ZUGEBISSEN: Die Uesslinger sind hin- und hergerissen

Nachdem wahrscheinlich mehrere Schafe des Uesslinger Bauern Urs Maier von einem Wolf gerissen worden sind, herrscht Uneinigkeit in der Thurgauer Gemeinde: Hat der Wolf im Thurgau Platz oder nicht?

Miranda Diggelmann
Drucken
Teilen

«Dass ein Wolf in unsere Gegend kommt, damit hat definitiv niemand gerechnet», sagt Nadine Hausammann, die mit ihrem Mann ein Weingut in Uesslingen führt. «Auch wenn sich der Wolf wahrscheinlich vor den Menschen fürchtet, mache ich mir so meine Gedanken, wenn ich meine Kinder nun alleine ins Dorf laufen lasse. Man ist halt vorsichtiger nach einem solchen Vorfall. Momentan würde ich nicht mehr allein durch den dicksten Wald spazieren.» Obschon Nadine Hausammann vor der Situation grossen Respekt hat, ist sie der Meinung, dass man wohl oder übel mit dem Wolf leben muss.

Dieser Meinung ist auch der betroffene Bauer Urs Maier selbst. Er hat letzten Mittwoch und Donnerstag drei seiner Schafe verloren. Und das Wolf-Problem bleibt weiterhin virulent. Am Sonntag hat in Andelfingen abermals ein Wolf zugeschlagen und dabei ein weiteres Schaf getötet, nachdem dort schon letzten Donnerstag eines tot aufgefunden worden ist.

Simon Wolf, Geschäftsführer der Wolf Bodenbeläge GmbH in Uesslingen, ist der Meinung, dass man den Wolf leben lassen müsse. «Schliesslich muss auch der sich irgendwo aufhalten», sagt er. Seiner Ansicht nach dürfe man den jetzigen Vorfall nicht so eng sehen, da der Wolf ziemlich sicher nur herumziehe und nicht gleich wiederkomme. Auch Fridolin Strasser, Inhaber der Strasser Velos-Motos AG in Dietingen ist ähnlicher Meinung: «Das ist eben die Natur. Da gehören auch Raubtiere dazu. Deswegen muss man einen Wolf aber nicht gleich töten. Angst habe ich keine», sagt er. Menschen seien seines Erachtens ohnehin die viel brutaleren Wesen.

Die Gemeindepräsidentin von Uesslingen-Buch, Elisabeth Engel, möchte erst die Resultate der DNA-Analyse abwarten, ob es denn tatsächlich ein Wolf gewesen sei, der die Schafe gerissen habe, bevor sie zu diesem Thema Stellung bezieht: «Ich kann die Situation jetzt nicht abschliessend beurteilen. Wenn es bei einem einmaligen Vorfall bleibt, bin ich aber der Meinung, dass man einen Wolf nicht töten müsste. Würden nun gehäuft Schafe gerissen werden, ist es eine andere Frage», sagt sie. Astrid Schuler, vom Restaurant Traube in Dietingen meint, dass der Wolf nur dann zum Abschiessen freigegeben werden solle, wenn es nicht bei diesem einmaligen Vorfall bleibe. Die Uesslinger sind im Wolf-Fall zwiegespalten. So ist etwa Metzger Erich Liechti der Meinung, dass der Wolf nicht mit unserer Kultur vereinbar sei. «Wenn wir damit leben wollen, werden eben unsere Schafe gerissen. Ich bin dafür, dass man den Wolf zum Abschuss freigibt.»

Miranda Diggelmann