Zeller sucht das Heil im Ausland

Die Max Zeller Söhne AG glaubt an den Standort Romanshorn und hat in den letzten Jahren Dutzende Millionen in den Betrieb investiert. Doch am Horizont ziehen dunkle Wolken auf, sagt Geschäftsleitungsmitglied Peter Kade.

Markus Schoch
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Peter Kade schaut einer Mitarbeiterin im Labor über die Schulter. (Bild: Reto Martin)

Peter Kade schaut einer Mitarbeiterin im Labor über die Schulter. (Bild: Reto Martin)

Herr Kade, viele Firmen lagern Arbeitsplätze aus, um zu sparen. Die Max Zeller Söhne AG investiert seit Jahren in den Standort Romanshorn. Warum machen Sie es nicht wie die anderen?

Peter Kade: Es gibt verschiedene Gründe, dass wir Romanshorn die Treue halten. Ein wichtiger ist sicher, dass unsere Firmengeschichte eng mit dem Ort verbunden ist. Hier haben wir unsere Wurzeln, hier hat vor über 150 Jahren alles begonnen. Ein zweiter Grund ist, dass wir die gesamte Wertschöpfungskette kontrollieren wollen, was bei einer dezentralen Organisation schwierig wird.

Warum?

Kade: Nähe ist in der Kommunikation das A und O. Der Beweis: Wir haben viele langjährige Mitarbeiter, die äusserst flexibel sind und eine grosse Verbundenheit mit dem Betrieb haben. Das ist ein grosser Vorteil für uns. Für Romanshorn als Standort spricht weiter, dass sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in der Region in den letzten 20 bis 30 Jahren verbessert haben. Vor allem die Personenfreizügigkeit macht uns vieles einfacher. Fachleute zu finden, war für meinen Vater teilweise sehr schwierig, auch wegen des Standortes unserer Firma in der Ostschweiz. Wir beschäftigen heute rund 30 Akademiker aus den verschiedensten Bereichen.

Und heute?

Kade: Die Ostschweiz hat an Attraktivität gewonnen; die Mobilität hat zugenommen. Nicht wenige Mitarbeiter pendeln heute von St. Gallen oder aus dem Raum Winterthur/Zürich nach Romanshorn. Trotzdem beschäftigen wir relativ viele internationale Mitarbeiter.

Die Personenfreizügigkeit ist mit dem Ja zur Masseneinwanderungs-Initiative in Frage gestellt. Machen Sie sich Sorgen?

Kade: Ich habe Vertrauen in die Politik, dass sie einen Weg findet. Wir sind auf Fachkräfte aus dem Ausland angewiesen, vor allem im Bereich des internationalen Verkaufs und der Entwicklung, wo wir spezialisierte Biologen, Chemiker und Ingenieure brauchen. Sie zu finden, ist auch im Ausland nicht einfach.

Die Max Zeller Söhne baut im Moment für über 12 Millionen Franken eine neue Verpackungsabteilung. War von Anfang an klar, dass sie in Romanshorn zu stehen kommt?

Kade: Nein, wir haben erstmalig tatsächlich auch Alternativen in Erwägung gezogen. Wir haben sie aber relativ schnell verworfen. Die erwähnten Vorteile des Standortes Romanshorn überwiegen bisher die Nachteile.

Der Preisdruck ist aber hoch – und könnte noch höher werden.

Kade: Die Preise der in der Schweiz von der Krankenkasse rückerstatteten Präparate werden mit dem Preisniveau einiger europäischer Länder verglichen. Nach Aufgabe des Mindestkurses im Januar wird bei den kommenden Auslandspreisvergleichen mit einem Umrechnungskurs zum Euro von 1,05 bis 1,10 gerechnet werden. Vor wenigen Jahren wurde noch mit einem Umrechnungskurs von 1,65 verglichen. Wir rechnen deshalb mit markanten Preisreduktionen. Als in der Schweiz produzierendes KMU haben sich unsere Lohnstückkosten in der gleichen Zeit aber nicht verändert.

Die Gesundheitskosten steigen von Jahr zu Jahr. Und im Gleichschritt tun es die Krankenkassenprämien. So kann es doch nicht weitergehen.

Kade: Die pflanzlichen Arzneimittel machen nur einen Bruchteil der Medikamentenkosten aus. Wir reden von einer sehr kleinen einstelligen Zahl. Unsere Produkte sind nicht teuer. Das Sparpotenzial ist deshalb sehr tief. Für uns geht es aber ums Überleben. Wir wehren uns deshalb mit aller Kraft gegen eine Preissenkung.

Wie?

Kade: Die Handvoll verbliebener Schweizer KMU im Bereich Arzneimittel haben im Januar eine Interessengemeinschaft gegründet und sind politisch aktiv geworden.

Mit Erfolg?

Kade: Teilweise. Bei gewissen Politikern in Bern stossen wir mit unserem Anliegen auf offene Ohren. Sie bringen uns sehr viel Verständnis entgegen und wollen sich auch für uns einsetzen. Das zuständige Bundesamt hat aber bis jetzt kein Musikgehör. Die Chancen stehen vielleicht 50 zu 50, dass es uns gelingt, das Schlimmste abzuwenden.

Wie begegnet Ihre Firma dem drohenden Margenverlust?

Kade: Wir müssen fitter werden und die Prozesse verschlanken. Unabhängig von der aktuellen Diskussion haben wir im Herbst ein entsprechendes Programm beschlossen. Erfreulicherweise ziehen die Mitarbeiter mit. Es ist allerdings fraglich, ob damit die drohenden Verluste kompensiert werden könnten. Es ist nicht mehr viel Fett da.

Und wenn es nicht reichen sollte?

Kade: Das kann ich im Moment nicht sagen. Es wird aber sicher nicht populär sein. Wir brauchen einfach eine gewisse Cash flow-Marge, um die hohen und vom Gesetzgeber geforderten Standards einhalten zu können. Wir wollen uns aber nicht zu Tode sparen, sondern versuchen, über Mehrumsatz die Stückkosten zu senken und damit die Finanzen in den Griff zu bekommen. Genau deshalb bauen wir die neue Verpackungsanlage, dank der wir den Ausstoss in den nächsten fünf bis sechs Jahren hoffentlich verdoppeln können. Im Bereich der pharmazeutischen Produktion haben wir bereits vor 20 Jahren die nötigen Kapazitäten geschaffen. Wir müssen wachsen, unsere Firma hat heute eine unterkritische Grösse.

Wie soll das gehen?

Kade: Die Schweiz ist heute noch unser wichtigster Markt. In den vergangenen Jahren haben wir unsere Anstrengungen für die Internationalisierung verstärkt. Wir stehen heute in vielen Ländern kurz vor der Zulassung

Wo wollen Sie wachsen?

Kade: Asien steht für uns an erster Stelle, insbesondere Japan, Südkorea, Vietnam, Indonesien und China. Wir haben insgesamt sechs Produkte, die international zulassungsfähig und vermarktbar sind. Wir konzentrieren uns dabei auf registrierte pharmazeutische Arzneimittel.

Wie schwierig ist die Zulassung?

Kade: Es dauert in diesen Teilen der Erde teilweise sehr, sehr lange. In Japan waren wir fast sieben Jahre an der Arbeit, drei Jahre sind normal.

Und was ist mit Europa?

Kade: Das ist aktuell kein Zielmarkt mehr für uns. Die Preise sind am Boden und die Zulassungsverfahren unverhältnismässig aufwendig. Wir haben es in Deutschland mit Tesalin probiert, das die grösste Entwicklung der Firma Zeller ist. Wir sind mit dem Produkt seit zehn Jahren am Markt in der Schweiz. Das Zulassungsdossier des Produktes entspricht in allen Belangen den heutigen Anforderungen. In Deutschland sagten uns die zuständigen Behörden: Das ist ein interessantes Medikament. Es gibt aber noch etliche Fragen, die wir gerne geklärt hätten. Wir haben dann darauf verzichtet, die Antworten zu geben, weil sie uns nochmals über 10 Millionen Franken gekostet hätten. Interessanter als Europa sind für uns auch Mittel- und Südamerika. Wir haben seit vielen Jahren in Mexiko, Kolumbien, Venezuela und Brasilien eine Vertretung.

Die Wachstumsstrategie ist ambitiös. Wird die Rechnung aufgehen?

Kade: Wenn sich die Rahmenbedingungen für uns nicht verschlechtern, gibt es keinen Grund, warum wir es nicht schaffen sollten. Gesundheit und Natur sind ein Megatrend. Wir sind in unserer Nische in der Schweiz Marktführer, haben ein ausgeglichenes Produkte-Portfolio mit einem Topseller und können im Ausland vom Swissness-Bonus profitieren.

Kann sich die Max Zeller AG die Entwicklung von Medikamenten auf Dauer noch leisten?

Kade: Wenn die Margen nicht erodieren und die regulatorischen Hürden nicht höher werden, ist das auch künftig möglich. Die Entwicklung von Medikamenten ist aber auch so teuer. Um beim Beispiel von Tesalin zu bleiben: Wir investierten einen zweistelligen Millionenbetrag und waren zehn Jahre an der Arbeit. Billiger und mit weniger Risiko verbunden ist es, bestehende Produkte weiterzuentwickeln oder das Anwendungsgebiet bekannter Wirkstoffe zu erweitern. Auch Kooperationen mit anderen Firmen sind möglich. Doch das ist nicht einfach.

Nicht ganz einfach dürfte auch sein, die Rohstoffe zu besorgen.

Kade: Das ist vor allem mit Blick auf die geplante Erhöhung der Produktion eine der grössten Herausforderung. Wir reden von einigen Hundert Tonnen Ausgangsmaterial. Im Moment haben wir Verträge mit Betrieben in Deutschland, Polen, Österreich und Italien. Aber auch in Kenia, Thailand oder Indien. Unsere verarbeiteten Arzneipflanzen sind sauberer als jeder Salat, der bei uns auf den Teller kommt. Wir untersuchen sie auf Rückstände von ca. 700 Pestiziden.