Zürich krallt sich Weinfelden

Vor vierhundert Jahren wollen die Herren von Gemmingen die Herrschaft Weinfelden verkaufen. Die Zürcher bekommen Wind davon und sehen in dem grössten Ort im Thurgau eine attraktive Braut. Der Weinfelder Bürgerarchivar Franz Isenring kennt die ganze Geschichte.

Esther Simon
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Bürgerarchivar Franz Isenring entrollt im Weinfelder Bürgerarchiv eine Karte aus dem Jahr 1695. Sie zeigt die Herrschaft Weinfelden. (Bild: Reto Martin)

Bürgerarchivar Franz Isenring entrollt im Weinfelder Bürgerarchiv eine Karte aus dem Jahr 1695. Sie zeigt die Herrschaft Weinfelden. (Bild: Reto Martin)

Am 16. September 1613 – also vor vierhundert Jahren – erkundigt sich alt Landschreiber Hans Ulrich Locher beim Weinfelder Gerichtsschreiber Kilian Kesselring, wie viel die Herrschaft Weinfelden Wert sei. Weshalb tat Locher das?

Franz Isenring: Beim Frauenfelder Katholiken Locher läuteten die Alarmglocken. Ganz offensichtlich hatte er gehört, dass die Herren von Gemmingen die Herrschaft Weinfelden verkaufen wollen. Damals – neunzig Jahre nach der Reformation – war die Gegenreformation in vollem Gange. Das heisst, die Katholiken wollten die Anhänger des neuen Glaubens, also die Reformierten, wieder auf ihre Seite ziehen. Nicht nur Katholiken aber, sondern auch Reformierte wollten verhindern, dass eine Herrschaft durch den Verkauf in die Hände der Gegenseite fiel. Denn nach dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 konnten die Besitzer einer Herrschaft die Religionszugehörigkeit ihrer Untertanen bestimmen.

Und die evangelischen Zürcher erhielten natürlich Wind davon, dass die evangelische Herrschaft Weinfelden verkauft werden sollte.

Isenring: Natürlich. Zumal alt Landschreiber Locher auch mit dem katholischen Urner Hektor von Beroldingen, dem die Herrschaft Gachnang gehörte, über die Einschätzung der Herrschaft Weinfelden sprach. Bereits Anfang November 1613 signalisierten die Zürcher den Herren von Gemmingen, dass sie die Herrschaft Weinfelden erwerben wollen. Abgesehen von der Glaubensfrage – um die es ja in erster Linie ging – war Weinfelden damals mit etwa 1500 Einwohnern der grösste Ort im Thurgau, also eine stattliche Herrschaft und damals schon ein wichtiger Marktflecken.

Weshalb wollten die Herren von Gemmingen die Herrschaft Weinfelden verkaufen?

Isenring: Die Freiherren von Gemmingen, ein alter schwäbischer Adel, hatten die Herrschaft Weinfelden 1575 gekauft. Etwa 35 Jahre später hatten ihre Erben offenbar keine Beziehung mehr zu diesem für sie doch sehr entlegenen Besitz.

War es damals üblich, ganze Ortschaften und Landstriche zu verkaufen?

Isenring: Das war um 1600 schon seit Jahrhunderten üblich. Es handelte sich bei solchen Herrschaften immer um ein Konglomerat von Land, Liegenschaften, Rechten, Kompetenzen und Privilegien, ja häufig sogar um Menschen, um die Leibeigenen.

Wie viel mussten die Zürcher für die Herrschaft Weinfelden bezahlen – umgerechnet in den heutigen Geldwert?

Isenring: Die Schätzung lag bei 153 280 Gulden und ein paar Batzen. Der Kauf wurde dann um 130 000 Gulden abgeschlossen. Dazu kam noch «eine Verehrung an die Gemahlinnen der Verkäufer». Es ist nicht möglich, den Kaufpreis in heutiger Währung auszudrücken. Sicher war es aber ein stolzer Preis. Ein Handwerksmeister verdiente damals jährlich hundert Gulden, er hätte also 1300 Jahre arbeiten müssen, um den Kaufpreis für die Herrschaft Weinfelden zu bezahlen.

Wann ging die Zürcher Herrschaft in Weinfelden zu Ende?

Isenring: 1798 – mit der aus Frankreich importierten Helvetischen Verfassung.

Was hat dieses Zürcher Regime den Weinfeldern gebracht?

Isenring: Den Einwohnern von Weinfelden, die ja – wegen des Einflusses der protestantischen Gemminger – fast alle evangelischen Glaubens waren, bedeutete die Herrschaft Zürichs viel, war doch diese Stadt eine wichtige Stütze des neuen Glaubens im Thurgau.

Sind in Weinfelden heute noch Auswirkungen dieses Zürcher Regimes zu spüren?

Isenring: Nein, es sei denn, man nehme die «Alte Fasnacht» in Weinfelden. Die Zürcher verboten den Weinfeldern die Einführung des gregorianischen Kalenders von 1582. Das heisst, Evangelisch-Weinfelden blieb noch ganze 119 Jahre beim alten, julianischen Kalender. Erst 1701 konnten sie den gregorianischen Kalender übernehmen, das heisst, dem 1. Januar 1701 folgte direkt der 12. Januar. Deshalb reden wir von der «Alten Fasnacht», die in unserem Dorf heute noch nach dem Aschermittwoch stattfindet.