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Wo der Most nach Zvieri schmeckt

Regierungsrat Walter Schönholzer kommt von dort. Und Regierungsrat Jakob Stark auch. Neukirch an der Thur liegt zwar nicht an der Thur, muss aber ein besonderes Thurgauer Pflaster sein. Die Ostschweizer Medienpreisträgerin Daniela Huber hat sich im Dorf umgesehen.
Neukirch an der Thur: Bea Eberli vom «Hexehüsli»-Laden, «Sonne»-Wirtin Cecilia Willi und «Dorfchronist» Hansruedi Schweizer an der Kreuzung im Dorfzentrum. (Bild: Reto Martin)

Neukirch an der Thur: Bea Eberli vom «Hexehüsli»-Laden, «Sonne»-Wirtin Cecilia Willi und «Dorfchronist» Hansruedi Schweizer an der Kreuzung im Dorfzentrum. (Bild: Reto Martin)

Dort, wo Käsereistrasse, Poststrasse, Bühlstrasse und Kirchstrasse aufeinandertreffen, da liegt Neukirch an der Thur. Man fährt durch Felder mit Butterblumen, vorbei an einer kleinen Ruine, um einen grünen Hügel herum, mitten ins Dorf. Wie hingestreut in die Landschaft, eine liebevoll hingeworfene Handvoll Häuser, weit weg von einer Welt aus Hektik und Hochhäusern.

Die Strassen sind breit, aber Autos sind an diesem Samstagmittag keine zu sehen. Nur ein Spaziergänger in Grau mit drei kleinen Hunden spaziert die Kirchstrasse hinauf. Er lässt den Vierbeinern Zeit, an den Laternenpfählen zu riechen, und geht dann langsam weiter. Einer von den 466 Einwohnern des Dorfes? Oder vielleicht auch ein Besucher aus dem Nachbardorf Kradolf oder Mettlen.

Hier, an dieser Kreuzung, befindet sich der Dorfkern mit dem Restaurant Sonne, der Landi, welche zugleich auch noch ein Volg und eine Post ist, und einem niedlichen kleinen Patchwork-Laden, der sich «Hexenhüsli» nennt.

Geschälte Zwiebel

An den Fenstern der «Sonne» stehen kleine Blumentöpfe mit zierlichem Grün und drinnen knarrt der Holzboden freundlich, wenn man den Raum betritt. In der Küche werden noch Zwiebeln geschält, das Radio läuft und die ersten Gäste treffen zum Mittagessen ein. «Rösti mit Spiegelei», lautet die Bestellung: «I ha vor vilne Jahre so eini gesse, die isch wunderbar gsi.»

Cecilia Willi (49) führt die «Sonne» seit 22 Jahren. Sie ist hier aufgewachsen und mit Christian Baumgartner zur Schule gegangen, der jetzt seit bald dreissig Jahren die Landi führt. Eigentlich habe sich in den letzten Jahren nicht so viel verändert, sagt sie. Ausser, dass es jetzt Einfamilienhäuser gebe, wo die Leute leben, die dann in der Stadt arbeiten. Früher seien die meisten Bewohner Bauern gewesen. Aber von ihren Gästen kennt sie noch immer die meisten, die Hälfte seien sicher Stammgäste. Unter anderem einige Herren aus dem Dorf, welche sich regelmässig am Stammtisch treffen, um über Politik zu diskutieren. Vielleicht haben Walter Schönholzer und Jakob Stark auch dort angefangen, sich mit den Belangen der politischen Welt auseinanderzusetzen. Die beiden Regierungsräte stammen beide aus Neukirch an der Thur und machen somit doch vierzig Prozent der Thurgauer Regierung aus.

Ein Haus weiter lebt Hansruedi Schweizer, der 250 verschiedene Apfelsorten besitzt und als sogenannter «Dorfchronist» bekannt ist. Heute arbeitet er als Obstbauer, früher jedoch waren seine Eltern auch Vieh- und Getreidebauern, so wie die meisten Bewohner des Dorfes. Seine Familie ist seit fünfhundert Jahren in Neukirch wohnhaft, erzählt Herr Schweizer und schenkt ein Glas frischen Apfelmost ein. Der schmeckt nach reifen Äpfeln, Zvieripausen und Herbstnachmittagen.

Das Leben auf dem Bauernhof als Kind sei hart gewesen, erinnert er sich. Man musste arbeiten wie alle anderen auch, denn Maschinen habe es noch keine gegeben. «Milch i d' Chäsi bringe, Moscht hole, alles helfe.» Seinen Eltern hatte früher die «Sonne» gehört, in der Frau Willi heute so feine Rösti zubereitet. Damals aber hatte es noch drei weitere Restaurants im Dorf gehabt, die «Wirtschaft zum Frohsinn», den «Sternen» und das «Schäfli». «Da het mer no kein Fernseh gha, da isch mer i d' Beiz ghockt und het mitenand gredt, wenn mer nöd is Bett het welle.» Herr Schweizer redet immer noch gerne, zum Beispiel am Politik-Stammtisch in der «Sonne». Aber dennoch sei das Dorf anonymer geworden, so wie der Rest der Welt eben auch.

Geht man jedoch weit in der Zeit zurück, noch weiter als zu der Zeit, als Herr Schweizer ein kleiner Junge war und die Milch in die Käsi bringen musste, begegnet man den Alamannen, welche im fünften Jahrhundert nach Christus die Wälder im Thurgau rodeten und das Land als Bauern zu bewirtschaften begannen. Manche Ortsnamen stammen heute noch aus jener Zeit, insbesondere jene mit den Endungen auf -wil und -rüti. Auch Neukirch hatte ursprünglich Seldwyl geheissen, als es noch von den Alamannen bewohnt gewesen war, und auch später, als die kleine Burgruine am Anfang der Stadt noch vom Landvogt bewohnt gewesen war. Um das Dorf sind weitere Ruinen zu finden, die an jene Zeit erinnern, als Landherren ihre Untertanen regierten und die Appenzeller noch die Burgen im Thurgau plünderten. Es gibt die Ruine Last, die Ruine Heuberg und die Ruine Ahnwil. Die vierte sei eine Raubritterburg, von der niemand so genau wisse, wie sie geheissen habe. Im Jahr 1484 holte man schliesslich von dort die Steine, um in Seldwyl die erste – katholische – Kirche zu bauen.

Dies war jedoch nur der Anfang einer turbulenten Dorfgeschichte, denn der erste Pfarrer schloss sich bald darauf der Reformation an und wurde vom Landvogt aus dem Dorf verbannt, «auf dass er die Grafschaft Thurgau verlassen müsse innerhalb von acht Tagen und nie wiederkehren dürfe». Der Versuch, das Thurgau katholisch zu erhalten, scheiterte jedoch, denn der Grossteil der Bevölkerung bekannte sich zur Reformation und erhielt schlussendlich Unterstützung vom reformierten Zürich. So wurde denn am 14. März 1555 Neukirch zur selbständigen reformierten Kirchgemeinde erklärt und erhielt den Namen Neukirch an der Thur. In den Jahren darauf hielten sowohl Katholische als auch Reformierte ihren Gottesdienst in der gleichen Kirche ab, was zu zahlreichen Diskussionen und Streitereien führte. Die Kirche wurde mit einem Altarstein versehen und unterhielt ein katholisches Beinhaus, während die Reformierten schliesslich so zahlreich zu den Gottesdiensten erschienen, dass allein für diese Konfessionsgruppe an Sonntagen Doppel-Gottesdienste abgehalten werden mussten. Im Mai 1713 setzte der Landammann Ulrich Nabholz der Debatte ein Ende, indem er der reformierten Bevölkerung erlaubte, das Beinhaus verschwinden zu lassen und anstelle des Altars einen Taufstein anzubringen. Damit kehrte Ruhe ein in Neukirch, und die Bevölkerung widmete sich wieder ihrem Handwerk als Bauern und Landbesitzer.

Im Jahre 1828, als Napoleon ins Thurgau einzog, wurden viele der Pächter dank des öffentlichen Grundbuchs zu Hofbesitzern. Land und Häuser zu verkaufen, wurde plötzlich möglich, und auch der Hof «Aspenrüti», auf welchem die Familie Schweizer täglich ihr Brot verdiente, wurde zu einem Familienbesitz. Danach blieb es still in Neukirch an der Thur, selbst die Weltkriege zogen beinahe unbemerkt daran vorbei. Nur die Fernseher, die Telefone und irgendwann auch das Internet hielten Einzug, brachten die Dorfbeizen zum Verschwinden und die Bewohner dazu, sich in den Städten Arbeit zu suchen.

Friedvolle Spaziergänger

Bea Eberli (63) betreibt seit 32 Jahren ihren kleinen Patchworkladen im Dorfzentrum. Wie sie Neukirch beschreiben würde? «Klein, aber oho.» In ihrem Laden gibt es Stoffe in allen Farben und Mustern, wie ein Regenbogen tun sie sich vor einem auf. Man brauche Ruhe, um Patchwork zu nähen, sagt sie. Ruhe in sich drin und Ruhe um sich herum. Wo sonst sollte sie diese Regenbögen und diese Ruhe verkaufen können, wenn nicht hier in Neukirch an der Thur, da, wo friedvolle Spaziergänger ihren Hunden Zeit lassen, am Laternenpfahl zu schnuppern?

Die Kirche ist nur ein paar Schritte vom «Hexenhüsli» entfernt. Im Kirchgemeindehaus riecht es nach frischen Backwaren. Ein paar eifrig plappernde Mädchen schneiden Früchte für ein Schoggifondue. Auf dem Altar steht ein frischer Blumenstrauss und vier brennende Kerzen spenden Licht und Wärme in dem ehemals schwer umkämpften Raum. Heute ist von der turbulenten Vergangenheit nichts mehr zu spüren. Fröhliches Kinderlachen und Vogelzwitschern aus der Ferne untermalen die Szenerie.

Der sogenannte «Dorfchronist» Hansruedi Schweizer blickt nachdenklich in das Grün der Landschaft hinaus. Der Dorfverein sei am aussterben, sagt er. «Alle im Vorstand wollen aufhören, und niemand Jüngeres kommt daher. Heute gehen die Kinder ins Karate und verstreuen sich dann in alle Himmelsrichtungen. Jeder will sich verwirklichen, alle sind gehetzt und keiner hat für nichts mehr die Zeit. Das ist schade, denn wenn es so weitergeht, dann sind wir bald nur noch ein Schlafdorf.»

Vielleicht irgendwann ein Schlafdorf, aber dennoch eines, das in Frieden lebt, und diesen Frieden auch zu schätzen weiss.

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