Zu viele Fälle, zu wenig Betreuer

ARBON. Arbon stöhnt unter strukturell bedingt hohen Soziallasten. Ein «Kostendämpfungspotenzial» ortet eine Betriebsanalyse. Diese empfiehlt, die Pensen im Sozialamt aufzustocken. Der Stadtrat fordert über den Finanzausgleich mehr Solidarität ein.

Max Eichenberger
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Der Schalter des Sozialamtes Arbon: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter betreuen derzeit 393 Personen. (Bilder: Max Eichenberger)

Der Schalter des Sozialamtes Arbon: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter betreuen derzeit 393 Personen. (Bilder: Max Eichenberger)

Die Sozialen Dienste spüren das härtere wirtschaftliche Klima. Die Anforderungen im Arbeitsmarkt steigen – und damit der Druck, stellt Stadtrat Hans-Ulrich Züllig an einem Informationsanlass fest. Die Wirtschaft produziere «einen Aussonderungsprozess». Das treibe Menschen, die nicht mehr vom Markt aufgenommen würden und aus der Arbeitslosenversicherung fielen, der Sozialhilfe zu. Eine Kostenverlagerung hätten zudem die Revisionen bei den Sozialversicherungen bewirkt.

Soziale Sicherheit kostet

Das soziale Auffangnetz koste tendenziell immer mehr. «Diese Strömung können wir kaum beeinflussen», so Züllig. Als urbane Zentrumsgemeinde mit industrieller Tradition gebe es in Arbon einen vergleichsweise hohen Anteil an günstigem Wohnraum.

Hans-Ulrich Züllig Stadtrat, Soziales/Gesellschaft (Bild: pd)

Hans-Ulrich Züllig Stadtrat, Soziales/Gesellschaft (Bild: pd)

Das senke die Hemmschwelle und ziehe potenzielle Klientel an. Wenn dann noch Leute «mit dem Begriff Sozialparadies Werbung für Arbon» machten, verstärke sich dieser Sogeffekt. So ist die Sozialhilfequote in Arbon mit 3,7 Prozent mehr als doppelt so hoch wie im kantonalen Durchschnitt. Arbon erbringe gewissermassen eine Dienstleistung für andere Gemeinden, die ein höheres Mietzinsniveau hätten und mit tieferem Steuerfüssen höhere Einkommen «anziehen», sagt Züllig. So sei Arbon in der Situation, überdurchschnittlich hohe Sozialhilfe mit einer geringeren Steuerkraft leisten zu müssen. Die Differenz sei eklatant, zeigte Züllig auf: Pro Einwohner umgerechnet kostet ein Sozialfall im Kantonsdurchschnitt 129 Franken; in Arbon 341 Franken.

Mehrbelastung bleibt

Auch nach Abzug des heutigen Lastenausgleichs von 1,2 Millionen habe Arbon immer noch eine Mehrbelastung von 1,77 Millionen Franken zu tragen; das entspreche sieben Steuerprozenten, rechnete Züllig vor.

Solidarität gefragt

Deshalb fordert Züllig eine Abgeltung über den Finanzausgleich: «Solidarität ist ein Grundsatz unserer Staatsgemeinschaft.» Niemand könne ein Interesse haben, dass Arbon übermässig drangsaliert werde. Auch im Publikum ist diese Erwartung vernehmbar: «Der Kanton lässt Arbon erbärmlich im Stich.» Man werde «im Kontakt mit der Regierung hartnäckig dranbleiben», betont Stadtpräsident Andreas Balg. Züllig äussert die Hoffnung «auf die eine oder andere Million mehr». Der herrschende politische Wind und dessen Sprengkraft dämpft indessen die Zuversicht des ehemaligen Arboner SP-Regierungsrats Claudius Graf-Schelling.

5,35 Millionen in diesem Jahr

Seit 2012 seien die Sozialhilfekosten «massiv gestiegen»: auf 5,35 Millionen Franken 2015, stützt sich Abteilungsleiter Hans-Jürg Fenner auf eine Hochrechnung. Die Zahl derer, die wieder in den Arbeitsmarkt integriert und deren Fälle abgeschlossen werden können, sei «stark rückläufig».

Hans-Jürg Fenner Leiter Abteilung Soziales (Bild: me)

Hans-Jürg Fenner Leiter Abteilung Soziales (Bild: me)

Das führe zu einem Anstieg der Zahl der Ausgesteuerten. Konstant bleiben mit 130 Personen pro Jahr die Neuanmeldungen. Aktuell betreut das Sozialamt 393 Personen. In die Betreuungsarbeit teilen sich vier Angestellte mit einem Pensum von 255 Stellenprozenten. Insgesamt weist das Amt einen Etat von 725 Stellenprozenten aus.

Gutachter: Zu wenig Personal

Laut der vom Stadtrat in Auftrag gegebenen Betriebsanalyse durch die Rechts- und Gemeindeberatung RGB AG, Gossau, ist die Belastung dieser Mitarbeiter zu hoch. Der Bericht ortet hier ein Kostendämpfungspotenzial und empfiehlt eine Pensenerhöhung von 160 Prozent. Auch sollten der fachliche Support und die Schulung intensiviert werden. Laut Balg werde geprüft, Stellenprozente verwaltungsintern umzulagern. Neben der Temporärvermittlung sei das Job Coaching im Aufbau begriffen, sagt Fenner. In die Sozialfirma Dock würden jährlich 150 Personen geschickt. Laut Sozialamtleiterin Adela Civic ist man auch in der Prävention aktiv. Züllig kündigt eine Intensivierung des Case-Managements an: «Ziel ist, die Leute früher abzuholen und individueller zu betreuen.» Heimplazierungen hätten entgegen Behauptungen nicht zugenommen, betont Fenner; sie seien gar rückläufig (21). Der Stadtrat will aufgrund der Ergebnisse der Betriebsanalyse im Frühjahr einen Aktionsplan umsetzen.