ARCHITEKTUR: Ein Wesen, das zum Sprung ansetzt

Heute wird die Taminabrücke offiziell eröffnet und für den Verkehr freigegeben. Ein Blick auf die Brückengeschichte der Schweiz - und eine Würdigung.

Rahel Hartmann Schweizer
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Mit ihren 265 Metern Spannweite zählt die Taminabrücke zu den grössten Bogenbrücken Europas. (Bild: Ralph Ribi)

Mit ihren 265 Metern Spannweite zählt die Taminabrücke zu den grössten Bogenbrücken Europas. (Bild: Ralph Ribi)

Rahel Hartmann Schweizer

ostschweiz@tagblatt.ch

Seit jeher fordert die Topografie die Schweiz heraus. Bewältigt wird sie mit Durchstichen und Überbrückungen. In der Schweizer Tunneldatenbank sind 1329 Durchstiche verzeichnet und das Schweizer Schienennetz ist mit 8200 Brücken bestückt, die Autobahnen mit deren 3000. Und heute wird die höchste Brücke der Schweiz dem Verkehr übergeben. Beide technischen Errungenschaften sind mit berühmten Legenden verbunden. Eine Statue der einst von einem sich spaltenden Fels geretteten heiligen Barbara halten die Mineure bei jedem Tunnelbau in Ehren. Und um die Teufelsbrücke dreht sich eine der berühmtesten Schweizer Sagen, die den Pakt der Urner mit dem Teufel für den Brückenbau beschreibt. Um als Gegenleistung nicht die versprochene Menschseele opfern zu müssen, schickten sie einen Ziegenbock über den Steg. Das versetzte den zweifelhaften Geschäftspartner so in Rage, dass er die Brücke mit einem Felsblock zu zerstören drohte. Als eine gläubige Frau sich ihm entgegen stellte und ein Kreuz in den Stein ritzte, verlor er die Fassung und verfehlte sein Ziel. Der Stein fiel die Schöllenenschlucht hinunter und überdauerte die Jahrhunderte als «Teufelsstein».

Die Brücke ist so im kollektiven Gedächtnis verankert, dass selbst in der Kartografie eine Darstellung von ihr eingesetzt wurde und zwar auf der schweizerischen Standardkarte des 18. Jahrhunderts, der «Nova Helvetiae Tabula Geographica» (1713) von Johann Jakob Scheuchzer. Die Vignette der Teufelsbrücke wurde unter anderem begleitet vom Luzerner Drachen. (Drachen gab es auch im Drachenloch bei Vättis im Taminatal, und von diesem Fabelwesen gibt es von Scheuchzer ebenfalls eine Darstellung von 1723.)

Bild: Ralph Ribi
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Mit ihren 265 Metern Spannweite zählt die Taminabrücke zu den grössten Bogenbrücken Europas. (Bild: Ralph Ribi)
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Der Landschaft den Schrecken genommen

Ehe die Landschaftsmalerei deren Schönheit entdeckte, wurde der topografischen Rauheit und landschaftlichen Wildheit mit wissenschaftlicher Annäherung beizukommen versucht. Ein Meilenstein wurde an der Landesausstellung 1883 präsentiert: die 1832–1865 unter der Leitung von Guillaume-Henri Dufour erstellte «Topographische Karte der Schweiz». Das nahm der Landschaft den Schrecken und so verwundert es nicht, dass die Vermessung von Bergen und Tälern ihre Überwindung beförderte. Dufour war denn auch Brückenbauer und zeichnete etwa 1823 zusammen mit Marc Séguin und Marc-Auguste Pictet verantwortlich für die erste mittels Drahtkabeln errichtete Hängebrücke Europas: Die Passerelle Saint-Antoine. Eine der spektakulärsten Hängebrücken schufen Conzett, Bronzini & Gartman mit dem ersten und zweiten Traversinersteg Via Mala in Rongellen (1996 und 2005). Nach ihrer tragwerksspezifischen Bauweise sind neben den Hängebrücken auch die Schrägseilbrücken bezeichnet, wie die Sunnibergbrucke in Klosters von Christian Menn und Banziger+Partner (1998).

Der Fokus auf dem Material liegt bei den folgenden Brücken, von denen einige der bemerkenswertesten im Einzugsgebiet dieser Zeitung liegen: Landwasser-Viadukt der RhB bei Filisur, 1902 (Natursteinbrücke), Kappelbrucke in Luzern, um 1300 (Holz), Rheinbrucke bei Reichen­au (Stahl), Langwieser-Viadukt der Chur-Arosa-Bahn, 1914, ­Salginatobelbrucke bei Schiers, Robert Maillart, 1930, Rheinbrucke bei Tamins, Christian Menn,1962, (Beton, Stahlbeton und Spannbeton), Schmalztobel-Viadukt der RhB, Chur-Arosa, Banziger+Partner, 1994 (Verbundbrucke: Stahltrager und Betonplatte bzw. -trog). Die Vermessung ging einher mit der landschaftlichen Faszination: Auf die objektivierte Darstellung der Wissenschaftler reagierte die Kunst mit individueller Anschauung. Die Gemälde Giovanni ­Segantinis etwa prägen unsere Wahrnehmung der Berge bis heute. «Nicht umsonst haben sich viele Maler Brücken als Motiv gewählt», schreibt der erwähnte Ingenieur Dialma Jakob Bänziger. Der Erbauer des Sitterviadukts, der Autobahnzwillingsbrücke A1 in St. Gallen (1980–1983), weiss, dass Kunst und Technik zusammengehören, wenn die Landschaft im Blick ist und beherzigte es mit «feu sacré» 1991 bei der Hundwilertobelbrucke. Er konzipierte den Bau der Bogenbrücke mit aufgeständerter Fahrbahn im Bogenklappverfahren, sodass er ohne Lehrgerüst auskam und die Talsohle nicht berührt wurde.

Tragfähigkeit mit Formschönheit gepaart

Analog verfuhr das Stuttgarter Ingenieurbüro Leonhardt, Andrä & Partner bei der ebenfalls als Bogenbrücke mit aufgeständerter Fahrbahn entworfenen Taminabrücke, allerdings im Freivorbau mittels Hilfspylonen und Rückhaltekabeln von beiden Talflanken her in Richtung Scheitelpunkt. In dem eleganten Bogen paaren sich Tragfähigkeit und Formschönheit, die Voraussetzung dafür, dass Brücken nicht als Barrieren die Topografie negieren, sondern ihren spektakulären Aspekt inszenieren. Sie ist von einer Spannung, Leichtigkeit und Dynamik, dass sie wirkt wie die Momentaufnahme eines Wesens, das zum Sprung über das Tal ansetzt. Dem geflügelten Ungeheuer im Drachenloch dürfte ebenso die feurige Spucke wegbleiben, wie einst der Teufel ob des Muts eines Menschenkindes erschrak.