«Wir haben viel Mut gebraucht»

ROMANSHORN. Vor 40 Jahren übernahmen Gerhard und Carla Ströbele eine Druckerei an der Alleestrasse in Romanshorn. Im Interview sprechen die beiden über Stiere, schwierige Entscheide und erboste Hausfrauen.

Markus Schoch
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Carla und Gerhard Ströbele in der Druckerei. Die beiden arbeiten nach wie vor im Geschäft mit. (Bild: Reto Martin)

Carla und Gerhard Ströbele in der Druckerei. Die beiden arbeiten nach wie vor im Geschäft mit. (Bild: Reto Martin)

Herr Ströbele, was macht einen guten Unternehmer aus?

Gerhard Ströbele: Er muss Visionen haben und wissen, wohin er will. Und vor allem braucht er viel Mut, um grosse Risiken einzugehen. Und er braucht starke Mitarbeiter, die ihn unterstützen.

Gibt es in dieser Beziehung auch nützliche Eigenschaften des Stiers? Mit diesem Tier vergleichen Sie sich in Ihrer kürzlich erschienenen Autobiographie*.

Gerhard Ströbele: Man sagt dem Stier nach, dass er stur auf seinem Weg bleibt. Eine grosse Stärke von mir ist, dass ich trotz grösster Schwierigkeiten auf Sachen losgegangen bin, von denen Dritte nachträglich sagen, es sei ein Wahnsinn gewesen, was ich gemacht hätte.

Frau Ströbele, Sie waren selber Geschäftsfrau. Sie führten die der Druckerei angegliederte Papeterie und später einen Creativ-Laden im Rütihof. Tickten Sie genau gleich wie Ihr Mann?

Carla Ströbele: Ja, fast gleich. Ich musste allerdings Prioritäten setzen, da ich mich auch noch um die Familie zu kümmern hatte. Ich habe immer versucht, die richtige Balance zu finden. Überall perfekt zu sein, war aber nicht möglich. Manchmal war es darum nicht tiptop aufgeräumt in der Wohnung.

Sie teilten Bett und Büro. Wie haben Sie es geschafft, einander nicht auf die Nerven zu gehen?

Gerhard Ströbele: Von Anfang an hatte jeder von uns seinen Bereich. Carla stellte ihr Personal selber ein, machte den Einkauf selbständig und ging auf Messen. Ich kümmerte mich um die Druckerei.

Carla Ströbele: Irgendwie haben wir es verstanden, Beruf und Privatleben gut unter einen Hut zu bringen. Ich sagte aber immer klar: Ich gehe nicht alleine in die Ferien.

Gerhard Ströbele: Ja, wir haben immer Ferien gemacht. Am Anfang vielleicht gemeinsam eine Woche, später zwei. Und das Geschäft blieb zu Hause.

Carla Ströbele: Aber das Aktenköfferchen musste immer mit.

Gerhard Ströbele: Man konnte nie wissen...

Herr Ströbele, Sie sind jetzt 78 Jahre alt und arbeiten immer noch regelmässig im Betrieb, den Sie 30 Jahre geführt haben, bevor Sie ihn 2003 Ihrem Sohn übergaben. Einmal Unternehmer – immer Unternehmer?

Gerhard Ströbele: Ich habe mich aus der Geschäftsleitung zurückgezogen und bin noch im Verwaltungsrat. Ich kümmere mich jetzt noch um Kunden, die wünschen, dass ich sie betreue. Und ich mache die Spezialbeilagen im «Seeblick». Ich kann jederzeit aufhören, wenn es mir beispielsweise gesundheitlich nicht mehr so gut gehen würde.

Carla Ströbele: Aber es hat schon etwas: einmal Unternehmer, immer Unternehmer.

Ist Loslassen schwierig?

Gerhard Ströbele: Nein, wir hatten immer auch anderes neben dem Geschäft. So waren wir mit dem Schiff auf dem See, fuhren oft Velo, machten Ferien, haben später Wellness entdeckt. Ich hatte die Gnade, aus dem Geschäft zu laufen und alles hinter mir lassen zu können.

Geschäftsübergaben sind ein ganz heikles Feld. In vielen Fällen klappt es nicht. Wie haben Sie es gemacht?

Gerhard Ströbele: Wir hatten das Glück, dass unser Sohn Stefan bereits in der Primarschule in Aufsätzen schrieb, er werde das Geschäft des Vaters übernehmen. Er hat dann nach der Lehre als Schriftsetzer und der Berufsmittelschule sechs Jahre lang in weiterführenden Schulen auf dieses Ziel hingearbeitet. Im ganzen Prozess haben wir uns sehr früh von Beratern begleiten lassen. Das hat sich gelohnt.

Der Anfang in Romanshorn als Unternehmer war nicht einfach. Sie hatten kein Geld, die Wirtschaft war in einer Krise, Frau und Kinder wollten eigentlich in Basel bleiben und nicht zurück nach Romanshorn. Zudem prophezeite Ihnen der Finanzchef des damaligen Arbeitgebers den baldigen Konkurs. Trotzdem wagten Sie den Schritt in die Selbständigkeit und konnten sich am Markt behaupten. Wie war das möglich, Herr Ströbele?

Gerhard Ströbele: Nötig war ein unbändiger Wille. Zudem hatte ich das Glück, dass ich in Basel bei Birkhäuser während sieben Jahren in allen Bereichen unserer Branche arbeiten konnte. Als Produktionsleiter hatte ich freie Hand. Ich war Chef von 43 Abteilungsleitern, was einiges an Durchsetzungswillen verlangte. Geholfen hat mir beim Start in Romanshorn aber auch, dass ich vorher schon zehn Jahre hier war. Ich hatte ein grosses Beziehungsnetz.

Carla Ströbele: Eine berufliche Veränderung war unumgänglich, da mein Mann immer neue Aufgaben in der Firma übernahm, was ihm gesundheitlich zusetzte. So konnte es nicht weitergehen. In Romanshorn war es zwar nicht weniger Arbeit, aber sie war befriedigend.

Gerhard Ströbele: Kaum war ich in Romanshorn, ging es mir wieder besser. Die Beschwerden waren weg und kamen nie wieder.

Wie war für Sie der Schritt zurück in die Heimat, Frau Ströbele?

Carla Ströbele: Es war eine Rückkehr mit gemischten Gefühlen, denn ich war glücklich in Basel. Der Schritt war für mich eine riesige Herausforderung. Ich war es nicht gewohnt, ein Geschäft zu führen. Es kam zum Glück gut, auch mit der Familie.

Zwischen 1970 und 2000 sei in der Druckereibranche alles auf den Kopf gestellt worden, schreiben Sie in Ihrem Buch. Die Sorgen um die Finanzen hätten zum ständigen Begleiter gehört. Haben Sie nie daran gedacht, den Bettel hinzuwerfen?

Gerhard Ströbele: Nein, denn ich habe immer an mich geglaubt. Carla Ströbele: Unser Glück war auch, dass sich das wirtschaftliche Umfeld sehr schnell verbesserte, nachdem wir angefangen hatten.

Gerhard Ströbele: Profitiert haben wir auch von der Schwäche der Schweizerischen Bodensee-Zeitung, die unsere Konkurrenz war. Die Kundenbeziehungen waren früher auch enger und tragfähiger als heute. Je länger je mehr zählt nur noch der Preis. Das grösste Problem ist die Veränderung beim Führungspersonal der Kunden. Der Wechsel ist gross. Bis man die entscheidenden Personen kennengelernt hat, sind sie möglicherweise schon wieder weg.

Sie besuchten noch mit über 50 Jahren einen Unternehmerkurs. Was Sie dort zu hören bekamen, machte Ihnen das Leben nicht unbedingt einfacher.

Gerhard Ströbele: Als ich den Kurs anfing, waren wir gerade fertig mit dem Neubau an der Alleestrasse. Es gab endlich Platz für grössere Maschinen. Ich war vollends überzeugt, alles richtig gemacht zu haben. Am Kurs sagten mir dann verschiedene Finanzexperten von Banken, ich müsse so und so viel Mehrumsatz machen oder den Laden schliessen. Das war ein kritischer Moment. Alle um mich herum hatten damals keine gute Zeit.

Carla Ströbele: Ich hätte zu jener Zeit alle auf den Mond schiessen können. Man kann nicht einfach nur nach Statistiken gehen und alle Druckereien und alle Banken in den gleichen Topf werfen. Man darf in unserem Fall nicht vergessen, dass eine Familie dahinter steht.

Sie haben sich wiederholt in die öffentliche Diskussion in Romanshorn eingemischt, auch wenn das möglicherweise schlecht fürs Geschäft war. Sie führten beispielsweise das Komitee, das sich für den Verbleib von Mocmoc am Bahnhof stark macht. Warum?

Gerhard Ströbele: Ich habe mir meine Meinung nie nehmen lassen. Als ich mich seinerzeit gegen die Wahl von Walter Anderes zum Gemeindeammann ausgesprochen hatte, kam eine Frau zu mir ins Geschäft und meinte, sie werde dafür sorgen, dass viele Hausfrauen nicht mehr bei uns einkaufen würden.

Carla Ströbele: Das war gewaltig, man glaubt es nicht.

Gerhard Ströbele: Ich habe mich davon nicht beeindrucken lassen. Ein Unternehmer muss auch in lokalpolitischen Fragen eine Meinung haben.

Sie hatten nie grosse Einbussen, weil Sie Stellung bezogen?

Gerhard Ströbele: Nein.

Und trotzdem mischen sich die wenigsten Unternehmer in die Politik ein.

Gerhard Ströbele Ja, und heute ist es sogar schlimmer als früher. Mit ein Grund, dass in Romanshorn kaum mutige Ideen entstehen.

* Gerhard Ströbele: «Erinnerungen an ein Leben voller Herausforderungen und viel Leidenschaft». Das Buch ist im Handel nicht erhältlich.

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