Zeit für neue Traditionen

In dieser Jahreszeit der hohen Feste ist das Thema «Traditionen und Brauchtum» allgegenwärtig. Erik Blumenthal zeigte mal auf, dass die Zivilisationsgeschichte auf einer erstaunlich geringen Anzahl Generationen beruht.

Mark Kilchmann-Kok
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In dieser Jahreszeit der hohen Feste ist das Thema «Traditionen und Brauchtum» allgegenwärtig. Erik Blumenthal zeigte mal auf, dass die Zivilisationsgeschichte auf einer erstaunlich geringen Anzahl Generationen beruht. Er rechnete mit einem Durchschnitt von dreissig Jahren für die Zeit, in der die Eltern Werte und Einstellungen an ihre Kinder weitergeben.

So gesehen ist es keine fünfzig Generationen her, dass Gallus die Frohe Botschaft Christi nach Romanshorn brachte. Erst vor etwa zwanzig Generationen setzte es sich durch, dass der Samichlaus den Kindern Nüssli und andre Kleinigkeiten schenkt wie bei seinem Einzug morgen Sonntag. Und vor etwas mehr als einem Dutzend Generationen begann man den Weihnachtsbaum zu schmücken, von dem ein wunderschönes Exemplar an der Hafenmole steht.

Jede Generation hat grosse Bedeutung. Das gilt besonders für Epochen mit Umbrüchen. Wir befinden uns zweifellos in einer solchen Epoche. Unsere Welt ist radikal anders als jene unserer Urgrosseltern. Wir stehen vor der Frage: Festhalten am Alten oder, wie bei Gallus, sich auf was Neues einlassen? Können wir neue Werte finden, die für alle stimmen?

Die Gleichwertigkeit der Menschen, insbesondere der Geschlechter, gehört sicher zu den neuen Werten. Mir scheint, wir haben uns darauf geeinigt und befinden sie als vernünftig. Aber: Sie zu leben, fällt uns gar nicht leicht. Denn die Tradition ist eine andere. «Zurück zum Alten», sagen daher nicht wenige.

Es mag ermutigend sein, wenn wir uns vergegenwärtigen: Wir gehören zu den Pioniergenerationen neuer Werte. Sie stecken zwar noch in den Kinderschuhen – Unsicherheit und Straucheln gehören dazu. Aber wir lernen ständig und neue Traditionen entstehen.