ZUSAMMENSCHLUSS: «Es ist wie mit den Kindern»

Die Katholischen Kirchgemeinden von Altnau, Güttingen und Münsterlingen wollen sich zusammenschliessen. Projektkoordinator Marc Derungs ist zuversichtlich, dass die Mitglieder nächsten Frühling Ja zur Fusion sagen.

Martina Eggenberger Lenz
Merken
Drucken
Teilen
Der Güttinger Kirchenpräsident Marc Derungs hat viele Argumente, die für den Zusammenschluss sprechen. (Bild: Donato Caspari)

Der Güttinger Kirchenpräsident Marc Derungs hat viele Argumente, die für den Zusammenschluss sprechen. (Bild: Donato Caspari)

Herr Derungs, Sie wollen die drei Katholischen Kirchgemeinden Altnau, Güttingen und Münsterlingen fusionieren. Warum?

Marc Derungs: Da gibt es interne und externe Gründe. Einerseits müssen wir alle bis Januar 2018 auf das neue Rechnungslegungsmodell HRM2 umstellen. Hier sehen wir, dass wir einige Ressourcen einsparen können, wenn wir statt der heute vier Rechnungen der drei Kirchgemeinden und des Seelsorgeverbandes nur noch eine und von einer Person erarbeiten lassen müssen. Ausserdem wird es für uns zunehmend schwieriger, Personen für die Vorsteherschaft zu finden. Wir stellen fest, dass immer weniger bereit sind, sich zu engagieren und Verantwortung zu übernehmen.

Von solchen Problemen hat man in anderen Behörden gehört, aber nicht unbedingt von ihren Kirchgemeinden. Ist es wirklich so schlimm?

Derungs: Stimmt, wir konnten bislang immer alle Ämter besetzen. Aber das auch nur, weil sich so viele von uns über so viele Jahre engagieren. Es ist allerdings kein Geheimnis, dass Brigitta Rölli, Markus Gmünder und ich aufhören wollen, also alle drei heutigen Präsidenten.

Die drei Kirchgemeinden haben heute zusammen 15 Vorsteherschaftsmitglieder. Wie viele sollen es in Zukunft sein?

Derungs: Unsere Idee ist, dass wir mit sieben Personen starten. Diese sieben sollen im ersten Übergangsjahr alles Bisherige sein, weil sie noch über das Know-how verfügen. Danach sollen Neue übernehmen. Wichtig ist uns, dass die drei heutigen Kirchgemeinden eine angemessene Vertretung im Gremium haben.

Das ist jetzt nicht sehr konkret. Was verstehen Sie unter einer angemessenen Vertretung?

Derungs: Im Fusionsvertrag wird von einer angemessenen Vertretung die Rede sein. Es gibt keinen spezifischen Verteilschlüssel, aber wir haben auch jetzt immer auf eine breite Abstützung der Behörde geachtet. Es ist leider nicht immer einfach, aus allen Orten einen Vertreter gewinnen zu können.

Sie hoffen, dass es mit der neuen grossen Kirchgemeinde einfacher sein wird, Leute zu finden.

Derungs: Ja, eines unserer Ziele ist es, Verwaltungsabläufe zu vereinfachen und Personalressourcen besser zu nutzen. Immerhin sind wir ein KMU mit 18 Angestellten. Zusammen haben wir mehr Stellenprozente für die wichtigen Ämter. Das heisst, sie können auch angemessener und fairer entschädigt werden und gewinnen an Attraktivität. Ich sehe vor allem ein Potenzial bei den gutausgebildeten Frauen, die sich vielleicht in einer Familienphase befinden und Teilzeit arbeiten können.

Sie haben vorhin die Einführung des neuen Rechnungslegungsmodells erwähnt. Gibt es sonst noch externe Gründe, die für eine Fusion sprechen?

Derungs: Ja, die Revision des Kirchenorganisationsgesetzes, das ab 2020 gilt. Die Landeskirche wird in Zusammenhang mit diesen Kirchgemeinden, die mehr als 40 Prozent ihres Budgets an einen Seelsorgeverband abliefern, Fusionen nahe legen.

Ist das bei Ihnen der Fall?

Derungs: Ja, sowohl Altnau wie Güttingen und auch Münsterlingen steuern rund 40 bis 50 Prozent ihres Etats an den Seelsorgeverband bei. Die Landeskirche könnte also einen Antrag auf Fusion stellen.

Dem wollen Sie zuvorkommen.

Derungs: Aus meiner Sicht ist jetzt genau der richtige Zeitpunkt, die Fusion voranzutreiben. Jetzt ist das Wissen in den Vorsteherschaften noch vorhanden. Wenn eine ganz neue Behörde diesen arbeitsintensiven Hosenlupf machen muss, dann wird es schwierig.

Oft entscheiden Stimmbürger nach dem Portemonnaie. Ist die neue Kirchgemeinde günstiger oder teurer als die drei bisherigen?

Derungs: Wir streben einen Steuerfuss von 16 Prozent an. In Altnau und Güttingen ist er aktuell höher, Münsterlingen liegt momentan einen Prozentpunkt tiefer. Es stehen keine grösseren Investitionen an, die Liegenschaften sind à jour, und alle drei Kirchgemeinden verfügen über ein solides Eigenkapitalpolster sowie Rückstellungen. Der Spielraum betreffend Steuerfuss ist allerdings nicht sehr gross. Auf 15 Prozent runterzugehen wäre gefrevelt.

Die neue Kirchgemeinde hat dann 3500 Mitglieder. Wie sieht die Tendenz aus?

Derungs: Zunehmend. Einerseits verdanken wir das dem allgemeinen Bevölkerungswachstum, vor allem aber der Migration. Spanier, Portugiesen, Italiener und so weiter sind katholisch – und sie treten kaum aus der Kirche aus.

Zurück zur Fusion: Es gibt sicher auch Kirchbürger, die befürchten, im neuen Gebilde nicht mehr so viel mitbestimmen zu können.

Derungs: Das Gegenteil ist der Fall. Der heutige Seelsorgeverband wird von Delegierten aus den Kirchgemeinden gelenkt, die Kirchbürger haben keinen direkten Einfluss. Aus demokratischer Sicht ist das fragwürdig. In Zukunft werden alle an den Versammlungen mitbestimmen können.

Apropos Versammlungen: Wo werden diese statt finden?

Derungs: Voraussichtlich alternierend im Martinshaus Altnau und im Begegnungsraum Münsterlingen. Der öffentlich-rechtliche Sitz der Kirchgemeinde ist wie bereits beim geographisch deckungsgleichen Seelsorgeverband Güttingen.

Haben Sie auf die Ankündigung, die Fusion vorzubereiten, Reaktionen erhalten?

Derungs: Bis jetzt ist es sehr ruhig. Ich gehe mal davon aus, es ist wie mit den Kindern: Wenn man nichts hört, ist alles in Ordnung (lacht). Ich hoffe, dass sich jene Personen, die dem Projekt kritisch gegenüberstehen, bei mir melden, um zu diskutieren. Momentan bin ich sehr zuversichtlich, dass alles klappt.