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ASYLWESEN: Hummels Spagat in der Neckermühle

Weil weniger Flüchtlinge in die Schweiz kommen, schliesst der Kanton St. Gallen die Neckermühle im Toggenburg. Bernard Hummel leitete die Asylunterkunft in den letzten sechseinhalb Jahren. Nun wird er pensioniert und blickt auf die Zeit dort zurück.
Christof Krapf
«Ich hatte immer mit Menschen zu tun, die sich entwickelten», sagt Bernard Hummel. (Bild: Urs Bucher)

«Ich hatte immer mit Menschen zu tun, die sich entwickelten», sagt Bernard Hummel. (Bild: Urs Bucher)

Christof Krapf

christof.krapf@tagblatt.ch

Wenn Bernard Hummel an seine Grenzen stösst, geht er manchmal in die Luft. Nicht emotional; sondern im wahrsten Sinne des Wortes. Dann packt er seinen Gleitschirm und fliegt los, denkt stundenlang an nichts anderes als an die Thermik, das Wetter und die Flugroute. «Das ist Erholung. Das Fliegen bedeutet mir viel», sagt er. Die letzten Jahre seines Berufslebens hielten für den 60-Jährigen so manche Grenzerfahrung bereit. Als Leiter der Asylunterkunft Neckermühle im Toggenburg war er für 80 Asylsuchende und 15 Mitarbeiter verantwortlich. Hummel erlebte in seiner Zeit die Auswirkungen des Arabischen Frühlings und der Flüchtlingskrise in der Schweiz hautnah. Hatte mit traumatisierten Menschen zu tun. Mit Menschen, die bangten und hofften. Mit Menschen, über denen immer das Damoklesschwert der Abschiebung hing.

Vier bis sechs Monate verbrachte ein Flüchtling in der Neckermühle und wartete auf den Asylentscheid. Hummel und sein Team waren dafür verantwortlich, die Wartezeit in diesem ungewohnten Umfeld erträglich zu gestalten. «Die Leute sollten zur Ruhe kommen», sagt der ehemalige Leiter. Nach dem Entscheid zum Verlassen der Heimat, der oft gefährlichen Flucht und den Tagen im Empfangszentrum sollten die Asylsuchenden in der Unterkunft zwischen Brunnadern und Mogelsberg ein Stück Alltag zurückbekommen. Hummel legte deshalb grossen Wert auf Eigenständigkeit: Die Neckermühle war eines der wenigen Asylzentren, in denen die Flüchtlinge selbst einkaufen und kochen mussten. In Lektionen wurden sie zudem auf ein Leben in der Schweiz vorbereitet; wann immer möglich durften sie gemeinnützige Arbeiten erledigen. «Die Bewohner sollten ihr Leben in die Hand nehmen. Wenn jemand nichts zu tun hat, verliert er seinen Selbstwert.»

Trauma und Alkohol ergeben eine explosive Mischung

«Entwicklung», dieses Wort benutzt Hummel oft, wenn er erzählt. Entwicklung sei der rote Faden in seinem Leben. Angefangen hat seine Entwicklung im Elsass. Hummel wuchs als Sohn eines Lehrers in einem Dorf auf, arbeitete später als Fernmeldetechniker für France Telecom in Strassburg – noch heute ist sein St. Galler Dialekt von einem leichten französischen Akzent gefärbt. Für eine Ausbildung im sozialen Bereich kam Hummel 24-jährig in die Schweiz – und blieb. Er arbeitete als Jugendarbeiter in der evangelischen Kirchgemeinde St. Gallen-Tablat, für die Pro Juventute und eine Versicherung, wo er Kaderleute ausbildete. «An all diesen Stationen hatte ich mit Menschen zu tun, die sich entwickelten.»

Vor gut sechs Jahren folgte der Wechsel in die Neckermühle, da war Hummel 53 Jahre alt. «Ich glaubte damals, dass ich mich beruflich nicht mehr weiterentwickeln würde», sagt er. Das Gegenteil war der Fall. Heute sagt Hummel: «Ich habe Lektionen gelernt, die tief gehen. Beispielsweise, was es für einen Menschen bedeutet, verzweifelt zu sein.»

Der Arbeitsalltag mit oft traumatisierten Menschen ging nicht spurlos an Hummel vorbei. «Vor allem während des Arabischen Frühlings war es nicht mehr lustig. Damals stiess ich oft an meine Grenzen.» Zeitweise fast jede Nacht musste er in die Neckermühle ausrücken und nach dem Rechten sehen. Am meisten Probleme bereiteten jene Asylsuchenden, die – trotz Alkoholverbot im Zentrum – exzessiv tranken. «Kommen bei einem Menschen ein Trauma und Alkohol zusammen, kann das unglaubliche Auswirkungen haben.» Die seltenen Fälle, in denen es in der Neckermühle zu Gewalt gekommen ist, führt Hummel auf diese Kombination zurück. Hingegen habe es kaum Probleme zwischen Angehörigen verschiedener Religionen oder Länder gegeben – obwohl zeitweise Asylsuchende aus 20 Nationen im Zentrum untergebracht waren.

Manchmal, da fragte sich Hummel auch nach scheinbar ruhigen Tagen, warum er am Abend so müde war. «Wenn man mit traumatisierten Leuten zu tun hat, dann ist das auch für einen selber belastend», sagte Hummel. Beim Erzählen kommt er immer wieder auf Schicksale aus seiner Zeit in der Neckermühle zu sprechen. Von auseinandergerissenen Familien, von einer Frau, die durch eine Vergewaltigung schwanger wurde, von einem Asylsuchenden mit Leukämie, der ausgeschafft werden musste, von einer Mutter, die nicht wusste, wo sich ihr Sohn befindet. «Das sind Geschichten, bei denen es einen fast zerreisst.» Beim Verarbeiten dieser Schicksalsschläge hat ihm die Autofahrt von der Neckermühle heim nach St. Gallen geholfen. Der 60-Jährige hörte klassische Musik, machte Atemübungen, analysierte Probleme. Am Feierabend setzte er sich aufs Rennvelo oder musizierte auf der Harfe oder Gitarre. «Wenn ich am Abend die Energie nicht mehr hatte, um die Harfe in die Hand zu nehmen, dann wusste ich, dass etwas nicht mehr gut ist.»

Arbeit mit Traumatisierten weiterführen

Den Arbeitsalltag in einer Asylunterkunft beschreibt Hummel als Spagat. Sein oberstes Ziel war es einerseits, jedem Asylsuchenden mit Respekt und Freundlichkeit zu begegnen – andererseits musste er auch durchgreifen, wenn sich jemand nicht an die Regeln hielt. «Mit Repression kommt man nirgends hin. Wir gaben den Tarif durch, aber immer mit Respekt und Würde.» Auch dazu fügt er ein Beispiel an: Ein Asylsuchender wurde immer wieder beim Schwarzfahren erwischt und hinterliess vor dem Wochenendurlaub keine Adresse seines Aufenthaltsortes. Hummel suchte das Gespräch mit dem Mann. Zeigte ihm auf, dass er mit einem solchen Verhalten kaum Chancen auf eine Aufenthaltsbewilligung haben würde. «Plötzlich meldete er sich vorschriftsmässig ins Wochenende ab und stotterte seine Bussen für das Schwarzfahren bei der SBB ab.»

Der Spagat hat für Hummel nun aber ein Ende. Weniger Flüchtlinge sind zuletzt gekommen und in Zukunft will die Schweiz vermehrt auf Bundesasylzentren setzen. Der Kanton St. Gallen hat die Neckermühle deshalb in der vergangenen Woche geschlossen – Hummel wird frühpensioniert. «Mir fiel eine Last von den Schultern, als ich die Türe zum letzten Mal abschloss», sagt Hummel. Die Arbeit mit traumatisierten Personen will er aber nicht aufgeben. Auf freiwilliger Basis will er in Zukunft mit verschiedenen Fachpersonen Wege finden, um solche Asylsuchenden noch besser zu betreuen, damit Integration gelingen kann. Bernard Hummel entwickelt also weiter. Auch im Ruhestand.

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