Zwei Teile sind nicht verbrannt

Die Chororgel in der Basilika St. Ulrich in Kreuzlingen ist seit 50 Jahren im Einsatz. Das Gehäuse und das Wappen sind allerdings älter, weil sie nach der Auflösung des Klosters verkauft und so vom Grossbrand 1963 verschont wurden.

Nicole D'orazio
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Die Chor-Orgel ist die kleinere der beiden in der Kirche St. Ulrich. (Bilder: Nicole D'Orazio)

Die Chor-Orgel ist die kleinere der beiden in der Kirche St. Ulrich. (Bilder: Nicole D'Orazio)

KREUZLINGEN. Sie ist etwas versteckt. Die Chororgel in der Basilika St. Ulrich in Kreuzlingen. Kommt man in die prächtige Kirche hinein, muss man zuerst durchs Gitter spähen, ehe man sie rechts an der Wand erkennt. Die Chororgel wird in diesem Jahr 50 Jahre alt. In der Nacht vom 19. auf den 20. Juli 1963 brannten die Kirche und das angrenzende Konviktgebäude grösstenteils ab. «Der Chorraum wurde zuerst wieder aufgebaut, somit auch die Orgel», erzählt André Simanowski, Hauptorganist in der Basilika. «Sie ist deswegen zwei Jahre älter als die grössere Hauptorgel auf der Empore.»

Niemand kennt die beiden Orgeln so gut wie Simanowski. «Auf der Chororgel spiele ich etwa ein Drittel meiner 335 Einsätze im Jahr.» Vor allem bei kleineren Gottesdiensten werktags sei er so näher am Pfarrer und den Gläubigen dran, erzählt er.

851 Pfeifen in 13 Registern

Das Instrument wurde 1966 von den Orgelbauern Neidhart und Lhôte gebaut. Die Orgel hat 851 Pfeifen, die in 13 Register unterteilt sind. «Es ist vom Stil eine norddeutsche Orgel und barock-inspiriert», erklärt Simanowski. Der Geschmack der Leute habe sich in der Vergangenheit immer wieder geändert. So wurden nicht nur die Interieurs der Kirchen den verschiedenen Epochen angepasst, sondern auch die Instrumente. 1764 sei die Kirche St. Ulrich im Innern im Stil des Rokoko umgestaltet worden, so auch die Orgeln.

Zur Chororgel gebe es zwei tolle Geschichten, sagt der Organist. «Das Gehäuse ist noch original und vom Grossbrand verschont worden. Das aber nur, weil es nach Pfyn verkauft worden war.» 1853 seien das Kloster Kreuzlingen aufgelöst und die Besitztümer veräussert worden. «Die Orgel wurde damals für 500 Franken weggegeben.» Ihr Innenleben sei mehrmals umgebaut worden, aber das Gehäuse sei noch original. «Nach dem Brand hat man sich daran erinnert und konnte es zurück erwerben.»

Wappen wieder gefunden

Auch das Kreuzlinger Wappen, das sich oben in der Mitte der Orgel befindet, hat eine längere Reise hinter sich. Auch dieses wurde nach der Klosteraufhebung verkauft. «Jemand aus der Gemeinde hat es 1994 zufällig bei einem Kunsthändler in Deutschland wiederentdeckt. Die Kirchgemeinde hat es dann für einen stattlichen Betrag von einigen tausend Franken zurückkaufen können.» Seit da hängt es wieder an seinem rechtmässigen Platz.

André Simanowski ist seit acht Jahren als Hauptorganist in St. Ulrich tätig. «Mit acht Jahren habe ich begonnen, Klavier zu spielen und habe dann auch mal eine Orgel ausprobiert, was mir gefallen hat», erzählt er. Er studierte Theologie und war dort der einzige Organist. «Ich musste also immer spielen und habe geübt wie verrückt», erinnert er sich und lacht. «Nebenamtlich liess ich mich dann noch zum Organisten ausbilden.» Denn Orgel zu spielen sei sehr anspruchsvoll. Man spielt nicht nur mit den Händen, sondern habe auch mit den Füssen eine Stimme. «Das erfordert eine hohe Konzentration.» Er hat Orgel in Winterthur studiert, wo er seine Frau kennenlernte.

In St. Ulrich fühlt er sich sehr wohl. Die Stücke für die rund 300 Gottesdienste im Jahr sucht er passend zu den Anlässen aus. «Bach ist für jeden Organisten der Olymp», sagt er. «Ich mag aber auch die Stücke von Nicolaus Bruhns sehr gerne. Leider gibt es nur wenige, weil er jung gestorben ist.» Toll finde er auch die Werke von Louis Vierne. «Egal was ich auswähle, ich übe täglich zwei Stunden.»

Blick ins Innenleben der Chor-Orgel mit den 851 Pfeifen.

Blick ins Innenleben der Chor-Orgel mit den 851 Pfeifen.

André Simanowski sitzt am Spieltisch der Chororgel.

André Simanowski sitzt am Spieltisch der Chororgel.