«Wir waren immer etwas Vorreiter»

Fast sein halbes Leben leitete Werner Flück das Haus Holzenstein, wo Senioren Betreuung und Pflege erhalten. Vor kurzem ist er in Pension gegangen. Der Anfang war schwierig, doch danach lief es sehr gut. «Wir wollten der Zeit stets voraus sein», sagt Flück.

Markus Schoch
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Auf dem See fand Werner Flück Erholung von der Arbeit als Heimleiter. (Bild: Markus Schoch)

Auf dem See fand Werner Flück Erholung von der Arbeit als Heimleiter. (Bild: Markus Schoch)

Sie waren 26 Jahre Heimleiter in Holzenstein. Warum sind Sie so lange geblieben?

Werner Flück: Es hat uns gefallen. Der Start war allerdings nicht einfach.

Warum?

Flück: Die ersten drei Jahre waren schwierig, weil wir von Winterthur kommend ein Haus angetroffen haben, das so richtig verschlafen da lag. Man hatte die Zeichen der Zeit nicht erkannt, was man alles in die Wege leiten muss, damit eine solche Institution überleben kann. Das grösste Problem war, den damaligen Vorstand der Genossenschaft mit seinen 19 Mitgliedern zu überzeugen, dass es so nicht weitergeht. Das System war enorm träge. Als wir nach einem halben Jahr nicht weiterkamen, wollten wir eigentlich gehen.

Und Sie sind dann doch geblieben.

Flück: Wir hatten ein Gespräch mit dem damaligen Präsidenten und liessen uns überreden, noch ein Jahr abzuwarten. So machten wir uns daran, in kleinen Schritten Veränderungen einzuführen, für die wir auch die nötige Unterstützung im Vorstand erhielten.

Welche Veränderungen?

Flück: Das Haus war ein Altersheim und eine Alterssiedlung, deren Bewohner lediglich Mieter bei uns waren. Wer länger als drei Tage pflegebedürftig war, wurde ins Pflegeheim verlegt. Es gab keine Pflege bei uns im Haus. Dieses Angebot zu schaffen, um die Bewohner zu halten, war eine Bedingung von uns, vor allem von meiner Frau, die ausgebildete Krankenschwester ist. Dieses Konzept setzten wir um.

Sie hatten freie Hand?

Flück: Wir hatten grosse Freiheiten bei der Einführung der integrierten Pflege. Wir haben das Haus geführt, als wäre es unser eigener Betrieb. Wir waren dann gerüstet, als Ende der 1990er-Jahre das Krankenversicherungsgesetz kam. Es war immer unser Anspruch, der Zeit etwas voraus zu sein.

Heute versteht sich das Haus Holzenstein als Dienstleistungsbetrieb für Personen im hohen Alter.

Flück: Wir wollten den Kunden immer diejenigen Dienstleistungen bieten, die sie benötigen. Es galt das Verursacherprinzip, was heute nicht mehr funktioniert, da vieles pauschalisiert wird, beispielsweise die Betreuungstaxe.

Der Heimbereich ist heute stark reguliert. Mit grossem Eifer erfülle der Gesetzgeber seine Aufgabe und entwickle laufend neue Vorschriften, und zwar nicht immer zugunsten der Bewohner und Institutionen, schreiben Sie in Ihrem letzten Jahresbericht. Können Sie ein Beispiel geben?

Flück: Am schwierigsten sind die Vorschriften im Baubereich. Man fragt sich manchmal, wo das alles hinführen soll. Man kann in einem Heim praktisch nichts mehr verändern, ohne dass das Gesundheitsamt benachrichtigt werden muss, mit dem wir aber immer ein gutes Verhältnis hatten, wie ich betonen möchte. Man konnte gut reden mit den Verantwortlichen. Wir waren immer etwas Vorreiter, was dem Kanton gefiel.

Hätten Sie sich gewünscht, dass sich der Kanton weniger einmischt?

Flück: Es ist wichtig, dass es eine Aufsicht gibt. Ich finde es richtig, dass nicht jeder aus seinem Einfamilienhaus ein Altersheim machen kann. Als ich begann, musste man nicht einmal eine Ausbildung vorlegen. Heute schreibt der Kanton klar vor, was es für Ausbildungen braucht, und das ist gut so.

Die Vorschriften schlagen sich auch im Personalbestand nieder. Heute arbeiten im Haus Holzenstein 65 Personen, bei Ihrem Amtsantritt waren es gerade einmal 18.

Flück: Die Entwicklung hat stark mit dem Umbau zum Alters- und Pflegeheim zu tun.

Als Heimleiter waren Sie zuletzt vor allem mit Personal beschäftigt. Am Anfang war das bestimmt anders.

Flück: Ja, wir waren eine Familie. Das Personal ist die wichtigste Ressource. Entsprechend wichtig ist die Betreuung und Pflege der Mitarbeiter. Wenn es rund läuft, macht die Arbeit Spass. Ich habe nachträglich eine Managementausbildung im Bereich Non-Profit-Organisation an der Fachhochschule Olten gemacht. Da bekam ich das nötige Rüstzeug, um eine solche Institution zu führen.

Hatten Sie überhaupt noch Kontakt mit den Bewohnern?

Flück: Das Haus Holzenstein hat eine ideale Grösse. Der Heim- oder Geschäftsleiter hat jeden Tag die Möglichkeit, mit dem Kunden Kontakt zu haben. Ich habe diese Kontakte immer gepflegt.

Bei welchen Gelegenheiten?

Flück: Ich ging regelmässig zum Tee oder Kaffee. Und ich nahm jeden Anlass wenn möglich wahr. Ich habe nicht überall geklopft und gefragt, wie geht es. Wir haben auch sporadisch sogenannte Stockgespräche mit den Bewohnern geführt. Das Hauptthema war immer das gleiche: das Essen. Ich musste in all den Jahren lernen: Die Küche in einer Institution wie unserer ist genauso wichtig wie die Pflege.

Hat das Haus Holzenstein auch wirtschaftlich gesehen eine ideale Grösse?

Flück: Auch in dieser Beziehung ist das Haus mit 85 Betten ideal. Es ist trotz des Komforts, den es bietet, bei den Pensionstaxen eines der günstigsten im Kanton. Wir sind mit 110 Franken im Vergleich zu den teuersten 30 Franken billiger. Zudem haben wir ein vielfältiges Wohnangebot .

Wie geht das?

Flück: Die Hypothekarbelastung ist tief, was uns immer entgegenkam. Und wir kamen in den Genuss verschiedener Legate.

Es gibt immer mehr demente Menschen. Wie geht das Haus Holzenstein mit dieser Entwicklung um?

Flück: Wir haben weniger Demente als ein reines Pflegeheim. Rund ein Drittel unserer Bewohner ist fast selbständig. Etwa zwanzig kochen sogar Frühstück und Nachtessen selber. Zudem ist beim Regionalen Pflegeheim in Romanshorn eine Dementenabteilung gebaut worden.

Haben Sie sich schon Gedanken darüber gemacht, wo und wie Sie im hohen Alter wohnen wollen?

Flück: Wir haben uns bei Veränderungen im Haus Holzenstein immer überlegt: Was hätte ich gerne, wenn ich so alt wäre. In dieser Beziehung war meine Frau immer konsequent.

Wie stellen Sie es sich konkret vor?

Flück: Jeder und jede will möglichst lange zu Hause bleiben. Da bin ich keine Ausnahme. Wenn es aber aus irgendeinem Grund nicht mehr gehen sollte, würde ich in eine Institution wie das Haus Holzenstein. Und zwar mit gutem Gewissen.

Ist Ihre Wohnung so eingerichtet, dass Sie möglichst lange in den eigenen vier Wänden bleiben können?

Flück: Das ist so. Wir haben kürzlich die Dusche umgebaut, die jetzt rollstuhlgängig ist.

Was haben Sie sich für die Pensionierung vorgenommen?

Flück: Wir machen jetzt eine sechs- oder siebenwöchige Reise mit dem Wohnmobil nach Dänemark und Schweden.

Und danach?

Flück: Ich habe noch ein Beratungsmandat bei einem kleineren Haus. Zudem engagiere ich mich beim Verein Adlatus, wo sich Führungskräfte zur Verfügung stellen, wenn Not am Mann in einem Betrieb ist. Dann habe ich Hobbies wie Kochen oder Musik, die ich künftig mehr pflegen will.

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