ASYLDRAMA: Ihr Schicksal scheint besiegelt

Seit Jahren setzt sich eine Gruppe des Solidaritätsnetzes Ostschweiz für den Verbleib der Flüchtlingsfamilie Yaprak ein. Alle Appelle und rechtlichen Mittel waren vergebens. Letzte Hoffnung verspricht ein Härtefallgesuch mit Blick auf die Kinderrechte.

Marcel Elsener
Drucken
Teilen
Bangen nach wie vor um Asyl: Die drei Buben und drei Mädchen von Yasemin Yaprak in der Wiler Altstadt. (Bild: Toni Kappeler/PD)

Bangen nach wie vor um Asyl: Die drei Buben und drei Mädchen von Yasemin Yaprak in der Wiler Altstadt. (Bild: Toni Kappeler/PD)

Marcel Elsener

marcel.elsener@tagblatt.ch

Die sechs schauen glücklich aus, Toni Kappeler hat sie unweit ihrer Wohnung in der Wiler Altstadt fotografiert: Eyüp (14), Elif (12), Gülsenur (11), Sahra (9), Kerem (7), Boran (4). Das Lachen der Kinder, die bis auf den Jüngsten alle in Wil zur Schule gehen, kaschiert ihre innere Verzweiflung. «Die Familie ist psychisch am Ende», sagt Kappeler. Der grüne Thurgauer Kantonsrat erzählt die Leidensgeschichte von Yasemin Yaprak und ihrer Kinder: «Das Martyrium, das sie in der Türkei erdulden mussten, geht in anderer Form hier in der Ostschweiz weiter.» Dieses Martyrium zu beenden, dafür engagiert sich Kappeler mit Gleichgesinnten. Der Münchwiler lernte die Familie durch seine Wiler Partnerin Rita Schmid kennen, die Yapraks während der Zeit in der Flüchtlingsunterkunft Seeben betreute. Ein Teil des Dramas sei dort begründet: «Die in Ebnat-Kappel sehr gut eingeschulten Kinder wurden während ihres zweijährigen Zwangsaufenthalts in Seeben schlecht beschult. Ohne die schulische Unterstützung von Toni Kappeler wären sie extrem benachteiligt geblieben», sagt die Familienberaterin Schmid. «Da hätte die Schweiz eine Wiedergutmachungspflicht, nach allem, was dort passiert ist.»

In der Not in Wil kirchliches Asyl gefunden

Das Asyldrama ist der Öffentlichkeit seit zwei Jahren bekannt; es ist die unsägliche Geschichte einer zwangsverheirateten und in der Ehe körperlich und sexuell misshandelten Kurdin, die 2010 aus der Südtürkei in die Schweiz flüchtete und um Asyl ersuchte. Im Mai 2015 wehrte sich eine Gruppe von asylrechtlich engagierten Leuten gegen den Ausreisebefehl des St. Galler Migrationsamtes für die Familie, nachdem alle Beschwerden ihrer Rechtsvertreter abgewiesen worden waren. «Kurdische Kinder bangen um Asyl», titelte unsere Zeitung, in der Folge ist die haarsträubende Behandlung der Familie in Seeben ein Thema: «Schikanen und Häme im Heim.»

Was ist seither passiert? Die Unterstützung hat der psychisch angeschlagenen Mutter und ihren Kindern geholfen: Sie blieben trotz abschlägiger Asylbescheide bis heute von einer Rückschaffung in die Türkei verschont. Seit dem Auszug aus Seeben lebt die Familie im «kirchlichen Asyl» in Wil, zunächst im Frauenkloster St. Katharinen, dann in Wohnungen der evangelischen und heute der katholischen Kirchgemeinde. Die Gemeinde richtet Nothilfe aus, Kirche und Solidaritätsnetz übernehmen die Mietkosten. Yasemin Yaprak leidet aufgrund der gewalttätigen Zwangsehe und der strapaziösen Jahre unter einer Depression, die immer wieder Klinikaufenthalte nötig macht und zu mehreren Suizidversuchen führte. Im Haushalt und in der Erziehung hilft Bayram Yasar, der Jugendfreund, mit dem sie die beiden jüngsten Kinder hat.

Der Familie gehe es verhältnismässig gut, sie sei weitgehend integriert und pflege Kontakte in die Nachbarschaft, sagt ihre engste Betreuerin, Marianne Albrecht. Die Freude der pensionierten Wiler Sozialarbeiterin gilt der Entwicklung der traumatisierten Kinder: «Mit Hilfe von therapeutischen Behandlungen konnten sie sich schulisch und persönlich entwickeln. Sie erhalten grösstenteils gute Noten, sprechen Schweizerdeutsch und haben Freunde gefunden. Trotz ihrer Armut sind Eltern und Kinder aufgeschlossen, grosszügig und hilfsbereit.» Albrecht nennt weitere Beispiele für die Integration: Man teile westliche Wertvorstellungen und besuche regelmässig Elternabende, Mutter und Töchter verzichteten aufs Kopftuch, die älteren Kinder hätten freudig an Winter- und Sommerlagern teilgenommen.

Das momentane Glück ist trügerisch, denn über der Familie hängt das Damoklesschwert der drohenden Ausschaffung, sagt Toni Kappeler. «In der Türkei haben die Mutter und ihre Kinder keine Zukunft.» Vielmehr würden sie dort brutal von ihrer Geschichte eingeholt: Die Familie des Ehemanns hat mit Ehrenmord gedroht, von der eigenen Familie wurde die Frau verstossen. Die vier älteren Kinder kämen wahrscheinlich in die Obhut ihres Vaters, der wegen seiner Gewalttätigkeit von den Schweizer Behörden ausgeschafft wurde. Zudem drohe den kurdischen Kindern die Ächtung in Schule und in Gesellschaft, wie die Helfergruppe betont. Und die finanzielle Not sei absehbar: Eine angemessene Sozialhilfe gebe es nicht, stattdessen seien die – hier verfeindeten – Familienclans gefordert. Unvorstellbar, so Kappeler: «Sollen sich die Kurden an einen Staat wenden, der unter Erdogan zunehmend islamistischer wird und Krieg gegen die Kurden führt?» Wie gross die Angst der Familie vor einer Rückschaffung ist, belegt der Selbstmordversuch der zwölfjährigen Elif: Sie glaubte, sie könne damit die Chance ihrer Liebsten erhöhen, in der Schweiz bleiben zu können.

Das Asyldrama füllt Ordner: Alle Bemühungen der Gruppe, ob Briefe und Petitionen oder rechtliche Schritte, waren vergeblich – abgesehen vom Zeitaufschub, den sie bewirkten. Eine ermüdende Endlosschlaufe, bedauert Marianne Albrecht, die persönlich an den St. Galler Justizdirektor Fredy Fässler appellierte. Die drei Asylgesuche der Mutter wurden von allen Instanzen abgelehnt, nicht zuletzt weil sie im ersten Antrag zu einer Notlüge gegriffen hatte. Und die Asylgesuche für die älteren Kinder blieben chancenlos, weil die Schweizer Behörden das Schicksal der Kinder an die Eltern knüpfen. Ausserdem verwiesen die Gerichte auf einen ausreichenden Kinderschutz in der Türkei und trauten den dortigen Behörden zu, «gegen das Phänomen der Ehrenmorde effektiv vorzugehen». Dies sei angesichts der aktuellen Entwicklung fraglich, sagt Kappeler: Obwohl Erdogans AKP den Schutz der Frauen rechtlich verstärkte, komme es aufgrund ihrer rückschrittlichen Politik zu vermehrten Morden.

Die Asylverfahren sind laut dem Juristen Klausfranz Rüst ausgereizt, er sieht «in der Schweiz keine Chance mehr». Hängig ein Wiedererwägungsgesuch für die jüngste Tochter, aussichtslos die Beschwerde gegen den Befund der Kesb Wil-Uzwil, die Gefährdung der Kinder nicht anzuerkennen. Dass der Kindesschutz bei Asylsuchenden zwischen die behördlichen Stühle von Kesb und Migrationsämtern fällt, will die Gruppe nicht akzeptieren. Sie erwägt den Gang an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, der den Kindesschutz jüngst stärker gewichtete. Die Schweiz habe die Kinderkonvention der UNO unterzeichnet, beachte sie aber kaum, sagt Hannelore Fuchs, Rechtsanwältin bei der Beobachtungsstelle für Asyl- und Ausländerrecht. Als letzte Möglichkeit für die Yapraks bleibe das Härtefallgesuch: «Die Situation der Kinder erfüllt alle Voraussetzungen.» Ein solches Begehren können abgewiesene Asylbewerber stellen, die während fünf Jahren in der Schweiz Wurzeln geschlagen haben und von einer Wegweisung «ausserordentlich» betroffen wären. Wenn die Gesundheit gefährdet ist, kann eine rein humanitär begründete Aufenthaltsbewilligung erteilt werden.

Justizdepartement muss über Härtefall entscheiden

Das Härtefallverfahren ist beim St.Galler Justiz- und Polizeidepartement hängig, wie dessen Rechtsdienst bestätigt. Es entscheidet, ob das Gesuch dem Migrationsamt des Bundes vorgelegt wird. Jenes prüfe dann, ob der Härtefall begründet sei, sagt Fuchs. Immerhin gebe es für diesen Entscheid Rechtsmittel auf Bundesebene. Der Härtefall sei hier «vor allem aus der Perspektive der Kinder zu beurteilen», erklärt die Rechtsanwältin und zitiert die Konvention (siehe Kasten). Die Kinder, eines war von sexueller Gewalt betroffen, seien «besonders vulnerabel». Nach den erschütternden Erfahrungen in Seeben würde sie eine Wegweisung erneut aus beruhigten Verhältnissen herausreissen und «irreparablen Schaden verursachen». Mit Blick aufs Kindeswohl dürfe ihnen dies nicht zugemutet werden. Die Gruppe schrieb in einem Appell an den Bund: «Wir dürfen doch nicht Plätze und Strassen nach Paul Grüninger benennen und eine solche Ausweisung akzeptieren.»