«Wir gehören nicht hierher»

EGNACH. Ein 90jähriger Mann und seine 87jährige Ehefrau kommen nach dem Spitalaufenthalt in ein Pflegeheim. Sie möchten zurück in ihr Haus in Kesswil. Nachbarn und Freunde setzen sich für sie ein. Die Kesb sagt, sie tue alles, was möglich sei.

Ida Sandl
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Möchte bald wieder zurück in ihr Haus in Kesswil: Heidi Visini mit der Katze Jessica im Zimmer des Pflegeheims «Seerose» in Egnach. (Bild: Donato Caspari)

Möchte bald wieder zurück in ihr Haus in Kesswil: Heidi Visini mit der Katze Jessica im Zimmer des Pflegeheims «Seerose» in Egnach. (Bild: Donato Caspari)

Seit Jessica da ist, geht es besser. Die Katze tröste sie, sagt Heidi Visini, eine kleine, dunkelhaarige Frau, so schmal, dass sie fast zerbrechlich wirkt. Trost können Heidi Visini und ihr Mann Tony gut gebrauchen. Sie ist 87 Jahre alt, er 90. Seit Mitte September leben sie im Pflegeheim Seerose in Egnach. Einem Ort, an dem sie nie sein wollten. Es fehle ihnen zwar an nichts, alle seien freundlich, aber «wir gehören nicht hierher», sagt Heidi Visini. Sie fühle sich «wie im Hochsicherheitsgefängnis». Sie hätten nichts zu tun, würden meistens im Zimmer sitzen.

Das Ehepaar leidet

Die Mahlzeiten mit den pflegebedürftigen Heimbewohnern sind für das Ehepaar eine Qual. Manche könnten nicht mehr selbständig essen. «Es ist schlimm, das mit ansehen zu müssen, wenn man selber alt ist», sagt Heidi Visini. Tränen laufen ihr über die Wangen. Auch das Aktivierungsprogramm gefällt ihr nicht. «Neun Kegel aufstellen ist für mich Tubeli-Züüg.» Bis vor kurzem lebten Visinis im eigenen Haus mit Garten in Kesswil. Dann ist Heidi Visini gestürzt, sie kam ins Spital. Während sich die Ärzte um ihren Rücken kümmerten, passierte das nächste Unglück: Tony Visini stürzte ebenfalls. Freunde fanden ihn, als sie ihn mit einem Zmorge überraschen wollten. Auch er kam ins Spital, sogar ins Zimmer seiner Frau. Mit der Entlassung fingen die Probleme an. Der Sozialdienst des Spitals fand, es sei «undenkbar» das Ehepaar nach Hause gehen zu lassen. Die beiden seien körperlich zu schwach, ihre geistig-logischen Fähigkeiten zu eingeschränkt. Nahe Verwandte gibt es im Umkreis nicht.

Das Spital habe deshalb im Pflegeheim Seerose nach einem freien Zimmer gefragt. «So etwas ist absolut üblich», sagt Beat Ammann, CEO von Seniocare. Zu dieser Gruppe gehören 29 Pflegeheime, darunter auch die Seerose. «Das sind sehr emotionale Themen.»

Visinis verstehen nicht, wieso sie nicht zurück nach Kesswil dürfen. Das Haus sei altersgerecht, es gebe keine Schwellen. Im Quartier seien sie gut integriert. Freunde und Nachbarn kommen regelmässig und helfen. Man könne sich Essen liefern lassen und falls nötig, könnte die Spitex öfter kommen.

Entscheid steht noch aus

Der Entscheid, wo Visinis in Zukunft leben sollen, ist noch nicht gefallen. In den letzten Tagen ist das Ehepaar in der Memory Clinic in Münsterlingen abgeklärt worden. Auch davon wird es abhängen. Andreas Hildebrand, Präsident der zuständigen Kesb Arbon, ist ans Amtsgeheimnis gebunden. Er versichert aber: «Wir bemühen uns speziell in diesem Fall, alles zu tun und zu erfahren, um für die beiden Leute die für sie zumutbare Lebensform zu finden.» Die Kesb sei aber erst eingeschaltet worden, als das Paar schon in der Seerose war. Auch Beat Ammann sagt: «Mein Eindruck ist, es läuft alles sehr professionell ab.»

Heidi und Tony Visini dauert es viel zu lange. Sie fühlen sich nicht ernst genommen, entmündigt. Plötzlich könnten sie nicht mehr selber entscheiden, wie sie leben möchten. «Aber es ist doch unser Leben und wir haben nicht mehr so viel Zeit.»