Wohlfühl-Zeit für die Lehrer

Erziehungswissenschafter Roland Reichenbach hat gestern vor der versammelten Weinfelder Lehrerschaft über Sinn und Unsinn von Schulreformen referiert. Er sprach vielen aus dem Herzen.

Mario Testa
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Erziehungswissenschafter Roland Reichenbach unterhält mit seinen Ausführungen zu Schulreformen die Weinfelder Lehrerinnen und Lehrern. (Bild: Mario Testa)

Erziehungswissenschafter Roland Reichenbach unterhält mit seinen Ausführungen zu Schulreformen die Weinfelder Lehrerinnen und Lehrern. (Bild: Mario Testa)

WEINFELDEN. Kritik, Kritik, Kritik und gleich nochmals Kritik. «Viermal dieses Wort – ich weiss, der Titel meines Vortrags ist hässlich», sagt Professor Roland Reichenbach zur versammelten Weinfelder Lehrerschaft. Sie hatte sich gestern morgen in der Aula des Paul-Reinhart-Schulhauses eingefunden, um dem Referat «Schulkritik, Schulreformkritik und Kritik der Kritik» beizuwohnen, die Weinfelder Schülerschar genoss derweilen ihren schulfreien Tag an der Wega. «Kritik heisst nicht, dass man grundsätzlich dagegen ist», führt Reichenbach aus, der an der Universität Zürich einen Lehrstuhl für allgemeine Erziehungswissenschaften hat. «Gute Kritiker bringen nur zum Ausdruck, dass etwas zu wenig gut begründet ist. Aber es gibt auch die andere Art der Kritik, die Besserwisserei – und mit der müssen Sie sich auseinandersetzen.»

Schule ist ein verlässlicher Ort

Sehr gestenreich, mit scharfer Zunge und viel Witz erläuterte Reichenbach der aufmerksamen Zuhörerschaft, dass sie sich keine allzu grossen Sorgen über die vielen Reformen in ihrem Beruf machen müssen. «Bleiben Sie gelassen. Wichtig ist und bleibt, dass die Schule ein verlässlicher Ort ist. Ich glaube, für viele Kinder ist die Schule der verlässlichste Ort überhaupt – das muss nicht heissen, dass sie die Schule mögen, aber sie gibt ihnen eine Struktur, die sie zu Hause nicht mehr vorfinden.» Deshalb hält er es auch für bedenklich, dass Schüler heute immer mehr selbst bestimmen müssten, wie sie lernten. «Gute Schüler kommen in jedem System zurecht. Schwache werden noch schwächer.» Das Wichtigste für eine gute Schulbildung seien immer die Lehrer, betont Reichenbach. «Da spielt es gar keine Rolle, welche Harmonisierungen oder Reformen gerade am Laufen sind. Sie als Lehrerin und Lehrer haben es in der Hand, guten Unterricht zu machen.» Und gute Schulleiter sollten ruhig mal gar nix tun, das sei am besten. Sonst laufe es nur wieder auf neue Formulare und Statistiken hinaus.

Eine Premiere für Weinfelden

Lang referiert Reichenbach, wirft mit Fachwörtern um sich, schweift auch mal ab. Aber er trifft mit seinen Aussagen den Nerv vieler Anwesenden. Dass überhaupt alle rund 170 Lehrpersonen und Behördenmitglieder der Sekundar und Primar Weinfelden anwesend sind, ist laut Organisator und Schulleiter Michael Bürgi eine Premiere. «Das waren sehr anregende Gedanken», zieht er nach einer kurzen Diskussionsrunde Bilanz. «Hoffentlich ist diese Premiere nicht gleich auch Dernière.»