Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

ZIHLSCHLACHT: Gefangen im eigenen Körper

Die Lebensgeschichten von sieben hirnverletzten Patienten, die in der Rehaklinik zurück in den Alltag fanden, hat Michael Lampart in einem Buch beschrieben. René Hengartner ist einer der Betroffenen. Er arbeitet inzwischen als Patientenbetreuer.
Yvonne Aldrovandi-Schläpfer
René Hengartner signiert in der Rehaklinik Zihlschlacht seine Geschichte im Buch «Sieben Leben». (Bild: Yvonne Aldrovandi-Schläpfer)

René Hengartner signiert in der Rehaklinik Zihlschlacht seine Geschichte im Buch «Sieben Leben». (Bild: Yvonne Aldrovandi-Schläpfer)

Yvonne Aldrovandi-Schläpfer

bischofszell@thurgauerzeitung.ch

«So viele Leute sind neidisch, geldgierig und undankbar. In der Schweiz leben zu können, das ist doch ein Privileg! Überall sonst auf der Welt gibt es Krieg, Armut und Arbeitslosigkeit. Aber viele Menschen checken das nicht. Vielleicht würden sie es realisieren, wenn sie mal eine Woche im Rollstuhl wären. Ein bisschen dankbar sein, das sollten wir schon», sagt eine 33-jährige Frau im Buch «Sieben Leben» von Michael Lampart. Der Autor erzählt die Lebensgeschichten sieben ehemaliger Patientinnen und Patienten der neurologischen Rehaklinik Zihlschlacht – eindrücklich und berührend, aber auch gespickt mit einer Prise Humor.

Auch René Hengartner aus Amriswil ist einer dieser sieben Betroffenen. Vor rund elf Jahren hat das Schicksal in seinem Leben hart zugeschlagen. Seither sitzt der heute 54-Jährige nach einem Hirnschlag mit einer Halbseitenlähmung im Rollstuhl. «Mein Schutzengel stand damals einfach am falschen Ort», sagt er nachdenklich. Trotzdem ist René Hengartner mit seinem heutigen Leben zufrieden: «Im Kopf bin ich wieder der Alte. Ich durfte meine Lebensfreude wieder- finden.» Sein Schicksal werde er niemals akzeptieren können. Er habe jedoch gelernt, damit umzugehen. Und leben wollte er immer – René Hengartner ist eine Kämpfernatur. «In elf Jahren werde ich pensioniert. Bis dahin möchte ich laufen können und nicht mehr im Rollstuhl sitzen», setzt er sich zum Ziel.

Nicht mit dem Schicksal gehadert

René Hengartner kann sich noch gut an jenen Tag im Oktober erinnern, der sein Leben so plötzlich verändert hat. Er wachte am Morgen mit Kopfweh auf, dachte sich nichts dabei und begab sich zur Arbeit. Als Fahrer holte er mit dem Bus die Kinder daheim ab und brachte sie zur Schule. René Hengartner hatte bereits an diesem verhängnisvollen Morgen einen Hirnschlag. Seine Kopfschmerzen wurden unerträglich, und er fuhr zum Arzt. Dieser wies ihn ins Spital ein. An der Rezeption brach Hengartner zusammen, er erlitt seinen zweiten Hirnschlag und erwachte mit einer linksseitigen Lähmung. Vier Tage später sei es ihm wie ein heftiger Stromschlag durch den Körper geschossen – der dritte Hirnschlag. René Hengartner konnte nicht mehr sprechen.

Schriftlich habe er den Wunsch geäussert, sich von Anja, einer Energie-Therapeutin, behandeln zu lassen. Sie habe ihn energetisch unterstützt, um das innere Gleichgewicht wieder herzustellen. «Ich bin ihr dafür enorm dankbar», betont René Hengartner. Direkt aus der In- tensivstation wurde er dann in die neurologische Frührehabi- litation der Rehaklinik Zihlschlacht verlegt. Mit dem Schicksal habe er nicht gehadert. Für René Hengartner stand sogleich fest: «Ich möchte wieder gesund werden.» Um ihm eine Abwechslung zu bieten, habe ihn eine Pflegefachfrau in der Rehaklinik irgendwann mit dem Rollstuhl auf den Gang geschoben – vor ein Aquarium. René Hengartner war gefangen im eigenen Körper, er konnte nicht sprechen und musste den Goldfischen zuschauen. «Es hatte mir zu wenig Leben in diesem Aquarium. Ich wollte vorwärts schauen, das Piratenschiff hat mir gefehlt», erzählt René Hengartner und ergänzt, dass er sich oftmals stur verhalten habe. Doch dieser Starrsinn habe ihm geholfen, ist er überzeugt. René Hengartner verbrachte insgesamt fünf Monate in der Reha- klinik Zihlschlacht.

Während dieser Zeit hat er wieder sprechen und essen gelernt. Heute kann er ein weit- gehend selbständiges Leben im Rollstuhl führen. Im Haushalt und im Umgang mit den öffent- lichen Verkehrsmitteln ist er jedoch auf Unterstützung ange- wiesen. Seit rund neun Jahren arbeitet René Hengartner auch als Patientenbetreuer in der Rehaklinik Zihlschlacht. Zweimal wöchentlich leitet er den Patientenstammtisch, unter anderem gibt er Betroffenen Tipps.

Symbol für Freiheit und Unabhängigkeit

René Hengartner war ein leidenschaftlicher Töff-Fahrer. Die Ausflüge mit seinem Motorrad vermisse er schon, denn auf seinem Honda-Chopper habe er sich stets frei gefühlt. Einmal mit einer Harley Davidson auf der legendären amerikanischen Route 66 zu fahren, das wäre ein grosser Traum von ihm.

René Hengarter verrät, dass er sich im vergangenen Jahr ein zweites Tattoo habe stechen lassen – einen Anker. «Der Anker bedeutet mir Festigkeit und Halt, um den stürmischen Anforderungen des Lebens zu trotzen.» Bereits seit 20 Jahren trägt er eine Tätowierung auf seinem Oberarm – einen Adler, das Symbol für Freiheit und Unabhängigkeit. «Der Adler bedeutet mir nach wie vor Freiheit. Er vermittelt mir nun Freiheit auf eine andere Art, nämlich im Rollstuhl.»

Abschliessend möchte René Hengartner es nicht unterlassen, allen zu danken, die ihm in guten und schlechten Zeiten zur Seite gestanden sind und ihn auch heute noch unterstützen: seiner Lebenspartnerin, seiner Familie und seinen Freunden, den Ärzten und Therapeuten der Rehaklinik Zihlschlacht, der Gönnervereinigung Pro Humanis, dem Verwaltungsratsmitglied und Buchinitianten Jacques-André Künzli sowie dem Autor Michael Lampart. Sehr geschätzt hat René Hengartner die Zusammenarbeit mit dem Verfasser des Buchs. «Es war einfach schön mit dem Berner Grind», sagt er und lacht.

Bezugsquellen

Das Buch «Sieben Leben» von Michael Lampart ist im Buch- handel und in der Rehaklinik Zihlschlacht erhältlich; zudem kann es auf der Klinik-Website bestellt werden. Es kostet 24 Franken.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.