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ARCHITEKTUR: Kühne Pläne im Herzen St.Gallens - ein Blick zurück

Mal sind Bauten hochwillkommen, als Ausdruck einer neuen Zeit, mal werden sie heftig bekämpft. Die Kantonshauptstadt kennt beides aus den 1960er-Jahren: HSG und Theater setzen sich durch. Beim Regierungsgebäude freilich hat der Spass ein Ende.
Rolf App
Kathedrale, Klosterplatz und das historische Ensemble mit dem früheren Zeughaus bleiben von einst geplanten Glas- und Beton-Neubauten verschont. (Bild: Urs Bucher)

Kathedrale, Klosterplatz und das historische Ensemble mit dem früheren Zeughaus bleiben von einst geplanten Glas- und Beton-Neubauten verschont. (Bild: Urs Bucher)

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@tagblatt.ch

Der 2002 verstorbene Grafiker, Maler und Karikaturist René Gilsi hatte eine ziemlich spitze Feder, die er, wenn nötig, auch einmal in lokalpolitischer Hinsicht einsetzte. «Gallus Oil» ist so ein Fall. 1963 zeichnet er die Kathedrale, wie sie sein müsste, wenn sie mit dem geplanten neuen Zeughausflügel harmonieren will: Mit einem Turm, der zum modernen Glas-Hochhaus mutiert ist, samt Helikopterlandeplatz auf der Spitze. Auch eine umfangreiche handschriftliche Legende zum Bild hat Gilsi verfasst. Sie enthält eine ziemlich schwülstige Rede der Regierung zur Einweihung dieses neuen Flügels. «Nicht tote Konservierung abgelebter Stilformen» sei für ein fortschrittliches Gemeinwesen massgebend, heisst es da etwa. Die Architektur müsse «den Forderungen formschöpferischen Gegenwartsbewusstseins» genügen, die «Baugesinnung» müsse von Zukunftsglauben erfüllt sein.

Die St.Galler sind durchaus offen für Neues

Doch die Ansprache ist nie gehalten worden, Gilsis Karikatur ruht im Staatsarchiv St.Gallen und gibt Zeugnis von einer kurzen, harten Debatte, die in einer bestens besuchten Versammlung des Verkehrsvereins gipfelt. Und dem raschen Rückzieher der Regierung. Dabei stehen die St.Galler dieser modernen, mit Beton und Glas bauenden Architektur keineswegs ablehnend gegenüber, wie sich in dieser Zeit zeigt. 1963 wird der Neubau der Hochschule eingeweiht, 1968 das alte Theater abgebrochen und ein neues am Stadtpark gebaut. Zwischen 1973 und 1976 schiesst am Bahnhof ein neues Rathaus in die Höhe, 1977 muss ganz in der Nähe die alte «Helvetia» der Kantonalbank weichen. Was dann allerdings zu massiven Verwerfungen führen wird.

Ähnlich hitzig wie 1977 geht es schon 1963 zu, dabei hat alles in grosser Minne angefangen. Zumal der sogenannte Zeughausflügel schon länger das Sorgenkind des Kantons ist. 1805 ist das ganze Klosterareal in den Besitz des neuen Kantons St.Gallen übergegangen, ein Teil davon wird später der Kirche zurückgegeben.

Weil sie ein Bistum errichten wollen, kaufen die Katholiken 1824 einige Gebäude dazu als bischöfliche Residenz. Der Vertrag verzeichnet unter anderem ein Stallgebäude «samt der Misthäufe und den gegen Westen vorstossenden Kramladen und die Mezge». Wo heute das Kantonsgericht tagt, wo Staatsarchiv und Stiftsarchiv ihre Bestände lagern, da liegt dannzumal noch bischöfliches Terrain. Bis der junge Kanton ein neues Zeughaus braucht. Und weil die Kirche zu viel verlangt, enteignet der Kanton ihren Besitz kurzerhand und lässt sich zwischen 1838 und 1841 vom Altstätter Architekten Felix Wilhelm Kubli «in einer Art florentinischer Frührenaissance» den Zeughausflügel bauen.

Zeugnis einer heftigen St.Galler Baudebatte: René Gilsis Karikatur «Gallus Oil» aus dem «Nebelspalter», Ausgabe 18.9.1963. (Bild: Staatsarchiv St.Gallen)

Zeugnis einer heftigen St.Galler Baudebatte: René Gilsis Karikatur «Gallus Oil» aus dem «Nebelspalter», Ausgabe 18.9.1963. (Bild: Staatsarchiv St.Gallen)

«Ein Flachdach kann verantwortet werden»

Irgendwann wird auch der zu klein, das Militär zieht auf die Kreuzbleiche. Und das ehemalige Zeughaus verfällt. Schon in den 1920er-Jahren denkt die Regierung an Um- oder Neubau, 1946 und 1955 werden Projekte ausgearbeitet, die aber am fehlenden Geld scheitern. Eine Motion des Wiler Kantonsrats Klingler gibt dann den Anstoss zu einem weiteren Architekturwettbewerb, dessen Resultate 1963 präsentiert werden. Schon im Vorfeld hat die – auch mit zwei Regierungsräten bestückte – Jury deutlich gemacht, dass sie sehr weit zu gehen bereit sei. «Die Projektierung muss sich in Volumen und Massstab in die bestehenden Verhältnisse einfügen», heisst es da zwar. Sie sei aber «nicht an historische Bauformen gebunden. Ein Flachdach kann verantwortet werden.»

Der letzte Satz entpuppt sich als veritables Eigengoal. Die insgesamt 57 eingereichten Projekte versuchen dem Klosterplatz einen modernen Akzent zu verleihen. Glas und Beton beherrschen die Fassaden, die entworfenen Gebäude passen in ihre historische Umgebung wie die Faust aufs Auge. Und die Menschen sind empört. Zum Showdown kommt es bei der Generalversammlung des Verkehrsvereins. Ein einziger Redner unterstützt den Präsidenten des Preisgerichts, alle andern üben vernichtende Kritik. Nachdem auch in Architektenkreisen Bedenken aufkommen, schwenkt die Regierung um und verlegt sich aufs Renovieren.

Die Auseinandersetzung um die «Helvetia»

Die allgemeine Anerkennung ist der Regierung damit sicher. «Der Verzicht war umso entscheidender, als wir uns hier im Herzen der Stadt und auf ihrer denkmalpflegerischen Intensivstation befinden», stellt einige Jahre später Albert Knoepfli fest, erster Thurgauer Denkmalpfleger und von 1972 an Leiter des ETH-Instituts für Denkmalpflege. Es beeindrucke, «wie sonst das kulturelle Erbe in St.Gallen gehegt und gepflegt wird», vermerkt er anerkennend – und kommt dann zur Kritik. Dass 1977 das von Johann Christoph und Julius Kunkler zwischen 1876 und 1878 errichtete Hauptgebäude der Versicherungsgesellschaft Helvetia dem Neubau der St.Gallischen Kantonal- bank habe weichen müssen, bezeichnet Knoepfli als «Rückfall in denkmalpflegerische Eiszeiten». Zu dem es trotz vehementem Widerstand gekommen ist. «Man wollte keine Alternative, schichtete aber alle Argumente gegen die Erhaltung der Helvetia zu ansehnlichen Barrikaden», fasst Knoepfli zusammen. Nur etwas lässt er gelten: Dass man dem Quartier durch den Abbruch des alten Bahnhofs und des alten Rathauses bereits so übel mitgespielt habe, dass die Helvetia also einigermassen einsam in der Gegend stand.

Positive Auswirkungen sieht der Denkmalpflege-Spezialist gleichwohl. Wie die Debatte um das Regierungsgebäude für das historische Zentrum sensibilisiert, so weckt die Auseinandersetzung um die Helvetia Verständnis für die Hinterlassenschaft des 19. Jahrhunderts.

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