Ort eine fremde Sprache zu lernen, sei noch immer eine gute Sache. Gerade auch für Familien, die es sich nicht leisten könnten, ihre Kinder in einen teuren Sprachaufenthalt zu schicken. Abgesehen von den Neustrukturierungen hat sich in den vergangenen Jahren auch im Arbeitsalltag der Pro-Filia-Vermittlerinnen einiges verändert. Etwa die Einstellung und Motivation vieler Jugendlicher, mit der die Mitarbeiterinnen konfrontiert sind. So entschieden sich laut Gätzi früher viele junge Frauen bewusst für ein Jahr als Au-pair, weil sie die von ihnen angestrebten Berufe wie etwa in der Pflege erst ab 18 Jahren erlernen durften. Heute sind viele der Ausbildungen schon ab 16 Jahren möglich. «Ein grosser Teil der Jugendlichen, mit denen wir heute zu tun haben, sind unentschlossen, nicht sehr belastbar und wissen nicht genau, was sie wollen. Das hat für unsere Büros viel mehr administrative und beratende Arbeit zur Folge», sagt sie.

Männliche Kinderbetreuer

Seit zehn Jahren werden zudem auch junge Männer vermittelt. Dabei handelt es sich laut Gätzi um Männer, die etwa darüber nachdenken, später eine Ausbildung als Kinderbetreuer zu beginnen. Allerdings seien höchstens fünf Prozent aller Interessenten männlich. Den Namen Pro Filia – also «Für Mädchen» – zu ändern, kommt für den Verband jedoch nicht in Frage. «Der Hauptzweck des Verbandes ist seit jeher, junge Frauen in der Fremde zu unterstützen. Und das soll so bleiben», sagt Gätzi.

So wurde vor fast 120 Jahren, im Jahr 1896, in Fribourg der Schweizerische Mädchenschutzverein gegründet. Durch die Industrialisierung und Verstädterung sei soziale Not entstanden, heisst es in der Verbandschronik. Viele junge, oft erst 14- oder 15jährige Mädchen verliessen ihr Zuhause, um ihren Lebensunterhalt in den Städten oder im Ausland zu verdienen. Der Verein war eine wichtige Anlaufstelle für sie.

Schutz vor Prostitution

Zwei Jahre später folgten kantonale Sektionen in Aargau, Appenzell, Luzern, Schwyz, St. Gallen und Zürich. Es war die Zeit der ersten Frauenbewegung. Zu den wichtigsten Forderungen gehörte damals, Frauen den Zugang zu Bildung zu verschaffen. Der Verein setzte sich für die Würde und die Stellung der jungen Frauen ein, begleitete sie während ihres Lebens in der Fremde und schützte sie vor Ausbeutung und Prostitution. Gätzi sagt: «Unsere Arbeit wird auch in Zukunft gefragt sein. Wir geben den Jugendlichen mit diesem Brückenangebot eine Chance, nicht nur etwas Neues kennenzulernen, sondern sich auch auf ihr künftiges Leben vorzubereiten.»